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Digital ist besser / Nicht einmal die neue Apple Watch kann Johnny Haeusler wieder für Gadgets begeistern

Johnny Haeusler 23.03.2015

Ich fühle mich ausgebootet und ausgegrenzt. An den Rand geschoben. Auf’s Abstellgleis geführt. Denn moderne Gadgets reizen mich nicht mehr.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Dass es immer noch keine erschwinglichen Jetpacks und Hoverboards gibt: geschenkt. Aber dass wir uns trotz „enterprise grade technology” noch immer nicht auf dem Holodeck vergnügen oder von einem Ort zum anderen beamen können: schade. Herstellern von Technologien scheint es wirklich gar nicht mehr zu gelingen, mich und meine Kreditkarte hinter dem Tablet hervorzulocken. Das ist schon fast eine Frechheit. Ich bin doch ein Geek, ein Early Adopter, ein freiwilliger Beta-Tester! Ich kaufe fast alles, ich habe sogar noch zwei (2!) Hiptops im Schrank!

Aber ich habe immer noch keinen 3D-Drucker. Seitdem Makerbot-Gründer Bre Pettis auf der re:publica 2010 erste erschwingliche Geräte präsentierte, warte ich auf irgendeinen Grund, einen dieser hässlichen Kästen nebst Linux-betriebenem Laptop aufs Regal zu meinem Tintenstrahldrucker zu stellen. Aber es will mir einfach keiner einfallen. Ich trage keine Plastikohrringe, ich sammle keine Überraschungsei-großen, lustigen Nilpferdfigürchen und ganz ehrlich: Eine Pizza zu bestellen, statt sie zu drucken, geht schneller, ist billiger und das Ergebnis sieht (meistens) leckerer aus. Da ich auch keine Massenproduktion von Zahnbürstenstielen plane, fällt ein 3D-Drucker für mich als Objekt der Begierde also vorerst aus.

Wie oft soll ich meiner Geliebten meinen Puls zusenden, bevor sie sich wünscht, dass dieser auf Null fällt?

Johnny Haeusler

Und was ist es nur mit den Smartwatches? Die Timex Datalink konnte schon vor 20 Jahren Daten mit einem Computer austauschen und signalisierte Jahrzehnte vor der Moto 360: Achtung, mein Besitzer ist paarungsinkompatibel! Nicht einmal Nerds wollten sie deshalb tragen. Eine Smartwatch ist so sexy wie ein 2-Euro-Regencape und überlebt ebenfalls keine drei heftigen Schauer. einzig das 18.000-Dollar-Modell der Apple Watch sendet ein interessantes Signal an potentielle Partner, denn seinen Besitzern kann Geld offenbar völlig egal sein. Das ist ein Lebensentwurf, auf dem manche Menschen gerne ihre Zukunft aufbauen möchten.

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Aber sonst? Wie viele schlecht gekritzelte Herzchen, die von Watch zu Watch geschickt werden, kann eine Beziehung ertragen, bevor sie in die Brüche geht? Wie oft soll ich meiner Geliebten meinen Puls zusenden, bevor sie sich wünscht, dass dieser auf Null fällt?

Mit einer Armbanduhr telefonieren bringt uns auf das technische Niveau von 60er-Jahre-Agentenfilmen.

Johnny Haeusler

Zugegeben: Die Möglichkeit, mit einer Armbanduhr telefonieren und Nachrichten senden und empfangen zu können, bringt uns auf das technische Niveau von 60er-Jahre-Agentenfilmen. Die zu erwartenden Bilder von Menschen in Meetings, die dauernd auf ihr Handgelenk starren, katapultieren uns in eine Zeit zurück, in der man sein Desinteresse am gerade stattfindenden Gespräch nur so ausdrücken konnte. Betrachten wir es also als eine Art Zeitreise.

Aber, meine Damen und Herren, es bleibt dabei: Eine Armbanduhr darf für Menschen über 25 Jahren nichts anderes als ein subtiles oder protzendes Schmuckstück sein. Eine Investition über Generationen, der Ausdruck des Respekts vor handwerklicher Exzellenz. Und vielleicht noch das Zeichen, dass einem Geld völlig egal sein kann.

Nein, meinen Geek-Instinkt sprechen die aktuellen Entwicklungen bisher wirklich nicht an. Obwohl … bei näherer Betrachtung … Ich muss jetzt endlich mal mit dem Sport anfangen. Eine Smartwatch würde mich sicher dazu motivieren. Und meine Pokale stelle ich mir dann mit dem 3D-Drucker selbst her. 

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