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„Audrie & Daisy“: Interview zur Doku über Cybermobbing und sexuelle Gewalt

Pearl Abbey-Obaro 23.09.2016 Lesezeit 6 Min

Jede siebte Frau in Deutschland ist von sexueller Gewalt betroffen. Das Dokudrama „Audrie und Daisy“ erzählt die Geschichte zweier US-amerikanischer Jugendlicher und ihres Versuchs, Übergriffe auf sie in einer digitalisierten Gesellschaft zu verarbeiten. WIRED sprach mit den Machern des Films.

Die 15-jährige Audrie Pott nahm sich am 12. September 2012 das Leben. Eine Woche zuvor hatte eine Gruppe Mitschüler sie vergewaltigt, als sie bewusstlos und betrunken war, und am nächsten Tag Bilder davon ins Internet gestellt. Der Fall Audrie Pott ist kein Einzelfall, wie auch die Geschichte von Daisy Coleman zeigt, die ebenfalls von einem Mitschüler vergewaltigt wurde. Am Beispiel der beiden greift die Dokumentation Audrie und Daisy das Problem von sexuellen Übergriffen und Cybermobbing auf. Ab heute ist sie bei Netflix zu sehen.

Der Dokumentarfilm hat auf dem Sundance-Filmfestival 2016 bereits mehrere Preise gewonnen. WIRED hat die Doku vorab gesehen und mit den Produzenten und Filmemachern Bonni Cohen und Jon Shenk über das Zusammenspiel von sexueller Gewalt und sozialen Netzwerken gesprochen.

WIRED: Audrie & Daisy ist durchzogen von Chatfenstern und Hashtags. Sind diese Nachrichten fiktiv?
Cohen: Nein, das sind sogar die originalen Chatverläufe, die beispielsweise in Audries Fall das einzige Indiz waren, um den Fall aufzuklären.

WIRED: Das einzige Indiz?
Cohen: Audrie hat damals niemandem von dem Vorfall erzählt. Erst nach ihrem Tod fanden ihre Eltern heraus, was passiert ist, und das nur mit Hilfe ihrer Chatverläufe.

WIRED: Soziale Netzwerke haben also nicht als Stilmittel im Film fungiert?
Cohen: Auch, aber erst einmal waren sie der Grund, weswegen wir die Dokumentation überhaupt gemacht haben. Digitale Medien haben einen extrem großen Einfluss auf sexuelle Übergriffe und das wollten wir untersuchen. Dass wir die Chats dann in den Film eingebaut haben, war notwendig und auch ein Stilmittel. Wir wollten, dass der Zuschauer sich in die Situation hineinfühlen kann, und vor allem, dass Teenager einen realen Bezug aufbauen können. Nur durch die echten Chatverläufe konnten wir die Unterhaltungen authentisch halten. Sie verbildlichen auch, wie die Gesellschaft auf solche Vorfälle reagiert.

WIRED: Wieso haben Sie sich für die Geschichten von Audrie Pott und Daisy Coleman entschieden?
Cohen: Sie haben einfach perfekt zusammengepasst. Audries Geschichte haben wir wie eine poetisches Echo um Daisys gesponnen und irgendwie finde ich, dass die beiden zueinander sprechen. Die Verbindung zwischen ihnen ist etwas, das alle Geschichten dieser Art teilen. Wir haben im Zuge der Dokumentation mit hunderten Opfern von sexueller Gewalt und Cybermobbing gesprochen. Daisy haben wir über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet und gesehen, wie sie sich nach dem Vorfall verändert hat. Irgendwann hat sie all das verarbeiten können. Es war schön, mit anzusehen, wie sie zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen ist. Das zeigt auch die Dokumentation sehr gut.

WIRED: Sie haben Cybermobbing angesprochen. Tragen soziale Netzwerke eine Schuld an solchen Übergriffen?
Shenk: An den sexuellen Übergriffen selbst natürlich nicht. So etwas gibt es leider schon seit Anbeginn der Menschheit und ist nicht die Schuld eines Mediums. Viel mehr haben die Menschen Schuld an allem, was danach passiert, zum Beispiel Cybermobbing. Und nach einem sexuellen Übergriff noch zusätzlich online angegriffen zu werden, ist furchtbar. Das war früher einfach anders.

