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Tablet-Power im Großformat: Apples neues iPad-Pro im Test

David Pierce 15.06.2017

Auch wenn das iPhone deutlich populärer ist: Apple strengt sich an, sein Tablet attraktiv zu halten. Das iPad Pro bekommt in der jüngsten Version ein größeres Display und mehr Rechenkraft für AR und VR. Grund genug für ein Update? WIRED hat es getestet.

Man sollte meinen, eines Tages würden Apple die Ideen ausgehen, wie das iPad noch besser werden könnte. Schließlich bringt die CPU schon seit langem mehr Tempo mit, als Normalnutzer eigentlich brauchen. Auch das Display überzeugt: Schärfer und reaktionsfreudiger zeigt sich kein anderer Touchscreen auf dem Tablet-Markt. Und der Akku hält tagelang. Genau: Tage, im Plural. Was könnte da noch fehlen? Zugegeben, die Lautsprecher sind mau. Aber das liegt vor allem an der Physik – wo es an Volumen mangelt, weil das iPad zu schlank geworden ist, können auch Apple-Ingenieure nichts hinzaubern.

Um so erstaunlicher also, dass es Apple dennoch gelungen ist, das iPad Pro in seiner neuesten Variante noch einmal deutlich zu verbessern. Das beginnt mit dem Display: Bislang sahen Apple und die meisten Käufer im 9,7-Zoll-Bildschirm des Vorgängermodells die perfekte Größe für ein Tablet, das gerade mal 435 Gramm schwer war. Nun haben die Entwickler mehr Bildschirmfläche im selben Gehäuse untergebracht: Beim neuen iPad Pro misst das Display 10,5 Zoll in der Diagonale (etwa 26,7 Zentimeter), und wer einen noch größeren Bildschirm sucht, kann zum Modell mit 12,9 Zoll Diagonale (etwa 32,8 Zentimeter) greifen.

Apples Neulinge im Vergleich: links das 10,5-Zoll-iPad Pro, rechts der große Bruder mit 12,9-Zoll Display-Diagonale

Zusätzlich hat der ohnehin schon rasend schnelle Prozessor mit dem A10X-Fusion-Chip noch mehr Rechenkraft bekommen – nicht für Netflix, sondern für das Zeitalter von Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). Das kommt auch dem Touchscreen zugute. Schon das bisherige iPad Pro überzeugte mit seinem kontrastreichen, hellen und reflektionsarmen Bildschirm. Das neue Display setzt noch eins drauf, indem es die Wiederholfrequenz – die sogenannte refresh rate – verdoppelt.

Immer hatte ich den Eindruck, nicht einfach auf Pixeln herumzuhacken, sondern tatsächlich zu berühren, was ich sah

Das mag nach Entwickler-Kauderwelsch klingen, ist aber wichtig zu verstehen: Eine Wiederholfrequenz von 120 Hertz bedeutet, dass das Bild 120 Mal pro Sekunde aktualisiert wird – nicht mehr 60 Mal wie bisher. Und je öfter das Bild aufgebaut wird, umso weniger Ruckeln zeigt sich bei schnellen Bewegungen. Entsprechend flüssig und elegant fühlte sich bei meinem Test alles an: Das Wischen über den Bildschirm, das Scrollen im Browser und in Apps, auch die Action in Videospielen – immer hatte ich den Eindruck, nicht einfach auf Pixeln herumzuhacken, sondern tatsächlich zu berühren, was ich sah.

Modernes Notizbuch: Dank Softwaretricks und reichlich Rechenpower fühlt sich Schreiben auf dem Display (endlich) an wie auf Papier.

Die Verbesserung der Hardware zeigt sich auch beim Arbeiten mit dem Apple Pencil. Meine (lausigen) Zeichenkünste und das (hastige) Schreiben von Notizen fühlten sich natürlicher an, weil es keine störende Verzögerung gab. Das liegt sicher an den kürzeren Reaktionszeiten des Displays, aber auch an der Fähigkeit des iPad Pro, seinen Nutzern einen Schritt voraus zu sein: Die Handschrift der meisten Menschen neigt sich in dieselbe Richtung, und beim Schreiben entstehen kurze Pausen. Apple versucht, daraus abzuleiten, wie die nächste Handbewegung aussehen könnte – und sich notfalls blitzschnell zu korrigieren, falls die Software falsch geraten hat. Das funktioniert bemerkenswert gut: Für mich fühlte sich das Schreiben mit dem Apple Pencil auf dem Bildschirm ähnlich an wie auf Papier.

