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Gute Kamera, aber dem Samsung Galaxy S9 fehlt die richtige Innovation

Dominik Schönleben 14.03.2018

Die neuen Samsung Galaxy S9 und S9 Plus sind die ersten Highend-Smartphones mit einer mechanischen Linse. Die bringt bessere Fotos bei schlechtem Licht. Aber so wirklich zukunftsweisend ist das Gerät damit nicht.

Das wichtigste an einer Smartphone-Kamera ist der Automatik-Modus. Für die meisten Nutzer muss er die besten Fotos machen – ohne großes Rumspielen an den Einstellungen. Telefon raus und abdrücken: So machen die meisten Menschen ihre Fotos. Verständlich, denn das beste Gadget ist eines, das einfach nur funktioniert.

Aber eine winzige Kamera bauen, ist schwer. Nicht umsonst sind Spiegelreflex-Kameras riesige Profi-Geräte mit einem komplexen Innenleben. Große Sensoren und Linsen sorgen dafür, dass diese Gadgets viel Licht erfassen. Und Licht ist das Wichtigste, wenn es um Fotografie geht. Denn es enthält die Farbinformationen, die am Ende als Pixel abgespeichert werden.

Genau hier scheitern aber viele Smartphones: Ist das Licht schummrig, der Himmel bewölkt, oder fotografiert man gar bei Nacht, nimmt augenblicklich die Qualität der Fotos ab. Sie werden verwaschen, grobkörnig und voll weißer Lichtkegel. Deshalb ist seit Jahren auf dem Markt für Highend-Smartphones eines der wichtigsten Kaufargumente, dass ein Gerät auch unter schlechten Bedingungen gute Fotos macht.

Der große Gewinner war hier zuletzt das Google Pixel 2 beziehungsweise 2 XL. Auch wenn das Smartphone viele andere Fehler hatte, machte es unter schlechten Lichtbedingungen stets die besten Fotos. (Bessere als die des iPhone X.) Verantwortlich war dafür vor allem die Software. Googles Künstliche Intelligenz (KI), die beim Drücken des Auslösers mehrere Fotos schoss, und zu einem einzigen Bild zusammensetze. Ein Prozess, der als High Dynamic Range (HDR) bekannt ist und auch von anderen Herstellern eingesetzt wird. Aber niemand ist eben darin so gut wie die KI von Google.

Mit dem neuen Galaxy S9 bringt Samsung jetzt ein Feature ins Spiel, das es so bisher auf Highend-Geräten nicht gab: Zum ersten Mal lässt sich die Blende der Kamera mechanisch verstellen, ähnlich wie bei einer Spiegelreflexkamera. Bisher wurde dieser Prozess auf Smartphones von der Software simuliert. Beim Galaxy S9 und S9 Plus gibt es jetzt die Einstellungen: Blende 1.4 und 2.4.

Es gibt zwei Möglichkeiten, um bei einer Kamera zu kontrollieren, wie viel Licht auf den Sensor fällt. Das einfachste ist die Belichtungszeit. Bleibt die Kamera länger geöffnet, dann wird das Fotos automatisch heller und mehr Farbinformationen können aufgenommen werden. Der Nachteil: Sollte sich jemand im Foto schnell bewegen, wird das Foto unscharf.

Alternativ kann die Blende weiter geöffnet, also das Licht nicht länger, sondern einfach mehr davon reingelassen werden. Das wird durch eine niedrigere Zahl angezeigt. Mit der 1.4 Blende des Samsung Galaxy S9 sollen also die Fotos bei schlechtem Licht besser werden. Und Aufnahmen bei guten Bedingungen werden dann nicht überbelichtet, weil die Kamera auch einfach auf 2.4 schalten kann. Je nach Umgebung entscheidet das Smartphone im Automatikmodus selbst.

In unserem Test zeigte sich schnell, dass die weiter geöffnete Blende des Galaxy S9 tatsächlich einen Unterschied macht. Bei schlechtem Licht oder bei Nacht sind die Farben klarer und es werden mehr Details hervorgebracht. Im Vergleich zum Vorgänger – dem S8 ­– sind deutliche Unterschiede zu erkennen.

Diese Qualitätsverbesserung verschwindet jedoch schnell, wenn man Fotos vom Galaxy S9 mit denen des Pixel 2 vergleicht. Auch wenn die beiden Kameras viele Farben ein bisschen unterschiedlicher interpretieren, sind diese Unterschiede meist nur noch Geschmackssache ­– beim Pixel wirken sie beispielsweise etwas natürlicher. Bilder des Galaxy S9 wirken ein bisschen kühler und künstlicher, während die des Pixel wärmer sind. Wirklich auffällig wird das nur, wenn man die Fotos direkt nebeneinander legt.

