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Mit der Brille eSight sollen sehbehinderte Menschen wieder mehr erkennen

Marius Münstermann 03.02.2015

Ein neues Headset soll das Leben von Menschen verändern, die an degenerativen Sehkrankheiten leiden und dadurch immer schlechter sehen können. Doch Experten zweifeln an der Technologie.

„Ich war an diesem Tag nach der Geburt meines jüngsten Kindes aus dem Krankenhaus entlassen worden. Zu Hause wartete neben meiner Familie noch eine besondere Überraschung auf mich, mit der ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gesicht meines Mannes und meiner Liebsten erkennen konnte. Ich war begeistert und lief durch das ganze Haus.“ So erinnert sich Yvonne Felix, die unter der seltenen Augenerkrankung Morbus Stargardt leidet, an jenen Tag vor fast zwei Jahren. Damals probierte sie zum ersten Mal einen Prototypen von eSight aus.

Mit der Zeit werden die Augen immer schlechter, bis die Betroffenen kaum noch scharf sehen.

eSight ist ein Gerät des gleichnamigen Start-Ups aus Ottawa, das sehbehinderten Menschen wie Yvonne helfen möchte, ihre Umgebung wieder visuell wahrnehmen zu können. Die Idee entstand vor acht Jahren, Conrad Lewis hat das Unternehmen gegründet. Seine beiden Schwestern leiden ebenfalls an Morbus Stargardt. Die Netzhauterkrankung wird vererbt und tritt meist im Kindesalter auf. Mit der Zeit verschlechtert sich das Sehvermögen, bis die Betroffenen vor allem im zentralen Blickfeld zunächst kaum noch scharf, später oftmals gar nichts mehr sehen können.

Das Ergebnis der jahrelangen Arbeit von Lewis und seinem Team ist ein Gerät, das an eine futuristische Brille erinnert. Allerdings handelt es sich bei eSight eher um ein komplexes Headset, dessen Nutzer in Wirklichkeit auf einen Bildschirm schauen. Die Entwickler von eSight beschreiben die annähernde Blindheit oder die Sehbehinderungen ihrer Kunden auch nicht aus einer medizinischen Sicht, sondern drücken sie technisch aus: als „Datenmangel“. Die Herausforderung bestand für das Team deshalb darin, die für das Auge verfügbare Datenmenge zu erhöhen.

Das bearbeitete Bild wird dem Nutzer per Bildschirm vor Augen geführt.

eSight besteht aus einer HD-Kamera, die aufnimmt, was im Blickfeld des Nutzers liegt. Diese Bilder werden auf einen angeschlossenen, tragbaren Prozessor übertragen, dessen Algorithmen die Bilder bearbeiten. Je nach Erkrankung der Augen und der damit verbundenden Sehbeeinträchtigung kann beispielsweise die Kontraststärke des „Gesehenen“ künstlich erhöht werden. Die Nutzer sehen nun durch eine Art indirekte Brille. Sie schauen auf einen Bildschirm und erkennen ein Bild, von einer Kamera aufgenommen und durch einen Prozessor optimiert. Für Yvonne Felix, deren Sicht stark verschwommen ist, stellt eSight die Welt auf Kontraste um, die für Betrachter ohne Augenbeeinträchtigung übernatürlich stark sind. Die Augen von Yvonne Felix aber können in dieser überarbeiteten Realität ein scharfes Bild erkennen.

So wie andere Menschen zwischen zwei Brillen wechseln — etwa einer zum Lesen und einer zweiten für andere Aktivitäten — können auch eSight-Nutzer zwischen verschiedenen Einstellungen wählen, falls sie etwa einen Spaziergang in gleißendem Tageslicht machen oder im Halbdunkel lesen möchten. Neben den Kontrasten kann auch die Helligkeit an unterschiedliche Anforderungen angepasst und so individuell auf die Erkrankung oder verletzungsbedingte Einschränkung des jeweiligen Sehvermögens eingestellt werden.

Durch die individuellen Einstellungsmöglichkeiten soll eSight Menschen mit derart unterschiedlichen Erkrankungen wie dem genannten Morbus Stargardt und anderen Makuladegenerationen, aber auch Patienten mit diabetischer Retinopathie, anderen Erkrankungen oder auch verletzungsbedingten Sehbehinderungen unterstützen können.

Yvonne Felix trägt eSight nach eigener Aussage inzwischen täglich für acht bis zehn Stunden. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen hat sie nach eigenen Angaben nicht. Bei anderen Geräten, die ihr zumindest ein wenig Orientierung boten, habe sie häufig nach wenigen Minuten Schwindelanfälle bekommen. Dieses Problem wird Bewegungskrankheit genannt, Kinetose, die sonst vor allem bei ungewohnten Situationen wie einem Flug auftreten kann. Der Grund: Viele Geräte schaffen es nicht, die Bilder in Echtzeit zu übertragen. Die Zeitverzögerung erschwert die Orientierung, das Gehirn ist überfordert. 

Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein (ABSV) sieht das Gerät allerdings kritisch. „Unsere Mitarbeiter und Mitglieder kennen eSight entweder gar nicht oder haben darüber in stark reißerischer Berichterstattung gelesen“, sagt eine Sprecherin gegenüber WIRED Germany. Im Vergleich zu den auf dem Markt befindlichen VR-Brillen, die je nach Ausstattung und Technik zwischen 200 und 1300 Dollar kosten, scheine der Preis für das System zusätzlich unangemessen hoch. „Vergleichbare Technologien haben sich trotz eines deutlich niedrigeren Preises bisher nicht durchgesetzt“, sagt sie weiter und möchte nun ein Muster der Brille anfordern, damit der Verband mit Experten der Low-Vision-Beratung eine Einschätzung zum Nutzen für stark sehbehinderte Menschen abgeben können.

Tatsächlich nutzen insgesamt nur 145 Menschen das Gerät. Ein Video zeigt die Reaktionen von drei Testern. Die malende Frau ist Yvonne Felix.

Auch Kathy Bleitz, die Schwester von Yvonne Felix, leidet unter Morbus Stargardt und nutzt eSight. Ein Video zeigt ihre Reaktionen nach der Geburt ihres Kindes:

Bislang kostet eSight, das seit Herbst 2013 in den USA und Kanada verfügbar ist, allerdings stolze 15.000 US-Dollar. Die Entwickler hoffen, bald eine kabellose, noch dazu kompaktere, leichtere und letztlich kostengünstigere Version auf den Markt bringen zu können. 

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