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Microsoft hat mit seinem Surface Studio den besseren iMac gebaut

Dominik Schönleben 20.09.2017 Lesezeit 6 Min

Mit dem Surface Studio will Microsoft einen Kundenkreis für sich zurückgewinnen, der bisher Apple favorisierte: Grafikdesigner und Kreative. Aber kann das gelingen? Unser Gadget-Redakteur hat drei Wochen mit dem Computer gearbeitet.

Um das neue Elite-Produkt von Microsoft zu verstehen, muss man sich den iMac von Apple ansehen. Der hat sich seit 2007 kaum verändert. Er ist im Grunde noch immer derselbe riesige Monitor in einer möglichst dünnen Hülle aus Aluminium. Über die Jahre bekam der Computer das eine oder andere Update, das ihn schneller und besser machte – eigentlich blieb aber alles beim alten. Und vielleicht reicht das auch? Immerhin ist der iMac noch immer einer der beliebtesten Computer bei Grafikdesignern und Kreativen.


Doch langsam macht sich bemerkbar, dass auch seine Fans sich ein Update wünschen. Als im Juni 2017 der neue iMac auf der Apple-Entwickler-Konferenz WWDC vorgestellt wurde, war die Enttäuschung nicht nur hier bei uns in der Redaktion spürbar. Außer einer neuen Highend-Grafikkarte und einem schnelleren Prozessor gab es kaum nennenswerten Fortschritt. Logisch also, dass diese Ankündigung es nicht in die eigentliche Apple Keynote schaffte.

Während Apple also Jahr für Jahr bei dem blieb, was funktioniert, hat Microsoft experimentiert. Nach vielen gescheiterten Versuchen macht sich das jetzt bezahlt: Das neue Surface Studio ist der beste iMac bisher. Ein Computer, der selbst langjährige Apple-Fans zum Umstieg bewegen könnte.


Das wichtigste Verkaufsargument von Microsoft ist der Surface Dial.

Das neue Surface Studio sieht dem iMac äußerst ähnlich. Ich würde ihn fast als Design-Kopie bezeichnen. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Der Monitor ist nicht nur der dünnste je in einen Desktop-Computer verbaute LCD-Bildschirm, sondern auch frei kippbar. Er kann fast soweit heruntergeklappt werden, dass er flach auf dem Tisch aufliegt. In Kombination mit dem mitgelieferten Stift wird er so zu einem Grafiktablet, auf dem ich direkt Bilder zeichnen kann. Das ist vor allem für Anwendungen wie Photoshop oder ähnliche Grafikprogramme praktisch. Der Monitor war im Test auch so stabil, dass ich mich während der Arbeit auf ihm abstützen konnte.

Das Surface Studio kann nicht nur mit dem Stift gesteuert werden, sondern ist ein vollwertiger Touchscreen. Und mit über 71 Zentimetern Bildschirmdiagonale ein wirklich riesiger. Für mich war Touch bei einem Arbeitscomputer erstmal ziemlich ungewohnt. Immer wieder griff ich zur Maus, obwohl ich auch einfach auf den Monitor hätte tippen können. Nachdem ich mich aber daran gewöhnt hatte, machte es wirklich Spaß mit dem Finger durch Dokumente und Internetseite zu scrollen oder über Tweetdeck zu wischen.


Genau hier liegt im Vergleich die Schwäche der aktuellen iMacs. Sie sind nicht mit der Zeit gegangen, haben keine Innovationskraft mehr. Während Microsoft seit Jahren versucht Touch auch auf Desktop-Computer zu bringen, verwehrt sich Apple dieser Entwicklung – hat sie verschlafen. So kam auch die Touchbar der neuen Macbooks zustande. Sie ist ein Eingeständnis dieses Versäumnisses, eine unbefriedigende Zwischenlösung, weil das Betriebssystem macOS noch nicht bereit für Touch ist.

