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Rylo macht aus 360-Grad-Aufnahmen ruckelfreie Videos

David Pierce 01.11.2017 Lesezeit 5 Min

Nie wieder verwackelte Aufnahmen: Aus 360-Grad-Aufnahmen macht die Kamera Rylo ruckelfreie Filme. Deren Entwickler sind ehemalige-Instagram-Angestellte. Kein Wunder, dass sie mit ihrer Erfindung auch noch etwas anderes im Sinn haben.

Alex Karpenko zeigt mir eine Kamera und sagt, ich solle sie nehmen und damit losrennen. Wir stehen auf einer Seebrücke in San Francisco und das Gerät in Karpenkos Hand ist ein unveröffentlichter Prototyp einer neuen Software-unterstützten Videokamera mit dem Namen Rylo. Karpenko will, dass ich begreife, was er und sein Co-Founder Chris Cunningham Investoren zeigt, wenn sie ihn fragen, warum sie in das Produkt investieren sollen. Karpenko sagt mir, dass er keinerlei Bedenken hat, dass ich die Kamera nicht ruhig genug halte oder das Motiv nicht richtig treffe. „Lauf einfach los“, sagt er. Also schnappe ich mir die Kamera – eine kleine, längliche 360-Grad-Kamera mit jeweils einem Objektiv vorne und hinten – und renne los.

Nach rund 30 Metern bleibe ich stehen und gebe Karpenko die Kamera zurück. Er verbindet sie mit der Ladebuchse seines iPhones. Dann öffnet er die Rylo-App, importiert das Video und zeigt es mir. Die Aufnahme ist beeindruckend. Trotz der Wackelei während des Sprints zeigen die Bilder die ganze Zeit den Rücken von Cunningham, der vor mir herlief und den ich versuchte, zu filmen. Cunningham grinst, während ich mir das Video anschaue. „Du hast gefragt, was die Leute überzeugt, mit uns zusammenzuarbeiten? Das ist es. Es ist immer das Videomaterial.“

In den vergangenen zwei Jahren haben Cunningham und Karpenko an einer neuen Art von Kamera gearbeitet. Die beiden ehemaligen Instagram-Mitarbeiter – Cunningham war Software-Programmierer, Karpenko entwickelte die Hyperlapse-App – bemerkten jedesmal ein Wachstum von Content, wenn sie es den Leuten einfacher machten, ihn zu erstellen. Doch während Filter, Objektive und einfache Bearbeitungswerkzeuge die meisten Fotos besser machen konnten, blieben Videoinhalte immer eine Herausforderung für die Entwickler. Denn, bevor sich Videoaufnahmen vernünftig bearbeiten lassen, müssen drei Sachen stimmen: Das Video darf nicht verwackelt sein, es darf nicht schief aufgenommen worden sein und es muss das richtige Motiv im Bild zu sehen sein. Rylos Aufgabe besteht darin, diese Voraussetzungen mit Hilfe einer Software zu gewährleisten.

Aufnahmen mit der 500 Dollar teuren Rylo lassen sich nämlich im Nachhinein bearbeiten. Die beiden Kameras fangen jeweils ein Sichtfeld von 195 Grad ein, das Rylo zu einer Aufnahme zusammenfügt. Die Nutzer können diese Aufnahme jedoch nicht abspielen. Stattdessen suchen sie sich einen Bereich heraus, der dann als Video angelegt wird. Es können auch zwei Bereiche im Videomaterial ausgewählt und dann miteinander verbunden werden. Rylo fügt diese dann zusammen und macht daraus eine einzige Aufnahme. Die Nutzer können auch zwei Videos nebeneinander schneiden. So könnte man auf der einen Seite des Bildes den Fotografen sehen und auf dem anderen das Motiv. Was auch immer man mit der Rylo aufnimmt, es ist nicht verwackelt, nicht schief und absolut scharf.

Zuerst dachten die Rylo-Entwickler, sie könnten all das mit nur einer einzigen Software ermöglichen. „Wir schauten uns andere Kameras an, um herauszufinden, ob wir auf diesen Modellen aufbauen können,“ sagt Cunningham. Aber sie hätten schnell gemerkt, dass sie mehr Kontrolle über das Objektiv benötigten, um zum Beispiel Verzerrungen korrigieren zu können. Cunningham durchstöberte Alibaba, um Kamerateile für einen Prototyp zu besorgen, während Karpenko sich mit der Software-Entwicklung beschäftigte. Bei einem sehr frühen Exemplar der Rylo, dessen Teile durch Heißkleber zusammengehalten wurden, funktionierte die Software beeindruckend gut.

Der Grund: Die Technik einer Kamera ist in Zeiten computergestützter Fotografie nicht mehr entscheidend. Das Google Pixel 2 zum Beispiel erzeugt die Tiefenwahrnehmung im Portraitmodus mit einer einzigen Kamera, weil es einen Algorithmus zur Erkennung des menschlichen Kopfes hat. Auch Apples Portrait-Lighting-Funktion seiner neuen iPhone-Kamera funktioniert nach demselben Prinzip. Das Megapixel-Wettrennen ist vorbei und wurde durch das Wettrüsten von Computer Vision und Machine Learning ersetzt.

Rylos Entwickler konzentrieren sich auch auf ein weniger futuristisches Problem: das Teilen. Immerhin handelt es sich um zwei Ex-Instagram-Angestellte. Die Nutzer müssen ihre Videos mit Rylo nicht mehr drahtlos übertragen oder auf eine SD-Karte kopieren, die sie in den Computer stecken müssen. Rylo wird direkt mit dem iPhone verbunden. Die Unterstützung für Android-Gerät soll demnächst kommen. So können Nutzer innerhalb von rund 10 Sekunden ihr Video bearbeiten, rendern und teilen – alles auf dem Smartphone-Bildschirm.

Kurz bevor ich das Büro von Rylo verlasse, das früher mal eine Testküche für ein schickes Restaurant in San Francisco war, zeigt mir Karpenko noch eine Demo. In dem Video ist die Golden Gate Bridge zu sehen, aus dem Schiebedach eines Autos heraus gefilmt. Das Bild ist zwar stabil und nicht schief aufgenommen, aber es ist nur ein Video aus einem Auto heraus gefilmt, das über eine Brücke fährt. Dann tippt Karpenko die rechte Seite der Brücke an und das Video zeigt die Golden Gate Bridge aus einem anderen Winkel. Dann tippt er nach oben und wieder verändert sich die Aufnahme. Als das Fahrzeug die Brücke überquert hat, ändert Karpenko erneut den Kamerwinkel und auf dem Video ist die Golden Gate Bridge zu sehen, wie sie sich immer weiter vom Fahrzeug entfernt. Es kommt mir so vor, als würde ich die Outtakes während des Abspanns von Full House sehen oder die Eröffnungsszene irgendeines Films über San Francisco. Es ist nur eine einzige Kamera und nur eine einzige Aufnahme, aber Millionen Möglichkeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf WIRED.com.