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Google apple-isiert sich

Timo Brücken 05.10.2016

Mit den neuen Pixel-Smartphones und ihrem Ökosystem macht Google eine klare Kampfansage an Apple. Das Unternehmen kann dabei einen seiner größten Vorteile ausspielen, verliert aber auch Verkaufsargumente für die eigene Hardware.

Seit Dienstag dürften einige Menschen in einem ziemlichen Dilemma stecken. Zum einen Tim Cook und seine Mitarbeiter bei Apple in Cupertino, die jetzt wissen: Google meint es ernst. Und zum anderen Smartphone-Käufer, die vielleicht in Betracht gezogen hatten, sich das neue iPhone 7 zuzulegen, und sich nun fragen müssen: Ist das wirklich noch die einzige und beste Wahl?

Google hat mit dem Pixel und Pixel XL seine ersten Flagship-Smartphones unter der neuen Marke Made by Google vorgestellt. Und die kommen nicht nur optisch arg iphonig daher – die abgerundeten Ecken, die Kameras jeweils links oben, der Fingerabdrucksensor mittig auf der Rückseite –, sondern sind auch technisch und strategisch eine deutliche Kampfansage an Apple.

Die Pixel-Phones sind nur Bestandteil einer größer angelegten Strategie

Unter dem alten Nexus-Label bot Google solide, günstige Smartphones (Nexus 5, anyone?), die jedoch nie wirklich mit den gerade aktuellen iPhones oder Samsung Galaxys mithalten konnten. Das Pixel und Pixel XL hingegen haben, zumindest auf dem Papier, ähnlich exzellente Hardware wie die Spitzenkonkurrenz. Vor allem die angeblich „beste Kamera, die jemals jemand in ein Smartphone gebaut hat“, fällt dabei auf. Die Überlegenheit beim Fotografieren war jahrelang das Totschlagargument der iPhone-Enthusiasten.

Das Gegenargument der Android-Jünger war hingegen das Preis-Leistungs-Verhältnis, mit Betonung auf Preis. Auch das ist vorbei, die einzelnen Varianten von Pixel und Pixel XL beziehungsweise iPhone 7 und iPhone 7 Plus kosten exakt das gleiche: 759 beziehungsweise 899 Euro für die 32-GB-Variante und 869 beziehungsweise 1009 Euro mit 128 GB Speicher. Nur eine 256-GB-Version wird es vom Pixel im Gegensatz zum iPhone 7 nicht geben. Es wird interessant zu sehen, ob in Zukunft auch Google sich sich den Vorwurf gefallen lassen muss, überteuerte Hardware zu verkaufen.

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Ob die neuen Google-Smartphones die Versprechen des Konzerns einlösen, müssen Tests zeigen. Doch sie sind eben nur ein Bestandteil – wenn auch vielleicht der wichtigste – einer größer angelegten neuen Strategie: Google apple-isiert sich. Was das Unternehmen da am Dienstag in Mountain View, Kalifornien präsentiert hat, ist ein Ökosystem: Pixel-Smartphones, die Virtual-Reality-Brille Daydream, ein neuer Chromecast, der digitale Assistent Home – alles verbunden über die Künstliche Intelligenz Google Assistant. User sollen bestenfalls alle diese Geräte kaufen und nutzen, so wie es für viele andere bereits selbstverständlich ist, ein iPhone, ein MacBook, eine Apple Watch und ein Apple TV zu besitzen.

Die vorgestellte Hardware wirkt optisch weniger wie aus einem Guss als die von Apple, man darf aber nicht vergessen, dass es sich abgesehen vom Chromecast nur um die jeweils erste Generation handelt. Mit der Zeit dürfte Google hier seinen eigenen, einheitlicheren Stil entwickeln. Und bis dahin eben seinen großen Vorteil ausspielen: Künstliche Intelligenz. Hier hat Apple bisher nichts wirklich Bahnbrechendes vorzuweisen (siehe unzählige „Wie dumm ist Siri eigentlich?“-Artikel), auch wenn es zuletzt in maschinelles Lernen investiert und dem hauseigenen Digitalassistenten ein großes Update verpasst hat.

Google weiß einfach viel mehr über seine User, nicht zuletzt durch seine Suchmaschine oder Dienste wie Gmail, und kann den Google Assistant mit diesen Informationen füttern. Wenn dieser dadurch zu einem wirklich nützlichen Alltagshelfer wird und auch noch nahtlos auf all den genannten Geräten funktioniert, ist das ein beinahe einzigartiges Verkaufsargument. Außer für diejenigen, die Apple wegen seiner Bekenntnisse zu Datenschutz und Verschlüsselung schätzen.

„Vor acht Jahren haben wir die erste Version von Android vorgestellt“, twitterte Googles Android-Chef Hiroshi Lockheimer jedenfalls schon vor eineinhalb Wochen. „Ich habe so ein Gefühl, dass wir in acht Jahren noch über den 4. Oktober 2016 sprechen werden.“ Tech-Manager, die von historischen Ereignissen reden, sollte man immer mit Vorsicht genießen. Ist das, was Google am Dienstag vorgestellt hat, wirklich groß oder nur eine große Blendung? Wie gesagt, das müssen Tests zeigen. Und die Zeit. Es könnten nervöse Wochen und Monate für Tim Cook werden.

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