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Mit diesen Kopfhörern klingt Musik wieder wie in der Jugend

Dominik Schönleben 31.08.2017 Lesezeit 4 Min

Beyerdynamic hat auf der IFA 2017 Headphones vorgestellt, die ihren Sound automatisch anpassen, wenn sie beim Nutzer eine Hörschwäche feststellen. Und so eine Schwäche haben viele – spätestens im Alter. Die Technologie dafür stammt vom Berliner Startup Mimi Hearing Technologies.

Während seiner Präsentation betont Edgar van Velzen, Managing Director bei Beyerdynamic, eine Sache immer wieder: Wie wichtig es seinem Unternehmen sei, dass Nutzer ihre Kopfhörer individualisieren können. Für ihn geht es dabei aber nicht mehr nur um Farbe und Design: „Warum bauen wir ein Headphone für jedermann, wenn eigentlich alle unterschiedlich hören?“, fragte er die anwesenden Journalisten. Seine Antwort darauf: Kopfhörer, die ihren Sound stets an den Träger anpassen. Dafür hat van Velzen sich Hilfe von einem Berliner Startup geholt.

Mimi Hearing Technologies arbeitet seit mehr als vier Jahren an einer App, die das Sounderlebnis vor allem für Menschen mit Hörschwäche verbessern soll. Und diese Technologie wurde jetzt in die neuen Aventho Wireless von Beyerdynamic integriert. Ein individuelles Soundprofil wird dann direkt auf dem Chip des Headphones gespeichert.

Mimi-Mitgründer Henrik Matthies

„Man hört vermutlich niemals wieder so gut wie in der Zeit, als man um die 20 Jahre alt war“, sagt Henrik Matthies, einer der vier Gründer von Mimi. Er ist Geschäftsführer des Berliner Startups. Vor allem bei Menschen über 60 würden hohe Frequenzen leiser klingen. Aufgrund dieses Phänomens gibt es beispielsweise auch jene in Deutschland verbotenen Lautsprecher, die Jugendliche mit hohen Tönen von öffentlichen Plätzen vertreiben sollen. Wenn man bei Musik bestimmte Töne nicht mehr richtig hören kann, hilft es jedoch nur begrenzt, die Regler aufzudrehen – denn auch die niedrigen Frequenzen werden dadurch lauter.

Um dem entgegen zu steuern, erstellt Mimi ein individuelles Soundprofil über die eigene App. Die Demonstration läuft ähnlich wie ein Hörtest beim Ohrenarzt ab: Piep- und Summtöne werden erst auf das linke Ohr, dann auf das rechte gespielt. Solange der Ton noch zu hören ist, soll man einen Button in der App gedrückt halten. So lernt der Algorithmus von Mimi, welche Frequenzen er lauter und welche er leiser einstellen muss.

Wir haben versucht das Gehör eines gesunden Menschen mit unserem Algorithmus zu imitieren

Henrik Matthies

Bisher lief dann einfach die App Mimi Music parallel zu Spotify, Deezer oder anderen Musikdiensten. Und das geht auch immer noch. „Wir haben versucht das Gehör eines gesunden Menschen mit unserem Algorithmus zu imitieren“, sagt Matthies. Der neue Aventho Wireless mache aber die App jetzt überflüssig. Das Soundprofil werde direkt auf dem Chip des Kopfhörers gespeichert. Das Soundprofil kann so beispielsweise auch an der eigenen Anlage verwendet werden.

„Sobald sie es ausprobieren, denken viele Menschen, der Ton wäre lauter geworden und sie senken die Lautstärke“, sagt Matthies. Im kurzen Hands-on passiert genau das: Weil plötzlich Elemente des Songs vorhanden sind, die vorher nicht zu hören waren, klingt der Sound voller und an manchen Stellen nuancierter. Dieser Effekt kann für den Vergleich jederzeit per Knopfdruck deaktiviert werden. Im Prinzip kann jeder vor dem Kauf des Aventho Wireless ausprobieren, ob er oder sie den Unterschied hört. Denn der soll es auch bei herkömmlichen Kopfhörern merklich vorhanden sein. Vor allem umso älter man ist. (Anmerkung: Unser Tester ist 31 Jahre alt, demnach noch nicht unbedingt die Zielgruppe des Produktes.) 

Mimi will in Zukunft mit mehr Herstellern von Audioprodukten zusammenarbeiten. Kopfhörer seien erst der Anfang, sagt Matthies. Als nächstes soll die Technologie auch in Lautsprecher eingebaut werden. Ziel des deutschen Startups sei es, Marktführer für individuelle Audioprofile zu werden. Dafür wollen sie mit möglichst vielen Herstellern kooperieren, in deren Geräte dann ähnliche Chips eingebaut werden sollen, damit sie kompatibel mit Mimi werden.

Der Aventho Wireless wird kurz nach der IFA im Oktober auf den Markt kommen und 449 Euro kosten. Es wird auch eine kabelgebundene Version ohne Bluetooth und ohne den Chip von Mimi geben. Die soll dann um die 300 Euro kosten. Beide Versionen werden ein Touchpad am rechten Ohrhörer haben, mit dem die Lautstärke reguliert und zum nächsten Song gewechselt werden kann. Außerdem besitzen sie ein eingebautes Mikrofon, damit Telefonate angenommen werden können.