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Was ihr zum aktuellen Streit um Ad-Blocker wissen müsst

Helena Kaschel 07.09.2016

Werden Ad-Blocker bald gesetzlich verboten? Nach Recherchen von netzpolitik.org sind Lobbygruppen in Deutschland diesem Ziel ein Stück näher gekommen. Worum es in der Debatte geht und was Internetnutzer jetzt erwarten können, erfahrt ihr in diesem Überblick.

Wer kämpft gegen wen?

Ein Internet ohne Pop-Ups, Banner, Malware-Seiten und Autoplay-Videos: Das ist das Heilsversprechen von Ad-Blockern. Die Software blendet die auf Webseiten geschaltete Werbung aus, Nutzer können ungestört surfen. Anbieter gibt es etliche, die Nutzerzahlen sind in den vergangenen Jahren immens gestiegen.

Laut einer Studie von Adobe und dem irischen Anti-Ad-Blocking-Startup PageFair nutzten Mitte 2015 weltweit rund 198 Millionen Menschen regelmäßig Ad-Blocker. In Deutschland setzt aktuell rund ein Viertel der Internetnutzer auf Werbefilter. Nachdem Apple im Herbst 2015 Ad-Blocker auch in seinem App Store anbot, stiegen die Nutzerzahlen nach Angaben des GlobalWebIndex weltweit sogar noch mal um zehn Prozent an.

Das gefällt nicht allen. So beliebt Ad-Blocker bei Nutzern sind, so sehr ärgern sie Betreiber von Webseiten, die sich durch Anzeigen finanzieren – von der Werbebranche ganz zu schweigen.

Laut PageFair und Adobe entgehen Publishern und Werbetreibenden durch Ad-Blocker jährlich Riesenbeträge: Waren es 2015 noch 21,8 Milliarden US-Dollar, könnten ihnen 2016 durch Werbeblocker schon 41,4 Milliarden entgehen. Die höchsten Einnahmeverluste gibt es dabei im Gaming-Bereich und auf Social-Media-Plattformen. Längst haben sich Interessenvertretungen dem Kampf gegen Ad-Blocker verschrieben – und der wird mit verschiedenen Waffen ausgetragen.

Wie wehren sich die Ad-Blocking-Gegner?

Immer wieder gibt es Versuche, juristisch oder auf anderen Wegen gegen Werbeblocker vorzugehen. Pagefair etwa bietet Internetseiten ein Tool an, mit dem an der Stelle einer von Ad-Blockern ausgeblendeten Werbung Anzeigen geschaltet werden, die von den Werbefiltern nicht erkannt werden können.

Tech-Giganten wie Google und Amazon erkaufen sich in einem umstrittenen Verfahren einen Platz auf der so genannten „Whitelist” des erfolgreichen Anbieters AdBlock-Plus. Wer auf dieser Liste steht, verpflichtet sich, nur „akzeptable” Werbung zu zeigen. Was akzeptabel ist, bestimmt der Ad-Block-Anbieter, für den das Whitelisting eine willkommene Einnahmequelle ist.

In Deutschland hat vor allem der Kampf der großen Verlage gegen Ad-Blocker Schlagzeilen gemacht: Axel Springer, Spiegel Online, RTL, ProSieben/Sat1, die Süddeutsche Zeitung und die Zeit, sie alle haben gegen Eyeo, die Firma hinter AdBlock Plus, geklagt – und verloren. Allein Springer konnte mit zwei einstweiligen Verfügungen einen Teilerfog verbuchen. Außerdem stufte das Oberlandesgericht Köln das Whitelisting von AdBlock Plus als illegal ein.

Wie realistisch ist ein gesetzliches Verbot in Deutschland?

Ende August stellte die EU eine Richtlinie vor, nach der es Mobilfunkanbietern verboten ist, Werbung auf Webseiten zu unterdrücken. Der Grund: Werbefilterung verstoße gegen die Netzneutralität.

In der deutschen Politik waren Ad-Blocker lange kein Thema – bis jetzt. Nach Recherchen des Portals netzpolitik.org beschäftigt sich die Bund-Länder-Kommission für Medienkonvergenz (BLKM) schon seit einem halben Jahr mit der Problematik, nämlich seit einem Treffen zwischen der Bundeskanzlerin und den Regierungschefs der Länder im Dezember 2015.

Im März 2016 lud die Kommission Vertreter aus der Medien- und Werbebranche zu einer Art „Workshop” ein. Das Ergebnis: Die Forderung, Ad-Blocker gesetzlich zu verbieten, wird von der BLKM jetzt offiziell bearbeitet. Die Interessenvertreter hatten angeben, nicht auf Gerichtsentscheidungen warten zu können. Das Bundeswirtschaftsministerium zeigte dafür Verständnis.

Was geht es jetzt weiter?

Ob und wie es zu gesetzlichen Maßnahmen gegen Ad-Blocker kommen wird, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass das Thema in der deutschen Politik angekommen ist. Allerdings bezieht sich die Forderung der Interessenverbände in dem BLKM-Bericht nur auf kommerzielle Ad-Blocker. Sollte es also zu einem Verbot kommen, könnten Internetnutzer möglicherweise auf andere Angebote ausweichen.

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