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Digital ist besser / Kein HiFi ohne WiFi

04.01.2016

Alles ist heute mit einem Betriebssystem ausgerüstet, auch Musik-Anlagen. Johnny Haeusler hat herausgefunden, warum das zum Problem werden kann — und was neue HiFi-Systeme von alten Stereo-Anlagen lernen können.

Neulich war ich zum ersten Mal seit meiner späteren Jugend in einem HiFi-Geschäft. Also in einem Nerd-Laden, in dem es nur um Sound geht. Um „Stereo-Anlagen“, wie wir früher sagten.

Ein Freund hatte mir von Streaming-Anlagen erzählt und ich war ein bisschen neugierig geworden, denn Spotify und quasi jeden Radiosender der Welt direkt in einem mit dem Internet verbundenen HiFi-Gerät abrufen zu können, das könnte schon ganz lässig sein. Natürlich kann man heutzutage jedes Smartphone oder Tablet via Bluetooth oder WLAN mit den entsprechend ausgestatteten heimischen Lautsprechern verbinden, aber, nun ja, ich fand es trotzdem reizvoll, sich die Entwicklungen am Markt einmal genauer anzusehen.

Der Fachverkäufer war begeistert von meinem Interesse und zeigte mir zunächst ein Gerät der mittleren Preisklasse, also etwas unter 1000 Euro (ohne Lautsprecher). Er musste es nur noch hochfahren. Genau: hochfahren. Denn im Grunde genommen sind moderne HiFi-Anlagen mit Streaming-Funktion natürlich nichts anderes als Computer ohne Tastatur. Wie so viele elektronische Dinge, die uns umgeben.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Die vorzuführende HiFi-Anlage fuhr also hoch und der Händler erklärte mir derweil schon mal alle Vorteile. Streaming von diesem und jenem, Radio aus aller Welt, Zugriff auf alle Songs, die auf einer angeschlossenen Festplatte gespeichert sind. Währenddessen fuhr das Gerät weiter hoch. Und stürzte dabei zum Bedauern des Fachmanns ab. Ein Neustart wurde nötig, und der Händler beschloss, mir unterdessen ein anderes Gerät zu zeigen, dass durch ein speziell angepasstes Android-Betriebssystem auf dem neuesten Stand der Technik sein sollte.

Dieses fuhr dann auch etwas flotter hoch als der Vorgänger, verlangte aber vor der tatsächlichen Inbetriebnahme zunächst den Download und die Installation des aktuellen Updates. Kein HiFi ohne WiFi. Da das Update laut Anzeige etwas dauern könnte, begab sich der Händler mit mir zu einem dritten Gerät, das bereits angeschaltet war und demnach keine Schwierigkeiten machen sollte.

Tat es auch nicht. Allerdings erinnerte das Interface auf dem kleinen Touch-Screen des Geräts an die „Multimedia-Oberfläche“ eines Mercedes und war gleichermaßen frei von intuitiver Bedienung oder Benutzerfreundlichkeit. Man scrollte oder wischte durch große, abgerundete Pralinen-Symbole, die an das allererste iPhone angelehnt sein sollten, stattdessen aber wie „Hello Kitty“-Werbung wirkten. Das Ganze fand natürlich im „3D-Look“ statt und ruckelte bei jeder Bewegung, und bei einem Tab auf ein Symbol konnte man nie sicher sein, ob man auch richtig getroffen hatte, denn die Reaktion des Geräts ließ sich jedes Mal ein bis zwei Schrecksekunden Zeit. Während denen man natürlich, verunsichert durch das zunächst fehlende Feedback des GUI, bereits woandershin getippt hatte. Das führte dazu, dass die eigentlich gewünschte Funktion... Sie kennen das. Besonders beim Einstellen der Lautstärke bedeutete dieses Interface Spaß auf Mario-Barth-Niveau. Nämlich gar keinen.

Ich war nicht besonders beeindruckt und verließ den Laden freundlich dankend. Zumal das erste Gerät immer noch „hing“, also immer noch nicht gestartet war.

Ich freute mich auf meine alte Stereo-Anlage, die aus Ermangelung eines Betriebssystems nie abstürzt. Sie ist drei Millisekunden, nachdem ich den satt einrastenden „On“-Schalter betätige, einsatzbereit. Man drückt auf die Tasten „Phono“, „Radio“, „CD“ oder „AUX“, um die Musik von den entsprechenden Quellen zu hören, ein kleines LED-Display, das nur Schrift darstellen kann, zeigt diese sofort an, und für die Veränderung der Lautstärke dreht man an dem größten Knopf am Gerät. Im Uhrzeigersinn wird es lauter, entgegengesetzt leiser. Ein simples, aber über Jahrzehnte gelerntes und recht einleuchtendes Interface, das mir genügen soll. Und für den problemlosen Empfang von Streaming-Diensten habe ich jetzt ein iPad der ersten Generation angeschlossen, das für den Bruchteil des Preises einer dieser neuen HiFi-Anlagen zu bekommen ist.

Alles und jedes ist dieser Tage mit einem Betriebssystem ausgerüstet. Unsere Fernseher und unsere Kaffeemaschinen, unsere Heizungsanlagen und unsere Autos, unsere Türschlösser und Instrumente, sogar unsere Lichtschalter fahren hoch, stürzen ab und brauchen Updates. Man nennt es „Das Internet der Dinge“, und ich prophezeie, dass ich in zehn Jahren ein Vermögen für meine virenfreie und abhörsichere Stereo-Anlage bekomme.