Es ist allerdings auch logisch, dass Apple zögert. Das Unserinterface zu verändern, ist gefährlich: Microsofts erster Versuch mit Touch scheiterte bei Windows 8 kläglich. Aber, wie man jetzt sieht, ging der Konzern in die richtige Richtung. Nach jahrelangen Experimenten funktioniert die Kombination aus klassischer Maussteuerung und Touch bei Windows 10 äußerst gut. Und beim Surface Studio kommt dieser Hybrid-Ansatz zum ersten Mal richtig zur Geltung.


In Sketchable kann die Farbe mit dem Dial während des Zeichnens übergangslos angepasst werden.

Perfekt ist die Touch-Steuerung auf Desktop-Geräten trotzdem noch nicht. Sie verhält sich oft nicht so, wie ich es durch jahrelange Erfahrung mit Smartphones erwarten würde. Will ich etwa einen Text markieren, hilft langes Drücken mit dem Finger nur in Microsoft Word, im Browser funktioniert diese Standardfunktion nicht. Hier öffnet sich einfach das von Windows bekannte Rechte-Maustaste-Menü. Ziemlich sinnlos für eine Touchsteuerung. Ähnlich verhält es sich auch mit der Eingabe von Texten: Sie läuft weiterhin über die Tastatur. Was mir im Praxistest fehlte, ist eine digitale Tastatur, die ähnlich wie beim Smartphone unter dem Textfeld aufklappt, damit direkt im Browser eine kurze Antwort auf eine Facebook-Nachricht getippt werden kann.

Als Zusatzgerät zum Surface Studio gibt es das Surface Dial. Eine Aluminium-Scheibe, die in Kombination mit dem Stift das Arbeiten in Grafikprogrammen leichter machen soll. Drückt man auf das Dial, öffnet sich ein Kontext-Menü. Das kann man mit dem Dial drehen, um verschiedene Optionen auszuwählen. Wenn der Bildschirm auf dem Tisch runtergeklappt wird, kann man das Dial sogar direkt auf dem Monitor platzieren. Die einzelnen Optionen werden dann am Rand der Scheibe angezeigt.

Der Nutzen des Surface Dial hängt stark davon ab, ob die Software-Entwickler sich die Arbeit gemacht haben und machen werden, es in ihre Programme zu integrieren. Während ich beim Zeichenprogram Sketchable während des Malens übergangslos die Farbe oder Pinselstärke anpassen kann, finde ich bei Photoshop nur wenige nützliche Basisfunktionen wie Zoomen oder Rückgängig machen. Shortcuts, wie etwa Einfügen und Kopieren, muss ich erst selbst belegen. Auch wenn das Surface Dial also als zentrales Feature des Computers beworben wird: Bisher ist es nur eine Spielerei.


Mit so viel Multitasking arbeitet es sich gleich angenehmer

Eine Sache, die mich beim iMac schon immer geärgert hat, und die auch das Surface Studio nachahmt: Die USB-Anschlüsse und der SD-Karten-Slot befinden sich auf der Rückseite des Rechners. Klar, das sieht gut aus, ist aber ziemlich unpraktisch. Microsoft war es wohl wichtig, dass sein Gerät kompromisslos schön sein muss – so wie auch der iMac.

Das Surface Studio ist trotzdem ein exzellenter Arbeitscomputer – zumindest für diejenigen, die dafür mindestens 3549 Euro ausgeben wollen. Der riesige Bildschirm nutzt zum ersten Mal die ganze Bandbreite aus, wie Fenster in Windows 10 verwendet werden können. In drei oder vier Programmen gleichzeitig auf einem Monitor arbeiten, ist auf der Größe des Surface Studio tatsächlich sinnvoll: Während in der oberen linken Ecke das Kartenspiel Hearthstone läuft, kann ich darunter in Slack chatten und auf der rechten Seite des Monitors diesen Text schreiben. So hatte ich mir meine Arbeit eigentlich immer vorgestellt. Der Bildschirm des Surface Studio ist wie zwei oder drei Monitore auf einmal – nur besser, weil alles immer im Blickfeld ist.

WIRED: riesiges Display mit großartiger Auflösung / kann zum Zeichentablet umgebaut werden / ist innovativer als der neue iMac
TIRED: Der Surface Dial ist bisher mehr Spielzeug / Touchsteuerung am Desktop ist noch nicht ausgereift / teuer

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