Jon Shenk

WIRED: Was war anders?
Shenk: In den 80ern beispielsweise, als wir zur Schule gegangen sind, da war ein sexueller Übergriff eine grauenhafte, aber eine relativ private Sache für die Opfer. Doch heute kommt zum Übergriff an sich hinzu, dass Fotos und Videos davon gemacht und über das Internet mit allen geteilt werden können. Das sind Informationen zu Dingen, an die sich das Opfer im schlimmsten Fall selbst nicht mehr erinnern kann. Am nächsten Tag weiß jeder in der Schule davon, hat eventuell sogar Bilder davon gesehen. Soziale Netzwerke verstärken den Effekt der ganzen Situation einfach.

WIRED: Weil sie eine Plattform für Bildmaterial bieten?
Cohen: Auch. Aber da passiert ja mehr als das. Es entsteht eine Art Marktplatz, auf dem die Opfer öffentlich an den Pranger gestellt werden und der Übergriff alles ist, worüber gesprochen wird. Sie verändern das Setting: Was vorher privat war ist jetzt öffentlich.
Shenk: Die Opfer haben einfach keine Zeit, das Geschehene zu verarbeiten oder zu reflektieren, werden aber ständig mit demütigenden Inhalten konfrontiert. Vor allem im jungen Alter kann man damit nicht umgehen. Kinder wissen ja noch gar nicht, wer sie sind. Es passiert dann etwas, das Retraumatisierung genannt wird, wenn sie gezwungen sind, das Geschehene immer wieder zu erleben. In schlimmen Fällen, wie bei Audrie, können die Opfer mit der ganzen Situation nicht mehr umgehen und denken, dass ihr Leben vorbei ist. Selbstmord auf Grund von Cybermobbing ist nicht selten.

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WIRED: Das hört sich so an, als ob die heutigen Medien alles verschlimmern.
Shenk: Das kann man nicht verallgemeinern. Digitale Medien sind eine neutrale Macht, wie sie eingesetzt werden, hängt von uns ab. Die digitale Kommunikation kann auch viel Gutes bewirken.Überlebende und Opfer können sich austauschen und gegenseitig helfen. Wir als Gesellschaft haben einfach immer noch nicht richtig gelernt, wie wir mit der Digitalisierung von Kommunikation umgehen sollen, welche moralischen Codes es gibt und welche Auswirkungen unsere Handlungen haben. Das ist ein gesellschaftliches Problem.

Bonni Cohen

WIRED: Wie haben Zuschauer bisher auf den Film reagiert?
Shenk: Ich glaube, die meisten waren geschockt. Vielen realisieren,dass wirklich etwas schiefläuft, wenn es darum geht, wie auf so einen Vorfall reagiert wird. Sowohl in Audries Fall als auch in Daisys.

WIRED: Glauben Sie, dass Sie es schaffen, mit Audrie und Daisy die richtige Botschaft zu übermitteln?
Shenk: Die Aufgabe eines Filmemachers liegt nicht darin, eine bestimmte Botschaft zu vermitteln.Natürlich würden wir uns wünschen, dass besonders durch die persönliche und intime Art und Weise, in der der Film erzählt wird, vor allem Jugendliche zum Umdenken anregt werden.
Cohen: Vor allem die Art und Weise, wie in den sozialen Netzwerken miteinander kommuniziert wird, muss sich ändern. Es mangelt an Respekt untereinander und an einer verantwortungsbewussten Nutzung der neuen Technologien. Die digitalen Medien bieten so viele Möglichkeiten, aber wir alle nutzen sie falsch.

WIRED: Haben Sie Hoffnung, dass sich das ändert?
Shenk: Letztendlich hält man als Filmemacher der Gesellschaft nur einen Spiegel vor. Was die Zuschauer dann in der Reflektion sehen, welche Wahrheit sie für sich darin finden und vor allem, was sie dann daraus machen, das können wir nicht bestimmen.