Was das Display angeht, erweist sich die Diagonale von 10,5 Zoll als perfekt für Anwender wie Entwickler: Die hohe Auflösung von 2224x1668 Pixeln garantiert einen scharfen Bildeindruck und erlaubt es dem iPad, jede App eigenständig an das iPad-Pro-Display anzupassen; weder müssen die Entwickler eingreifen, noch kommt es durch Umrechnungen zu verwaschenen Bildern. Die 10,5-Zoll-Diagonale bedeutet auch reichlich Platz für die eingeblendete Tastatur, wenn das iPad quer liegt und die untere Bildschirmhälfte ausfüllt. Sie kommt dann von der Größe beinahe an eine herkömmliche Laptop-Tastatur heran. Für meinen Geschmack bleibt das Schreiben auf einer Hardware-Tastatur wie Apples Smart Keyboard oder ähnlichen Tastaturen von Drittanbietern dennoch deutlich angenehmer. Es fühlt sich einfach seltsam an, auf dem Glas herumzutippen, wenn das iPad quer liegt.

Dass es Apple gelungen ist, einen größeren Bildschirm im gleichen Gehäuse unterzubringen, gehört für mich zu den am wenigsten dramatischen Verbesserungen. Klar: Es sieht gut aus, und der Zugewinn an Displayfläche ist unübersehbar. Aber noch sind wir nicht da, wo wir eigentlich hin wollen. Auch das neue iPad Pro ist nur ein Zwischenschritt zwischen Vergangenheit (zu viel Gehäuse: bäh!) und dem Ideal in hoffentlich naher Zukunft (nichts als Bildschirm: hurra!).

Trotz aller Verbesserungen: Vielschreiber mögen sich weiterhin ein externes Keyboard wünschen. Das kostet bei Apple 119 Euro. Für den Stift sind 109 Euro extra fällig.

Zumindest bringt der Zugewinn an Displaygröße keinerlei Nachteile mit sich. Das iPad Pro verwechselte meine zugreifenden Hände nie mit einem bewussten Fingertippen, und es kam auch nicht vor, dass meine Finger beim Festhalten plötzlich die Sicht verdeckten oder sonstwie im Weg waren. Und dass mehr Bildschirmgröße auch mehr Fingerabdrücke bedeutet, die ab und zu weggewischt werden müssen, war ohnehin klar – jedes Tablet wird nach ein paar Minuten eifrigem Herumtippen eklig schmierig. Da ist das iPad Pro keine Ausnahme.

Bei der Apple-Entwicklerkonferenz Anfang Juni gab es für Programmierer eine schöne Überraschung: Mithilfe des ARKit soll es künftig ganz einfach sein, Augmented-Reality-Anwendungen für iOS-Geräte zu entwickeln. Auf der Konferenz führten Apple-Manager ein mitreißendes AR-Spiel vor und bauten – vor aller Augen auf der Bühne – eine Szene für Star Wars. Fast alle Beteiligten hielten dabei iPads in den Händen: Ein Display, das so groß ist, sei das perfekte Fenster in die Welt der Augmented Reality, erklärte mir später einer der Apple-Manager.

Im iPad Pro steckt dasselbe Kamera-Modul wie im iPhone 7 – ist aber nicht zum Knipsen gedacht

Deshalb findet sich im iPad Pro nun dasselbe Kamera-Modul wie im iPhone 7 – aber nicht, damit man das Tablet beim Konzert in die Höhe strecken kann, um aus dem Publikum Fotos zu machen und allen anderen die Sicht zu nehmen. (Ihr Monster!) Sondern, damit man per Kamera und Bildschirm einen besseren Blick auf die andere Seite der Welt gewinnt: durch das iPad hindurch, das alle Aufnahmen mit Informationen anreichern kann.

