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iPhone X im Test: Die Kamera, mit der man telefonieren kann

David Pierce 06.11.2017 Lesezeit 10 Min

Mit seinem All-Screen-Display und Face ID will Apple das iPhone X benutzerfreundlicher machen als bisherige Smartphones. Tatsächlich ist es das erste Modell seit vielen Jahren, das sich neu und anders anfühlt, schreibt unser Autor. Ob es sich lohnt, dafür mehr als 1000 Euro auszugeben, klären wir im Test.

Das iPhone X ist nicht das Smartphone der Zukunft. Noch nicht. Das wird es erst sein, wenn Apple Augmented Reality zusammen mit der leistungsfähigen Kamera des iPhone X richtig einsetzt. Im Moment ist das Smartphone Apples bisher ehrgeizigster Versuch, ein Smartphone zu entwickeln, bei dem die Bedienung im Vordergrund steht und nicht das Gerät selbst.

Das unterstreicht zum Beispiel die neue Gesichtserkennungsfunktion Face ID, deren Verwendung eindeutig keine Designentscheidung seitens Apple war. Der Fingerabdrucksensor wurde von Face ID ersetzt, weil die Gesichtserkennung laut Apple einfach besser funktioniert.

Als ich das iPhone X das erste Mal anschaltete, fühlte sich Face ID wie ein lästiger zusätzlicher Schritt an. Ich musste nach dem Einschalten warten, bis das Entsperrsymbol verschwand, um vom unteren Rand nach oben wischen zu können. Das fühlte sich an, als ob ich eine mühsam verlernte schlechte Angewohnheit wieder erlernen musste. Wenn ich aber danach das Smartphone in die Hand nahm und das Display automatisch eingeschaltet wurde, dann war alles, was ich machen musste, von unten nach oben zu wischen. Face ID hatte mich als Nutzer erkannt und das Smartphone war bereit. Ich musste nichts weiter tun, um das Gerät einzuschalten oder zu entsperren. Wenn ich die Benachrichtigungen gelesen hatte, musste ich dem iPhone X nur mitteilen, dass ich zum Homescreen wechseln wollte.

Wenn Face ID korrekt funktioniert, fühlt es sich so an, als hätte man sein Smartphone nicht mit einer Maßnahme vor fremdem Zugriff geschützt. Wenn man auf eine Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm tippt, dann wird direkt die entsprechende App geöffnet – ohne Eingabe eines Passworts oder des Fingerabdrucks. Hier wird einem bewusst, wie viel Zeit man im Laufe der Jahre damit verbracht hat, Passwörter einzugeben. Diese Zeiten sind vorbei – verspricht Face ID.

Das beste Apple-Smartphone bisher

Und hier wird es kompliziert. Die Technik ist noch nicht ganz ausgereift. Ich konnte das iPhone X für knapp eine Woche verwenden und fand es nervig, dass ich mich jedes Mal, wenn ich das iPhone entsperren wollte, etwas zurücklehnen musste, damit die Gesichtserkennung funktioniert. Außerdem waren die nicht an das das randlose Display angepassten Anwendungen ärgerlich.

Wenn dagegen alles richtig funktioniert, ist das iPhone-X-Erlebnis brillant. Auch wenn die Kamera nicht besser ist als die des iPhone 8 Plus und der Prozessor der gleiche ist, ist das iPhone X für mich das beste Apple-Smartphone bisher. Gefällt es mir so gut, dass ich empfehle kann, mehr als 1.000 Euro dafür auszugeben? Das ist schwierig zu beantworten.

Invisible Touch

Das iPhone X ist ein wunderschönes Smartphone, dessen Anschaffung sich allein schon wegen des ästhetischen Wertes lohnt. Die Oberfläche fühlt sich überall glatt an. Nichts lenkt die Finger oder die Aufmerksamkeit des Besitzers ab. Das Display scheint noch näher an der Glasoberfläche zu sein, als bei bisherigen iPhone-Modellen. Dadurch spiegelt der Bildschirm weniger. Selbst die Smartphone-Farben Silber und Grau sollen die Besitzer nicht ablenken, darum gibt es kein Modell in glänzendem Gold.

Der 5,8 Zoll große Bildschirm, der sich über die gesamte Vorderseite erstreckt, zieht einen einfach an. Die Inhalte auf dem OLED-Bildschirm erscheinen klarer und lebendiger als auf den bisherigen iPhone-Modellen. Apple hat immer gesagt, dass seine Vision von einem Smartphone ein Handy sei, dass nichts anderes als einen Bildschirm hat und ich verstehe durchaus, warum: Wenn da nichts anderes als ein Display ist, sehen sämtliche Inhalte darauf noch besser und eindringlicher aus.

