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/Life Der Macher von Reddit3016 will „demokratische digitale Communities“ schaffen

YouTube und die Huffington Post soll es im Internet in 1000 Jahren nicht mehr geben, so die Vision von Blair Erickson. In seinem Kunstprojekt Reddit3016 werden sie zu MindTube und dem Huffington Planet — und so zu Ausgangspunkten einer Persiflage auf heutige Phänomene der Tech- und Netzkultur. Im WIRED-Interview erklärt Erickson, wie Walt Disney ihn zum Utopisten machte und warum die Welt mehr als bereit ist für wahrhaft demokratische Digital-Communities.

Vier Jahre lang hat der amerikanische Filmemacher Blair Erickson an Reddit3016 gebastelt. In minutiöser Detailarbeit konstruierte er für sein Kunstprojekt ein Reddit der Zukunft — und damit ein Internet der Zukunft. Namen bekannter Plattformen, deren Headlines auf dem echten Reddit trenden, passte er dem Jahr 3016 an, oder zumindest daran, wie er sich dieses vorstellt.

Netflix wird zu Holoflix und Imgur zu Hologur, Links zu den Plattformen trenden auf Reddit2016. Wer auf die Threads klickt, wird wie bei der Originalplattform auf korrespondierende Seiten weitergeleitet. Den Content dieser Dead-End-Websites hat Erickson ebenfalls erstellt — und somit nicht nur seine Zukunftsvision der digitalen Community geschaffen, sondern eben auch die der realen Gesellschaft.

WIRED: Reddit3016 ist ziemlich verrückt. Gleichzeitig spannend und gruselig.
Blair Erickson: Schön, dass das so rüberkommt. Für mich war das Projekt am Anfang eine Art Mystery Funhouse des Internets. Als Kind der 80er liebte ich diese seltsam verrückte Attraktion in Orlando. Das Haus jagte dir zwar eine Menge Angst ein, aber fliehen wollte trotzdem niemand. Nicht bevor man alle bizarren Geheimnisse entdeckt hatte. Das war meine Grundidee für Reddit3016: Ich wollte eine digitale Version dieses Kindheitserlebnisses schaffen.

Filmemacher, Entwickler und Zukunftsvisionär: Blair Erickson Blair Erickson

WIRED: Für eine Internetseite in 1000 Jahren wirkt Reddit3016 allerdings ganz schön altbacken.
Erickson: Das liegt nur daran, dass du es mit der total veralteten Technologie des 21. Jahrhunderts anschaust.

WIRED: Beim Original-Reddit warst du vor einigen Jahren Moderator des Forums r/futurology. Würdest du dich als Futurologen bezeichnen?
Erickson: Es ist Teil meines Jobs als Kreativer, mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Zu überlegen, was sie für die Politik, die Technologie und die Kultur in petto halten könnte. Mich fasziniert nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Ich glaube, es geht mir hauptsächlich darum, wie die Menschheit durch die Zeiten wandelt.

WIRED: Oder vielleicht als Utopist?
Erickson: Auf jeden Fall bin ich Utopist. Das hat wieder mit meiner Kindheit zu tun. Wenn man wie ich in Orlando aufwächst, ist der Mythos von Walt Disney allgegenwärtig, ein Utopist der ersten Stunde. Allein schon das EPCOT-Center in Disney World, das ist viel mehr, als nur ein Vergnügungspark. So wollte Disney seine Stadt der Zukunft nennen: „Experimental Prototype Community of Tomorrow“ (Experimenteller Prototyp einer Gesellschaft von Morgen). Wäre er nicht gestorben, dann hätte Disney das sicher geschafft und seine Utopie einer anderen Welt verwirklicht — und das als einfacher Illustrator. Das gibt mir Hoffnung, das jeder, auch auf die Gefahr hin, dass sich das jetzt kitschig anhört, die Macht hat, die Welt zu verändern. Man braucht nur eine Vision.

Ich stelle mir digitale Communities vor, die demokratisch von Usern regiert werden.

WIRED: Und was ist deine Vision?
Erickson: Ich glaube an das Konzept demokratischer digitaler Communities. In der Zukunft könnte die Menschheit dezentralisierte Digital-Communities bauen. User die sie formen und nutzen, würde auch das System dahinter gehören. Das ist ungefähr das Gegenteil von dem, was wir heute mit den Social-Media-Riesen wie Facebook, Reddit oder Twitter haben. Ich stelle mir Communities mit bunten und reichhaltigen Kulturen vor, die direkt und demokratisch von Usern aus aller Welt regiert werden und auf einer Blockchain-Ökonomie basieren. Aktuell arbeiten mein Team und ich an einer Software, die dieses Ziel in greifbare Nähe rücken soll. (Anm. der Red.: Die Blockchain ist die Transaktionsdatei, in der alle Geldbewegungen der digitalen Währung Bitcoin vermerkt werden, nachvollziehbar und nachträglich so gut wie nicht zu verändern. Quasi das digitale Kassenbuch. Das Prinzip kann aber auch auf andere Dinge als Geld angewendet werden, zum Beispiel Lizenzen für digitale Kunst.)

WIRED: Das All soll laut Reddit3016 in 1000 Jahren komplett erforscht sein. Was wird danach die Final Frontier sein, die nächste letzte Grenze, die die Menschheit überschreiten muss?
Erickson: Erst einmal müssen wir das nächste Jahrhundert überleben. Denn faschistoide politische Systeme und Klimakatastrophen könnten der Menschheit einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn wir uns allerdings nicht selbst zerstören und die kommenden 100 Jahre schaffen, dann werden die Menschen in einer wunderbaren Zukunft ganz ohne Grenzen leben.

Wenn man dem Gehirn erst einmal die komplette Welt simulieren kann, was soll dann noch kommen?

WIRED: Wie ist es mit der Kunst, wie wird die in 1000 Jahren aussehen?
Erickson: Aktuell sind wir tatsächlich drauf und daran die Final Frontier in der Kunst zu bezwingen — und zwar mit Virtual Reality. Etwas neues wird es danach nicht mehr geben. Wenn man dem Gehirn erst einmal die komplette Welt simulieren kann, was soll dann noch kommen?

Holoflix sichert sich 3016 die Rechte an der Bibel, so steht es auf Reddit3016. Blair Erickson

WIRED: Die Threads auf Reddit3016 persiflieren immer wieder biblische Elemente, thematisieren Mythologisches oder fokussieren ganz substantielle Fragen nach Leben, Tod und dem Danach. An was glaubst du?
Erickson: Ich glaube nicht an Gott und habe ein großes Problem mit organisierter Religion. Dennoch finde ich die Idee verlockend, dass unser Bewusstsein etwas besonderes ist. Ich meine jetzt nicht, dass es magisch oder übernatürlich ist, aber rein wissenschaftlich gibt es das Bewusstsein nicht, es ist eine Illusion. Aber was ist es dann? Das Universum, das sich selbst erfährt?

WIRED: Jetzt philosophierst du aber ganz schön...
Erickson: Stimmt. Dann vielleicht so: Wir sind nichts weiter als ein Haufen von 724 Trillionen Zellen, die sich aber meistens einig darüber sind, was sie auf Netflix schauen wollen. Und diese Zellen haben sich auf „Jessica Jones“ geeinigt. Mann, das Universum ist ein ziemlich faszinierender Ort.

Mehr über das Kunstprojekt Reddit3016 lest ihr hier