Gewiss, das Software-Team hinkt dem Ganzen ein paar Monate hinterher. Das neue iPad Pro wird – wie alle iPads – erst mit iOS 11 den vollen Nutzen aus solchen Fortschritten ziehen können. Das Update der Software ist für den Herbst angekündigt und verspricht reichlich neue Funktionen, darunter viele, die bisher nie im selben Atemzug mit dem iPad genannt wurden. Dazu gehören eine eingebaute Dateiverwaltung (ähnlich wie im Finder auf dem Mac) und die Möglichkeit, Dateien per Drag&Drop einfach hin und her zu ziehen – innerhalb einzelner Apps, aber auch zum Datentausch zwischen verschiedenen Apps. Auch das Dock soll wachsen, damit mehr App-Icons hineinpassen. Das ist besonders wichtig für alle, die ein iPad als Alternative zum Laptop nutzen möchten. Und wenn iOS 11 dann verfügbar ist, dürften wir uns alle den größten Bildschirm wünschen, den wir nur kriegen können.

Mit iOS 11 wird es möglich, Dateien per Drag&Drop an E-Mails anzuhängen. Schön, wenn man dann ein großes Display hat, um zu sehen, was man tut.

Im Augenblick macht das weiträumige Display beim neuen iPad Pro noch wenig Unterschied. Nur weil da plötzlich mehr Platz ist, wachsen nicht automatisch eure Ideen, und es ändert sich auch nichts am Umgang mit dem iPad. Doch abwarten: Ich konnte schon ein wenig mit iOS 11 herumspielen und muss sagen, es fühlt sich an wie ein Riesenschritt in Richtung des „Computers für alle Zwecke“, zu dem Apple das iPad machen möchte.

Womit wir bei der Standardfrage wären, die in jeder Besprechung aufkommt: Lohnt sich der Kauf? Wenn ihr gerade ein neues iPad sucht – auf jeden Fall! Wohl kein Apple-Tablet war je so vielseitig wie dieses neue iPad Pro. Die 12,9-Zoll-Variante ist ähnlich empfehlenswert, fühlt sich allerdings eher wie ein Desktop-Gerät an, nicht unbedingt wie etwas zum Mitnehmen. Das veraltete iPad Mini ist wohl kurz vor seinem Ende, also besser nicht mehr kaufen. Auch wer ein iPad besitzt, das weiterhin flott arbeitet, muss jetzt nicht unbedingt zugreifen.

Sollten sich Risse im Display zeigen, Apps anfangen, lahm zu werden, oder wenn ihr einfach die Nase voll davon habt, auf zu viel Gehäuse rund um den Touchscreen zu starren: Dafür gibt es das reguläre iPad (vor kurzem aktualisiert, ab 399 Euro), das sich für Videos oder Gaming schon sehr gut eignet. Oder eben das iPad Pro, das ab 729 Euro kostet und zum besten Tablet werden könnte, das ihr je benutzt habt. (Dazu kommen bei Bedarf 109 Euro für den Pencil und 119 Euro für das Magic Keyboard.) So oder so: Trotz fallender iPad-Verkäufe tut Apple alles, um ein Gerät, das schon lange zu den besten seiner Klasse gehört, immer noch ein Stück besser zu machen.

WIRED: Ein größeres Display kann nie schaden, und dieses reagiert nicht nur schneller, sondern liefert auch noch ein besseres Bild. // Sehr lange Akkulaufzeit von mehreren Tagen. // Sehr schneller Prozessor. // Im Zusammenspiel mit iOS 11 wird das iPad zu einem vollwertigen Computer.

TIRED: Mindestens 729 Euro für die Basisvariante mit lediglich 64 GB Speicher sind viel Geld. Dazu kommen Extrakosten für Zubehör wie eine externe Tastatur oder den Apple Pencil. // Das XL-Display wird sich erst richtig bezahlt machen, wenn iOS 11 verfügbar ist (voraussichtlich im Herbst 2017).

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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