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Test: Hilft der Atem-Tracker Spire wirklich gegen Stress?

Dominik Schönleben 13.01.2017

Spire ist ein Aktivitäts-Tracker, der neben dem üblichen Kalorienzählen auch die Atmung aufzeichnet. Das Wearable soll sich immer dann melden, wenn es Stress feststellt, und mit Meditationsübungen kontern. Wie gut das funktioniert, haben wir für euch getestet.

Als ich das Büro des Chefs verlasse, vibriert das kleine graue Oval an meinem Hosenbund. Der Blick aufs Smartphone verrät: „Dein Atem war für vier Minuten angespannt.“ Danke, denke ich. Aber für die Information, dass ich gerade ein stressiges Meeting hatte, brauche ich kein Wearable. Doch genau jetzt will Spire mir helfen. Ein Tippen auf die Push-Nachricht bringt mich in die App, dort soll ich Ruhe und Entspannung finden. Damit ich trotz Stress jetzt wieder konzentriert arbeiten kann.

Die App zeigt dazu einen Blick aufs Meer. Darüber ist live eine Kurve mit dem Ausschlag meiner Atmung gelegt. Allein das wirkt schon ein wenig beruhigend, weil ich mir sofort meines Atems bewusster werde. Eigentlich soll ich jetzt Übungen zur Entspannung machen. Das Kopfhörer-Symbol führt zu einer Liste mit 18 sogenannten Boosts – Audioanleitungen für Trainingseinheiten, die von 30 Sekunden bis zu einer Stunde dauern, und durch die ich innere Ruhe finden soll.

Spire muss eng am Körper getragen werden, dadurch kann es zu Irritation auf der Haut kommen

Bei den meisten dieser Übungen geht es darum, durch gleichmäßiges Atmen Stress abzubauen. Aber es gibt auch Meditationseinheiten mit Meeresrauschen und Musik, die ganz ohne die sonore Stimme eines Trainers auskommen. Für jede Situation gibt es in der App anscheinend den passenden Boost – sogar um entspannter und fokussierter zu Essen.

In der Theorie klingt das gut: Habe ich Stress, vibriert Spire an meiner Hüfte und erinnert mich daran, die Ruhe zu bewahren. Ein bisschen so wie bei einem Fitness-Armband, das einen darauf aufmerksam macht, dass man sich dringend mal wieder bewegen sollte. Während es im Büro aber oft schwierig ist, schnell ein paar Sportübungen oder einen Spaziergang zu machen, sind die 30-sekündigen Atemübungen leichter in den Alltag zu integrieren.

Spire macht genau das, was es vermeiden soll: Es stresst mich

Doch Spire vibriert nicht nur bei Stress. Kaum arbeite ich konzentriert für zehn Minuten, schon surrt das Wearable an meinem Gürtel, um mich dafür zu loben. So macht es genau das, was es eigentlich vermeiden soll: Es stresst mich. Denn der Ton, den Spire von sich gibt, erinnert eher an den Vibrationsalarm eines Smartphones als an tibetanische Meditationsglocken. Ein Signal, das an Termine, E-Mails oder Facebook-Nachrichten erinnert. Stress eben.

Wenn das Wearable in stressigen Situationen dann doch mal für Ruhe sorgen will, lässt es mich oft ratlos zurück. Welche Übungseinheit wäre jetzt gerade gut? In welcher Reihenfolge und zu welchen Tageszeiten sollte ich die Kurse am besten absolvieren? Abgesehen vom Hinweis auf mein Stresslevel bietet Spire leider keine Hilfestellung. Ist es jetzt Zeit für eine kurze Atemübung oder bin ich so aufgewühlt, dass ich lieber meine Mittagspause opfern und eine Meditationseinheit einlegen sollte? Fragen wie diese kann Spire nicht beantworten, hier müssen Träger weiter aufs eigene Gefühl hören.

Das Wearable muss in den Hosenbund gesteckt werden und direkt auf der Haut aufliegen. Frauen können Spire auch am BH tragen. Bei der ersten Variante presst sich der optisch an einen Kieselstein erinnernde Tracker unangenehm in die Leistengegend. Am ersten Tag wird meine Haut rot und juckt – vor allem wenn die raue Oberfläche des Gadgets in Bewegung gerät. Diese Irritation klingt zwar nach einiger Zeit ab, aber auch bei langem Tragen fühlt sich Spire stets wie ein Fremdkörper an.

Die Pushnachrichten auf meinem Smartphone haben sich fast verdoppelt

Durch das Atem-Wearable haben sich die Pushnachrichten auf meinem Smartphone fast verdoppelt. Alle paar Minuten erinnert es mich an etwas, das die App Fokus Streak nennt – eine lange Phase gleichmäßigen, fokussierten Atmens. Oder sagt mir im Gegenteil, dass ich unregelmäßig geatmet habe. Wie mir diese ständigen Benachrichtigungen helfen sollen, konzentriert zu arbeiten und die innere Mitte zu finden, bleibt mir schleierhaft.

Statt mich erst nach einer Stress-Episode darauf aufmerksam zu machen, dass jetzt vielleicht Zeit für eine kleine Pause wäre, aktiviert sich Spire schon im Moment der Anspannung. So wird das Wearable zur zusätzlichen Ablenkung in einer ohnehin stressigen Situation. Weil ich mich etwa aus dem Meeting mit dem Chef nicht einfach ausklinken kann, ist Spire hier keine große Hilfe.

Spire wird über Induktion auf einer eleganten Station mit Kork-Inlay geladen

Viele Wearables lassen sich nur schwer in den Alltag integrieren. Und meist liefern sie nur Daten in bunten Grafiken, aber selten direkte Ratschläge, wie man mit ihnen umgehen soll. Spire ist hier auf dem richtigen Weg, der Tracker zeigt aber auch deutlich, wie schwer es für die Hersteller noch ist, Daten richtig zu interpretieren und aus ihnen brauchbare Lebenshilfen abzuleiten.

Ich wünsche mir die Welt, die Spire verspricht, ja durchaus. Eine Welt, in der mir mein Wearable dabei hilft, täglich meine Gesundheit oder meinen Arbeitsfokus zu verbessern. Doch leider ist die erste Version des Gadgets mehr Ablenkung als echte Hilfe.

WIRED: gute Atem- und Meditationsübungen für den Alltag
TIRED: vibriert viel zu oft // führt zu mehr Stress, als es vermeidet // unangenehm zu tragen

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