Im Großen und Ganzen bringt also die künstliche Intelligenz von Google das gleiche Ergebnis, wie die mechanische Finesse von Samsung. Was einerseits gut ist, weil Samsung natürlich mit einem Software-Update noch nachlegen könnte. Andererseits zeigt es, wie wichtig automatische Nachbearbeitung durch KI-Software bei Fotos geworden ist. Und es sieht so aus, als wenn Google deshalb auf lange Sicht gewinnen könnte. Das Unternehmen ist den anderen hier voraus.

Diese Qualitätsverbesserung verschwindet jedoch schnell, wenn man Fotos vom Galaxy S9 mit denen des Pixel 2 vergleicht.

Was nicht unerwähnt bleiben sollte: Auch die größere Version des Galaxy S8 besaß bereits zwei Linsen auf der Rückseite. Die helfen jedoch nicht bei schlechtem Licht, sondern bringen einen Zweifach-Zoom und die Möglichkeit zwei Objekte gleichzeitig zu fokussieren. Diese Funktionen besitzt natürlich auch das Galaxy S9 Plus.

Neben einer besseren Kamera kommt das Galaxy S9 auch mit einem Irisscanner an der Vorderseite. Zusammen mit der Frontkamera soll der das Face Unlock verbessern. Es also leichter machen, das Smartphone mit dem eigenen Gesicht zu entsperren. Und das stimmt: Durch den neuen Sensor funktioniert Face Unlock zuverlässiger und schneller als beim Vorgänger. Um das S8 zu entsperren musste das Telefon noch in einer ganz bestimmten Position gehalten werden. Das S9 zeigt sich hier etwas flexibler.

Mit Face ID von Apples iPhoneX kann die Funktion nicht mithalten. Der Sensor von Samsung braucht merklich länger. Außerdem reicht es nicht, das Smartphone einfach in die Hand zu nehmen. Damit das Galaxy S9 den Blick auf den Startbildschirm frei gibt, muss es erst über den Knopf an der rechten Seite aktiviert werden. Eher umständlich – und schon allein deshalb fühlt es nicht so elegant wie Apples Face ID an. Der Trost: In den Einstellungen können Nutzer aktivieren, dass das Telefon durch festes Drücken auf die untere Bildschirmhälfte entsperrt wird.

Die AR-Emoji erinnern stark an Apples Animoji.

Auch wenn Face Unlock nur ein kleines Detail ist, zeigt sich erneut: Das Gesicht wird das Smartphone-Passwort der Zukunft sein. Es ist einfach so viel angenehmer als Swipe-Gesten, Passcodes oder sogar der Fingerabdrucksensor. Letzterer sitzt beim Galaxy S9 jetzt an einer leichter zu erreichenden Position in der Mitte des Telefonrückseite. Doch im Praxistest war diese Verbesserung für uns irrelevant. Schon nach kürzester Zeit haben wir eigentlich nur noch Face Unlock benutzt.

Wie viel schlechter die Frontkamera plus Irisscanner im Vergleich zum Tiefensensor des iPhoneX sind, zeigt sich vor allem bei den AR-Emoji. Statt animierten Tieren gibt es beim Galaxy S9 digitale Avatare, die das Gesicht ihres Besitzers tragen sollen. Dafür macht die Kamera eine Aufnahme und überträgt dann Haare und Gesicht mehr schlecht als recht auf einen 3D-Avatar. Der kann dann live in der Foto-App über die Bewegungen des eigenen Gesichts animiert werden. Diese sogenannten AR-Emoji wirken jedoch unfertig und wie ein Schnellschuss, um mit Apples Animoji mitzuhalten.

Das Galaxy S8 ist eben das Galaxy S9 mit einer besseren Kamera.

Egal ob Kamera oder Animoji. Eine Sache zeigt sich beim neuen Galaxy S9 schnell: Hardware allein ist längst nicht mehr der wichtigste Faktor bei der Smartphone-Entwicklung. Smarte KI-Algorithmen, die Bilder oder Scans von Sensoren interpretieren können, bringen heute den Unterschied. Und dass Samsung bei diesem Thema hinterher ist, offenbart auch der eigene Sprachassistent Bixby. Es gibt noch immer keine deutsche Version von ihm und auch seine Fähigkeiten stehen weit hinter dem zurück, was die Konkurrenz mit Alexa, Siri oder dem Google Assistant bietet.

Wenn das Galaxy S9 also eines zeigt: smarte Software gewinnt. Das neue Telefon von Samsung ist großartig. Es fühlt sich angenehm in der Hand an, ist schnell und macht großartige Fotos mit einer mechanischen Linse. Aber wirklich zukunftsgerichtet ist es nicht. Es ist kein Gerät das man haben will, sondern einfach nur die nächste, zwangsläufige Iteration des Vorgängers. Es ist gut, wenn nicht sogar sehr gut. Aber es begeistert nicht. Kurz gesagt: Das Galaxy S9 ist eben das Galaxy S8 mit einer besseren Kamera. Es fehlt die echte Innovation.