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Im Parkour-Game „404Sight“ rennt man gegen die Macht der Internet-Provider an

Oliver Klatt 26.01.2015 Lesezeit 4 Min

In „404Sight“ springt und klettert der Spieler durch ein raumgewordenes Internet und kämpft gegen übermächtige Internet Service Provider. Die Entwickler des Spiels sind noch an der Uni — und kämpfen für den Erhalt der Netzneutralität.

Netzneutralität ist eine schöne und wichtige Idee: Keine Information, die durch das Internet fließt, soll bevorzugt oder benachteiligt werden. Nicht gegen Geld und auch nicht aus ideologischen Gründen. Das EU-Parlament hat diesen Leitsatz im April 2014 in seiner Telekomreform verankert. Und US-Präsident Barack Obama hat sich im vergangenen November ausdrücklich für eine Gleichbehandlung von Daten im Internet ausgesprochen.

Der Verlust der Netzneutralität ist eine der größten Bedrohungen unserer Zeit.

Erklärung von Studenten der Universität Utah

Doch die Netzneutralität bleibt bedroht. Lobbyisten und Internet-Provider laufen Sturm gegen die angebliche Einschränkung des freien Marktes. Sie wollen Usern, die mehr Bandbreiten in Anspruch nehmen, auch mehr Geld abknöpfen dürfen. Gleichzeitig sollen Peer-to-peer-Netzwerke ausgebremst werden, um Copyright-Verstöße zu unterbinden. Und in China, Tunesien, dem Iran und vielen anderen Ländern wird das Internet nach wie vor stark zensiert, bestimme Suchbegriffe und soziale Netzwerke werden komplett aus dem Datenstrom herausgefiltert.

„Der Verlust der Netzneutralität ist eine der größten Bedrohungen unserer Zeit“, heißt es in einer Erklärung, die 12 Studenten der Universität Utah gerade abgegeben haben. Der Anlass dazu war keine politische Kampagne und auch keine Großdemonstration, sondern ein Videospiel: „404Sight“ ist ein Parkour-Runner im Stil von „Mirror‘s Edge“ und zugleich Teil einer Abschlussarbeit, an der die Studenten schon seit einem Jahr arbeiten. Die Heldin des Spiels sprintet und springt durch eine räumliche Visualisierung des Internets. Mit Hilfe ihrer sogenannten Ping-Fähigkeit macht sie Routen sichtbar, die ein schnelles Vorankommen im Datennetz ermöglichen — oder erschweren. Diese Fähigkeit ist essentiell, denn ihr Gegenspieler ist ein allmächtiger Internet Service Provider, der ständig versucht, den Datenstrom zu drosseln und der Hauptfigur Hindernisse in den Weg zu legen.

„Wir haben die Netzneutralität als Thema gewählt, weil das Internet für uns und Millionen andere Menschen mittlerweile lebenswichtig geworden ist“, sagt Tina Kalinger, eine der Entwicklerinnen. Doch „404Sight“ ist kein langweiliges Serious Game mit erhobenem Zeigefinger geworden, sondern ein rasantes Action-Spiel. Das liegt daran, dass sich die Entwickler zunächst auf den Spielspaß konzentriert haben. Das Gameplay stand am Anfang, der Inhalt kam später. „Wir hatten das Glück, dass sich Mechanik und Botschaft so gut ineinander fügen“, sagt Kalinger. „Das Ziel eines Runners ist es, so schnell wie möglich zu sein. Und das Schlimmste ist, ausgebremst zu werden. Das gleiche gilt, wenn wir im Internet surfen.“

Die Darstellung des Netzes als leuchtende Kastenarchitektur soll einerseits der Popkultur Tribut zollen, gleichzeitig aber auch eigene Akzente setzen. „Wir haben uns für sehr einfache geometrische Formen und klare Linien entschieden, weil die uns an mit Maschinen vollgestopfte Server-Räume erinnern“, sagt Joe Rozek, der für die Gestaltung des Spiels verantwortlich ist. „Zugleich waren uns aber auch Farben sehr wichtig, weil sie dem Spieler viel über die Spielwelt verraten.“ Grüne Wege, die durch den Ping aufleuchten, signalisieren eine schnelle Verbindung, rote eine Drosselung durch den ISP. Um möglichst vielen Gamern den Zugang zu ermöglichen, haben die Macher von „404Sight“ sogar darauf geachtet, dass die verwendeten Farbtöne von Farbenblinden unterschieden werden können.

Derzeit ist das Team damit beschäftigt, lästige Online-Werbebanner in den Leveln zu verteilen. Was zunächst wenig einladend klingt, gehört zum Spielprinzip. „Mit ihrer Ping-Fähigkeit kann die Hauptfigur die wahre Botschaft sichtbar machen, die sich hinter der Werbung verbirgt“, erklärt Rozek. „Damit wollen wir zeigen, was die Internetfirmen wirklich mit all diesen Anzeigen bezwecken.“ Inspiration holten sich die Entwickler bei John Carpenters Kapitalismuskritik „They Live“.

Woche für Woche müssen die Studenten nun eine neue, verbesserte Version von „404Sight“ präsentieren. Diese Alpha-Builds können auf der Webseite des Teams kostenlos heruntergeladen werden. Die finale Fassung soll im Frühjahr fertig sein.