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Eine liebevoll-verrückte Graphic Novel über Alan Turing

Lina Hansen 21.03.2017

Alan Turing war kein kühler Logiker. Der Leipziger Illustrator Robert Deutsch hat eine Graphic Novel über den britischen Mathematiker veröffentlicht und zeigt: Genie und Tragik waren in Turings Leben eng miteinander verwoben.

Schneewittchen spielt im Hintergrund Geige, während die Haushälterin von Alan Turing die Wohnung betritt. Sie findet den Mathematiker leblos im Bett. Auf dem Nachttisch liegt ein angebissener Apfel. Der Erfinder des Turing-Tests hat sich vergiftet. So setzt die Graphic Novel Alan Turing von Robert Deutsch die Stimmung für die letzten drei Jahre im Leben des britischen Mathematikers. Das Schneewittchenmotiv behält Deutsch konsequent bei. Turing wird stets von Zwergen begleitet, egal ob bei der Arbeit oder beim Joggen.

Deutsch arbeitet mit Rückblenden, lässt sich nicht auf eine chronologische Abfolge ein, und visualisiert dabei Gedanken und Emotionen. So entsteht ein Eindruck von Alan Turings Leben, das von tragischen Ereignissen, Pioniergeist, Genie und dem Kampf gegen den Nationalsozialismus geprägt war.

Die Graphic Novel des Leipziger Illustrators Deutsch begann als Abschlussarbeit seines Kommunikationsdesign-Studiums an der Burg Giebichenstein in Halle. Anfang März diesen Jahres im Avant Verlag erschienen, wurde das Buch bereits 2015  für den Comicbuchpreis nominiert.

Robert Deutsch

Wie bricht man ein ganzes Leben auf 192 Seiten herunter? „Zuerst habe ich mich im Heinz-Nixdorf-Museum gemeldet und dort enorm viele Infos über Turing bekommen. Das hat mir geholfen, Schwerpunkte zu setzen“, sagt Deutsch. „Dann habe ich mich entschieden, mich auf seinen persönlichen Lebensweg zu konzentrieren. Mir ist nämlich zuallererst die Tragik von Turings Leben ins Auge gesprungen. Das fand ich spannender, als einfach nur den kühlen Mathematiker zu beschreiben. Denn der war er gar nicht“.

Turing sei vielmehr ein vielschichtiger, sensibler Mensch gewesen, der wegen seinen teils skurrilen Angewohnheiten und Charakterzügen belächelt wurde. Er kettete seine Teetasse an die Heizung oder fuhr als Mittel gegen seinen Heuschnupfen mit Gasmaske Fahrrad – Anekdoten, die Deutsch in die Graphic Novel einbaut, aber stets sympathisch darstellt.

Ein großes Thema im Buch ist Turings Homosexualität. Nachdem die britischen Behörden seine Beziehungen zu Männern aufgedeckt hatten, wurde er zur chemischen Kastration verurteilt. „Turing steht stellvertretend für 49.000 Menschen, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Im Gegensatz zu ihm wurden die allermeisten aber zunächst nicht rehabilitiert.“ Erst im Januar 2017 trat ein Gesetz in Kraft, das die Männer nachträglich begnadigt – das sogenannte Turing Law. Eine symbolische Geste.

„Es ist unfassbar, was damals praktiziert wurde. Das darf nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Deutsch. Die Hormonbehandlungen waren für Turing kaum zu ertragen. Deutsch greift ihre Folgen intensiv auf, beschreibt eindringlich die Gewichtszunahme, die Depressionen und die Stigmatisierung.

Ein weiteres Erlebnis, das Turing im Verlauf seines Lebens begleitete, ist der Verlust seines Freundes Christopher Morcom. Sein Tod inspirierte den Mathematiker dazu, sich damit zu beschäftigen, wie Maschinen überlistet werden können. „Ich fand es sehr spannend, dass er den Schmerz der verlorenen Jugendliebe darin umwandelt“, sagt Deutsch.

Neben Turings Privatleben schaffte es aber auch ein Teil seiner Arbeit in das Buch. IT und Coding waren ganz neue Themen für Deutsch. „Ich bin kein Computernerd“, sagt er über sich selbst. „Ein paar Dinge am PC einstellen und mit Grafikprogrammen umgehen kann ich. Mehr nicht.“ Hilfe holte er sich in der Turing-Biografie Enigma, von der er sich die mathematischen Details erklären ließ.

„Graphic Novels können durch ihre Dramaturgie so viel ausdrücken. Sie sind der letzte Schritt vor dem Film“, sagt Deutsch. In seinen Werken behandelt er ernste Themen, setzt aber Humor ein, um sie aufzubereiten. Seine Geschichten erzählen von Beziehung, Sexualität, vom Tod, von Außenseitern. „Ich mache auch gern Wimmelbilder. Dort haben oberflächlich betrachtet die einzelnen Szenen nichts miteinander zu tun“, sagt Deutsch. „Auf den zweiten Blick jedoch schon.“

Deutsch arbeitet viel mit Symbolik – manchmal subtil, manchmal offensichtlich. Ein Beispiel ist seine Zeichnung eines Mannes in Lederhosen mit Bier in der Hand, dessen Kopf die Form eines Autos hat. Für ihn vereint dieses Bild alle Stereotypen des deutschen Mannes.

Dazu kommt eine Begeisterung für unentdeckte Helden: „Es gibt so viele Charaktere, die es wert sind, mal ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden“, sagt Deutsch und denkt bereits über seine nächste Biographie nach: „Ich würde mich eher für einen Underdog als für jemand Berühmtes entscheiden. Alles was mit Außenseitern zu tun hat, finde ich spannend.“

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