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Nintendo Switch angetestet: Das könnte eine echte Spaßmaschine werden

Michael Förtsch 18.01.2017

Mit der Switch versucht Nintendo Handheld und Heimkonsole zu fusionieren. Das ist nicht nur theoretisch eine interessante Idee, sondern fühlt sich trotz einiger Schwächen auch in der Praxis wirklich gut an. WIRED hat die neue Nintendo-Konsole ausprobiert.

Schon Monate vor der offiziellen Enthüllung im Oktober 2016 gab es Spekulationen, wie die neue Nintendo-Konsole aussehen könnte. Denn wenn eines sicher war, dann dass der Super-Mario-Konzern nicht versuchen würde, den bewährten und eingefahrenen Pfaden von Sonys PlayStation 4 und Microsofts Xbox One zu folgen. Sondern sich an Experimente wagen würde, die nicht nur faszinieren sollen, sondern auch eine wirklich großartige Konsole hervorbringen könnten. Genau das scheint mit der Nintendo Switch gelungen zu sein, zumindest teilweise. Beim ersten Probespielen in München machte der Handheld-Konsolen-Hybrid uns jedenfalls richtig viel Spaß.

Das erste Handanlegen an die Switch verblüfft. Wenn Legend of Zelda: Breath of the Wild auf dem 6,2-Zoll-Display bei einer 720p-Auflösung läuft, wirkt das schlichtweg umwerfend. Das Bild von Held Link in einer endlosen Wiese, vom blauen Himmel, kleinen Wäldern und entfernten Bergen erscheint hell, farbsatt und gestochen scharf. Das Spielgeschehen wird flüssig auf das kapazitive Touchdisplay gezeichnet, Wisch- oder Schliereneffekte gibt es nicht und selbst bei direkter Lichteinstrahlung ist alles sehr gut erkennbar.

Keine Billigkonsole
Das Switch-Tablet – es ist etwas größer und schwerer als ein iPhone 7 Plus – und die ansteckbaren Joy-Con-Controller sind geradlinig und schnörkellos. Die Gestaltung lässt eher an die nüchterne Designschule der PlayStation 4 denken als an das wuchtige Gamepad der WiiU. Die Flächen der Joy-Cons sind sanft mattiert und kaum für Flecken und Fingerabdrücke anfällig. Die beiden Griffstücke sitzen nach dem Einrasten dank stabilen Metallschienen unverrückbar fest und liegen sicher in der Hand. Die Buttons bieten den vom 3DS und den Wiimotes gewohnt guten Widerstand. Die Switch-Hardware wirkt nicht wie ein Kinderspielzeug, sondern wertig und äußerst erwachsen.

Vom Tablet abgelöst ist ein einzelnes Joy-Con als vollwertiger Controller nutzbar. Allerdings sind die Steuerelemente sehr schmal und die Buttons deutlich kleiner als von PlayStation oder Xbox gewohnt. Bei einer hektischen Zweierpartie Mario Kart 8 Deluxe ist es leicht, den Halt zu verlieren oder die falsche Taste zu erwischen. Nach wenigen Minuten verkrampfen zudem die Finger. Damit taugt diese Controller-Variante nur für spontane, aber dann auch echt kurzweilige Duelle unterwegs.

Bei verschiedenen Games der Mini-Spielsammlung 1, 2 Switch können die Joy-Cons schnell unbeabsichtigt aus der Hand gleiten. Etwa wenn die Steuerstücke für digitale Westernduelle quer in der Hand gehalten werden und wie eine Pistole „gezogen“ werden müssen. Durch das Aufschieben der sogenannten Straps, schmaler Aufsätze mit einem Sicherungsband, werden die Controller etwas verbreitert, griffiger und am Handgelenk fixiert. Kostenpunkt für ein Zweierset sind stattliche 80 Euro. Aber selbst dann sind die Joy-Cons immer noch so klein, dass sie schnell in einer Sofaritze verschwinden.

Ein bisschen albern, aber auch witzig und kreativ

Deutlich sinnvoller und angenehmer sind die bewegungssensitiven Steuerelemente bei Games wie ARMS, einem Cartoon-Boxduell, das Schläge und Kinnhaken direkt ins Spiel überträgt. Hier werden die Steuerelemente nämlich mit den Fäusten umklammert. Ähnliches gilt für das Tanzspiel Just Dance 2017, das ebenfalls die Bewegungen erfasst. Das geschieht deutlich exakter und verzögerungsärmer als noch bei der Wii und Wii U.

HD-Vibration und der TV-Switch
Eines der kleinen Highlights der Konsole ist die HD-Rumble-Funktion. Sie soll über die Controller ein hochpräzises haptisches Vibrationsfeedback möglich machen. Das funktioniert tatsächlich äußerst gut und zeigt, wie spielerisch einige Ideen der Switch sind. In 1, 2 Switch muss etwa erspürt werden, wie viele Kugeln in einer Kiste herumkullern oder wo die Einrastpunkte eines Zahlenschlosses sind, um einen Safe zu knacken. Das ist ein bisschen albern, aber doch auch witzig und kreativ.

Für das Spielen traditioneller Games am Fernseher lassen sich die beiden Joy-Con-Griffstücke an den sogenannten Grip stecken, wodurch sie zu einem von manchen Gamern schon „Schlappohr-Pad“ getauften Controller werden. Der liegt durchaus komfortabel in der Hand, aber kann Makel wie die zu kleinen Tasten und mickrigen Analogsticks kaum kompensieren. Wer an PlayStation- und Xbox-Gamepads gewohnt ist, wird nicht um den Kauf des mit 70 Euro ziemlich teuren Pro-Controllers herumkommen, der sich dafür aber unheimlich stabil anfühlt und sicher in der Hand liegt. Vor allem Klassiker-Remakes wie Ultra Street Fighter 2 dürften mit ihm gleich viel mehr Spaß machen.