Aber das iPhone X hat auch ein paar kleine Macken

Die Größe ist für mich das Beste am iPhone X. Das normale iPhone fühlt sich für mich ein wenig zu klein an. Auf dem Bildschirm lässt sich langsam und ungenau tippen. Das Plus-Modell dagegen lässt sich nur mit zwei Händen bedienen. Da es einen sehr schmalen Rand und dadurch ein schlankes Seitenverhältnis hat, ist das iPhone X perfekt. Es ist groß genug zum Tippen von Nachrichten und klein genug, um in die Hosentasche zu passen.

Aber das iPhone X hat auch ein paar kleine Macken, wie ich finde. Ich habe zwar nichts gegen die Aussparung am oberen Rand, wo sich die Kamera und der Lautsprecher zum Telefonieren befinden. Aber dadurch wird das Smartphone eben nicht zum All-Screen-Handy. Dazu kommen noch die schmalen Ränder um den Bildschirm und die vielen Anwendungen, die mit der Aussparung nichts anfangen können und stattdessen nur mit schwarzen Streifen an den Seiten funktionieren. Ich bin für die Zukunft von All-Screen-Displays, aber so fühlt sie sich definitiv nicht an.

Für sein Display verzichtet Apple beim iPhone X auf den Homebutton. Um zum Homescreen zu gelangen, muss man nun von der unteren Seite des Bildschirms nach oben wischen. Um zwischen den Anwendungen zu wechseln, wird nach oben gewischt und für einen kurzen Zeitraum der Finger auf dem Bildschirm gehalten, bis die Miniaturansichten der Apps angezeigt werden. Die ersten Male habe ich diese Funktion gehasst. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Es ärgert mich aber jedes Mal, wenn eine App abstürzt. Normalerweise habe ich dann immer so lange auf den Homebutton gedrückt, bis irgendetwas passiert ist. Jetzt warte ich einfach ab oder muss das Smartphone zum Neustart zwingen.

Wer danach Ausschau hält, was Apple alles entwickelt hat, um das Smartphone-Erlebnis zu vereinfachen, wird beim iPhone X überall Beispiele sehen. Klar, der schnelle A11-Bionic-Prozessor ermöglicht beeindruckende AR-Funktionen und stellt Spiele absolut flüssig dar, aber er macht auch das Öffnen von E-Mails schneller und die Animationen von iOS flüssiger. Die Kamerasensoren machen auch die Aufnahme von Animojis möglich, lassen mich aber auch schneller mein Smartphone entsperren.

Wenn weniger auch weniger ist

Apple hat schon immer einen schmalen Grad beschritten zwischen frenetischer Optimierung des Kundenerlebnisses und der Verschlimmbesserung eines Produkts. Keinen Homebutton mehr zu haben, hat mich überhaupt erst an das Vorhandensein von Siri erinnert. Und daran, dass der Sprachassistent sogar ganz gut funktioniert. Der fehlende Anschluss für Kopfhörer zwang mich dazu, in ein kabelloses Paar zu investieren. Das war zu Beginn ein Krampf, fühlt sich mittlerweile aber genau richtig an. Lange Rede, kurzer Sinn: Es kann hart sein, sich immer wieder neu zu orientieren und sein Gerät neu kennenzulernen – aber oft ist der neue Weg schlicht der bessere.

Auf der anderen Seite hat Apple etwa entschieden, die Prozentanzeige für die Batterie aus seiner Statusleiste zu entfernen. Vermutlich aus Platzgründen, vermutlich aber auch, weil Apple nicht will, dass man sich ständig Sorgen um seinen Akku macht. „Alles ist gut!“, so die Botschaft. „Der hält den ganzen Tag“. Aber Ich mache mir nun einmal Sorgen um meinen Akku, und das kann Apple nicht verhindern. Jetzt muss ich mein Control Center öffnen, wenn ich wissen will, ob die halb gefüllte Anzeige auf meinem Display 41 Prozent bedeutet oder 59. Außerdem hält mein Akku eben nicht für einen ganzen Tag. Mit meinem „durchschnittlich intensivem Verbrauch“ kann ich mein iPhone für rund 14 Stunden benutzen, von 7 bis 21 Uhr. Vermutlich würden manche sagen, das ist der ganze Tag. Bei mir ist das nicht so.

Auch die Anzeige zu den Bluetooth-Verbindungen hat Apple in das Control Center verbannt. Wieder hieß der Grund wohl: Platz und Sorgen der Nutzer. „Eure AirPods sind immer verbunden, eure Watch auch! Yay W1 Chips!“, heißt das Argument. Jeder, der einmal Bluetooth-Kopfhörer benutzt hat, weiß aber, dass das so nicht funktioniert. Es nervt, nicht einfach nachschauen zu können, ob eine Verbindung besteht.

