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Wie Sex-Roboter uns verführen

Benedikt Plass-Fleßenkämper 05.07.2017

Roboter, die hergestellt wurden, um mit ihnen Sex zu haben, können Menschen mit sexuellen Störungen helfen. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie. Allerdings: Dass die Roboter bisher ausschließlich Frauen nachempfunden sind und zudem pornografische Vorstellungen bedienen, birgt ein Risiko. Eines von vielen, so die Forscher.

Die Roboter-Technologie beeinflusst auch die Erotikindustrie: Insgesamt vier Hersteller bieten derzeit Sex-Roboter an – realistisch anmutende Sexpuppen, die dank Künstlicher Intelligenz, verbauter Sensoren sowie Motoren Zwischenmenschliches simulieren können. In Südkorea, Japan und Spanien gibt es bereits erste Sexpuppen-Bordelle, und in London wurde 2016 der erste Coffeeshop mit Oral-Sex-Robotern eröffnet.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Foundation for Responsible Robotics (FRR) hat für eine Studie mit dem Titel Our Sexual Future With Robots untersucht, welche Bedeutung den Sexmaschinen in Zukunft zukommen könnte. Dabei bescheinigen die Forscher den Geräten ein großes Potenzial im sexualtherapeutischen Bereich. Menschen mit sexuellen Störungen könnten demnach vom unproblematischen Umgang mit den künstlichen Geschlechtspartnern profitieren – und im Idealfall ihre Störungen dadurch beheben oder zumindest abmildern.

Dazu zählen etwa Patienten mit einem sexuellen Trauma oder Männer mit psychisch bedingten Erektions- oder Ejakulationsstörungen. Aber auch Menschen mit körperlicher Behinderung oder ältere Personen, die sich beim sexuellen Kontakt mit anderen Menschen durch ihre körperlichen Einschränkungen gehemmt fühlen oder keinen Partner finden, könnten den Wissenschaftlern zufolge in Einzelfällen wieder Spaß an Sex haben.

Laut der Studie bergen die erotischen Androiden jedoch auch ein großes ethisches Risikopotenzial. So könne der regelmäßige Umgang mit künstlichen Sexdienern etwa die Wahrnehmung realer Frauen als Sexobjekte fördern. Insbesondere deshalb, weil die Roboter nicht realen Menschen, sondern pornografischen Idealvorstellungen nachempfunden werden. Zudem könnten die willen- und gefühllosen Roboter das Ausleben illegaler Sexfantasien fördern.

So bietet die Sexpuppe RoxxxyGold etwa einen „Frigide“-Modus, in dem sie ablehnend auf sexuelle Annäherungsversuche reagiert. Kritiker sehen darin eine bewusste Option zur Auslebung von Vergewaltigungsfantasien. In Japan hingegen verkauft ein offen pädophil lebender Geschäftsmann Kinder-Sexpuppen unter dem Vorwand, seine Produkte würden Pädophile davon abhalten, reale Kinder zu missbrauchen.

Ein Ansatz, den die Autoren der Studie für fragwürdig halten. „Stellen Sie sich vor, sie versuchen Rassismus zu behandeln, indem sie einen Rassisten einen braunen Roboter misshandeln lassen. Würde das funktionieren? Wohl kaum“, argumentiert Patrick Lin, Direktor für Ethik an der California Polytechnic State University. Kritiker fürchten gar, dass die verbotenen Sexpraktiken mit Robotern den Tatbestand der Pädophilie oder der Vergewaltigung verharmlosen und die Hemmschwelle gegenüber realen Personen senken könnten. Deshalb müsse es laut der Studie eine ausgewogene Überwachung des Marktes geben, die auf der einen Seite illegale Praktiken unterbindet und auf der anderen Seite genug Freiraum lässt, um die Entwicklung der Sex-Roboter nicht einzuschränken. Sensoren könnten etwa erfassen, wenn eine Sexpuppe gewalttätig oder unsachgemäß behandelt wurde.

Wollen wir irgendwann vielleicht gar nicht mehr mit Menschen interagieren, weil es leichter ist, mit Robotern sexuelle Zufriedenheit  zu erreichen?

Aimee van Wynsberghe, Delft University of Technology

Welche Auswirkungen der Umgang mit Sex-Robotern auf den Menschen tatsächlich hat, ist bislang nicht genauer erforscht. In anderen Bereichen technologisierter Sexualität, wie etwa der Internet-Pornografie, hat sich jedoch gezeigt, dass deren Nutzung die Vorstellungen von realem Sex durchaus beeinflussen. „Sex-Roboter sind, wenn man so will, eine interessante Feldstudie zu den Problemen, vor die uns die Roboter-Technologie im Allgemeinen stellt“, sagt Aimee van Wynsberghe, assistierende Professorin im Bereich Ethik und Technologie an der Delft University of Technology. „Wollen wir irgendwann vielleicht gar nicht mehr mit Menschen interagieren, weil es leichter ist, mit Robotern zu sprechen oder sexuelle Zufriedenheit mit ihnen zu erreichen?“

Der Erfolg der künstlichen Geschlechtspartner hängt laut Noel Sharkey, Co-Autor der Studie, vor allem davon ab, wie realistisch diese in Zukunft tatsächlich ausfallen und wie sehr sie gesellschaftlich akzeptiert werden. Aktuell seien sie in Sprache und Bewegung noch weit davon entfernt, einen vollwertigen Ersatz für menschlichen Kontakt zu bieten. Zudem sind die Hightech-Sexpuppen gegenwärtig noch sehr teuer, der Preis liegt zwischen 5.000 und 15.000 Dollar. Das soll sich in Zukunft allerdings ändern.

Die FRR möchte mit ihrer Studie die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit auf das Thema lenken und Diskussionen zu den ethischen Grundsatzfragen des Robotereinsatzes anregen. Die Wissenschaftler hoffen, im kommenden Jahr finale Empfehlungen zum ethischen Umgang mit Sex-Robotern aussprechen zu können.

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