Die in den Vorstellungsvideos demonstrierte Umschaltung vom Tablet- auf den TV-Modus war bei unserem Hands-On leider nur begrenzt möglich. Aber wenn, dann funktionierte sie problemlos. Die Displayeinheit wird dafür in die Docking-Station gesteckt, die im Prinzip eine Plastikhalterung mit HDMI-Brücke, Ladestation und einem USB-Steckplatz ist. Beim Einrasten wird das Spiel kurz pausiert und erscheint nach drei Sekunden – je nach Titel – in 900p- bis maximal 1080p-Auflösung auf dem Fernseher. Umgekehrt dauert das „switchen“ vom TV- auf den Tablet-Modus etwa eine Sekunde weniger.

Games und Ruckler
Nicht nur die Konsole konnte beim Handanlegen begeistern, sondern auch mehrere der Games. Super Mario Odyssey war leider noch nicht dabei, aber dafür Legend of Zelda: Breath of the Wild. Die ersten 20 Spielminuten konnten frei erforscht werden, darunter die Höhle, in der Held Link erwacht, und ein Teil der offenen Spielwelt, die aus herrlichen Graslandschaften und Ruinen besteht. Das Open-World-Abenteuer ist wunderschön und voller Leben, auch wenn es beim Herumstreunen im TV-Modus dann und wann zu kurzen, aber sichtbaren Rucklern kam. Die Entwickler beteuern, dass das bis zum Erscheinen anders werde. Schließlich soll das neue Zelda das Game sein, wegen dem die neue Nintendo-Konsole gekauft wird.

Ebenso anspielbar war Mario Kart 8 Deluxe, das einfach nur eine erweiterte, höher aufgelöste und mit zusätzlichen Effekten aufgefrischte Fassung des WiiU-Originals darstellt. Mario Kart 8 war seinerzeit schon fantastisch und ein Muss. Ein weiteres Rennspiel für die Switch ist Fast RMX, quasi die Nintendo-Variante von WipeOut, der klassischen PlayStation-Sci-Fi-Raserei. Mit seinen schwebenden Fahrzeugen und aberwitzig geschwungene Rennstrecken ist Fast RMX eines der grafisch beeindruckendsten Spiele im Switch-Portfolio.

Mit Farbkanonen durch die Gegend rennen, sich in einen Tintenfisch verwandeln können und ganze Stadtlandschaften in bunte Klecksparadiese verwandeln? Darum ging es in Splatoon für die WiiU. In Spaltoon 2 für die Switch ist das nicht anders, abgesehen davon, dass es zahlreiche neue Karten und Farbwaffen sowie hübschere Grafik gibt. Sonic Mania wiederum ist eine Neuauflage der klassischen Sega-Jump'n'Runs mit alten und neuen Levels, durch die der blaue Igel gescheucht wird. Ähnliches gilt für Super Bomberman R, das das klassische Mehrspieler-Gameplay im 3D-Look auf die neue Nintendo-Konsole hievt.

Wieder mal hinterher?
Bei den präsentierten Spielen zeigte sich – auch wenn genaue Leistungsdaten noch fehlen – dass Nintendos neue Konsole in Sachen Rechenkraft und Grafik erneut nicht zur Konkurrenz aufschließen wird. Bei einem erwarteten Europa-Preis von 330 bis 350 Euro ist das schon etwas ernüchternd. Mario Kart 8 Deluxe läuft im TV-Modus zwar mit 1080p-Auflösung, in schnellen 60 Bildern pro Sekunde, lässt aber keinerlei Kantenglättung erkennen. Und so schön die Welt von Legend of Zelda: Breath of the Wild auch ist: Optisch hinkt sie immer noch mindestens eine Hardware-Generation hinter Open-World-Referenzen wie The Witcher 3, Batman: Arkham City und Horizon: Zero Dawn her.

Weder die Grafik noch der Preis werden über ihr Schicksal entscheiden

Manche offene Fragen ließen sich auf dem Anspiel-Event leider noch nicht klären, etwa die nach der tatsächlichen Akku-Laufzeit des Tablets. Sie soll Nintendo zufolge zwischen zwei und sechs Stunden liegen – abhängig von Spiel, WLAN-Aktivität und Bildschirmhelligkeit. Auch war es noch nicht möglich, die in die Joy-Cons integrierte Infrarot-Bewegungskamera zu testen oder einen Blick auf Gestaltung und Handhabung der Betriebssystemoberfläche zu werfen. Das gleiche gilt für Internet-Funktionen, Community-Dienste und Apps von Drittanbietern wie Netflix oder Spotify.

Fazit
Unserem ersten Eindruck nach werden weder die Grafikpower noch die Größe der Buttons oder der Preis über das Schicksal der Switch entscheiden. Vielmehr wird es darauf ankommen, dass sie langjährigen und neuen Nintendo-Spielern gleichermaßen Freude bereitet. Dafür erscheint uns die Hardware trotz kleiner Makel in vielerlei Hinsicht perfekt gerüstet. Die Bewegungssteuerung, die Controller fürs spontane Zusammenspielen, die HD-Vibration für originelle und absurde Ideen, die Möglichkeit, das ganze Gerät einfach mitzunehmen: Das alles sind Bausteine, aus denen sich ungekannte Konzepte und faszinierende Games ergeben könnten. Sie müssen nur noch von den Entwicklern umgesetzt und von den Spielern angenommen werden. Gelingt das, könnte die Nintendo Switch nicht nur ein tolles Stück Hardware sein, sondern auch eine echte Spaßmaschine.

Verkaufsstart: 3. März 2017

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