Es gab in der Smartphone-Welt immer schon Debatten darüber, wie anpassbar ein Telefon sein sollte. Manche Leute wollen jedes Icon auswechseln, jede Liste neu zusammenstellen und alles für ihre eigenen höchst speziellen Ansprüche verbessern. Diese Leute nutzen Android. Apple ist schon immer in die andere Richtung gegangen, das Unternehmen wollte ein Produkt anbieten, über das man nicht nachdenken muss. Eines, das einfach macht, und das man selbst nur bedienen muss. Das iPhone X führt diesen Gedanken so weit wie noch nie, und ich mag die Idee – allerdings hapert es an der Ausführung.

Das iPhone lässt sich nicht mehr als Telefon bezeichnen

Das iPhone lässt sich nicht mehr als Telefon bezeichnen. Vielmehr ist es eine Kamera, die telefonieren kann. Diese Aussage wird noch wahrer, sobald wir in den kommenden Jahren tiefer in die Welt der Augmented Reality und Video-Kommunikation eintauchen.

Die zwei Kameras auf der Rückseite sind dieselben wie beim iPhone 8 Plus, sie sind lediglich vertikal und nicht horizontal angeordnet, so wie bei den anderen Phones. Das ist gut. Das iPhone X macht hervorragende Bilder und Videos in jedem Modus: von Super-Zeitlupe zu 4k mit 60 Frames pro Sekunde. Es hat außerdem im Vergleich zu den anderen iPhones zwei Upgrades, beide sind hilfreich aber keine Gamechanger. Beide Linsen werden jetzt optisch stabilisiert, was Videos ruhiger macht und beim Foto-Zoom hilft. Das Teleobjektiv hat außerdem eine größere Brennweite, so dass stark herangezoomte Bilder heller erscheinen.

Bei der Frontkamera wird es richtig interessant. Ich gehe davon aus, dass Entwickler und Nutzer alles mögliche mit den Sensoren der TrueDepth-Kamera anstellen werden. So wie genaues GPS zum Erfolg Ubers geführt hat, oder die Smartphone-Kamera zum Aufstieg von Instagram, wird es auch hier neue Apps geben. Apps, die detailliert und in Echtzeit eine Analyse des eigenen Gesichts vornehmen können, um damit großartige wie erschreckende Dinge zu tun. Im Moment bleiben die Funktionen auf Selfies mit Tiefenschärfe beschränkt. Die haben dieselbe Qualität und die gleichen Möglichkeiten wie die bisherigen Kameras.

Noch eine Sache zu Face ID: Sobald man sich daran gewöhnt hat, wie sie funktioniert, funktioniert sie wirklich gut. Sicher, es gibt Grenzen. Man kann sein Telefon nicht entsperren, ohne es anzusehen – also war es das mit geheimen Textnachrichten unter dem Küchentisch. Und ja, manchmal funktioniert das System nicht, vergleichbar ist das mit TouchID, das den Fingerabdruck nicht erkennt. Bei mir zumindest klappte es mit einem Hut, als ich mein Gesicht teilweise bedeckte, oder als ich es in der Dunkelheit ausprobierte. Es funktionierte nicht mit meiner Sonnenbrille, wenn ich meine Augen geschlossen hatte oder in hellem Sonnenlicht saß. Das System funktioniert, um mein iPhone zu entsperren, es funktioniert aber noch besser, wenn es bereits entsperrt ist. Wenn man etwa bestimmte Apps absichert oder mit Face ID für Einkäufe bezahlt. Beides wird dadurch sicherer und einfacher.

Statussymbol

Nach einer Woche mit dem iPhone X bin ich immer noch hin und hergerissen, ob ich es empfehlen soll oder nicht. Es ist ein großartiges Telefon, definitiv das beste Smartphone, das man sich kaufen kann. Ich liebe die Größe, den Bildschirm, die Kamera. Es fühlt sich wie das iPhone an, über das Apple seit langem spricht. Aber Apple kommt sich selbst in den Weg, wenn es Dinge verschlimmbessert. Es ist schon lange her, dass ich so viele Probleme damit hatte, mich an ein neues iPhone zu gewöhnen.

Wichtiger noch, das iPhone X kostet über 1000 Euro. Das ist nicht viel teurer als andere Telefone, vor allem nicht, wenn man sie monatlich abbezahlt. Aber teuer bleibt das trotzdem für ein Smartphone. In den meisten Bereichen ist das iPhone X nicht revolutionär stärker als das 8 oder 8 Plus. Ich glaube, die TrueDepth Kamera könnte der Beginn von etwas Besonderem sein, aber in diesem Bereich könnte man auch auf kommende Modelle warten, wo dann schon mehr passieren wird.

Vor langer Zeit, als das erste iPhone noch ein Status-Symbol war, habe ich jeden Besitzer angesprochen. Ich wollte wissen, was die Leute von dem neuen Gerät halten. Heutzutage trägt jeder überall das Gleiche mit sich herum. Das iPhone X ist das erste Smartphone seit damals, das sich tatsächlich neu und anders anfühlt. Braucht man es? Nein. Zumindest jetzt noch nicht. Aber es ist wirklich cool.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf WIRED.com.