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Google Chef-Designer: Wir wollen eine Modemarke sein

Dominik Schönleben 23.01.2018 Lesezeit 6 Min

Smartphones sehen fast alle gleich aus: schwarze Monolithen aus Glas. Googles Chef-Designer Alberto Villarreal will weg von diesem technischen Look. Er plant, Google zum Chanel der Tech-Industrie zu machen.

Mit der Nexus-Serie verkaufte Google 2010 erstmals Smartphones für das eigene mobile Betriebssystem Android. Von Google selbst waren diese Geräte jedoch nicht, sie wurden von LG, Samsung, HTC und Motorola entwickelt. Erst 2016 mit dem Pixel-Telefon bestimmte Google alles selbst: Software, Hardware – und ja, auch das Design. Für letzteres ist Alberto Villarreal verantwortlich.

Als Creative Lead von Googles Hardware-Abteilung kümmert Villarreal sich schon seit dem Nexus 5 um das Aussehen der Telefone. Doch erst mit dem Pixel standen ihm alle Optionen offen. Die anderen Hersteller redeten ihm nicht mehr rein. Villarreal entwickelte eine neue Designsprache für Googles Hardware. Eine, die zwar schon in den Nexus-Geräten angedeutet ist, aber erst mit dem Pixel 2, dem Pixel Book und Googles Smarthome-Geräten so richtig auf Linie getrimmt wurde.

Wir sprachen mit dem mexikanischen Google-Designer über seine Vision für das Smartphone der Zukunft – und warum Mode dabei eine große Rolle spielt.

WIRED: Das Pixel 2 hat auf der Rückseite ein Rechteck aus Glas. Dieser Teil des Telefons geht als erstes kaputt, wenn es auf den Boden fällt. Warum hast du deinem Telefon eine solche Schwachstelle gegeben?
Alberto Villarreal: Das Glaspanel ist das auffälligste Design-Element. Aber eigentlich wurde es eingebaut, weil es die Antennenleistung verbessert. Es gibt Telefone, die komplett aus Glas sind. Aber indem wir es in zwei Materialien aufgeteilt haben – Metall und Glas – haben wir eine gute Antennenleistung und machen es gleichzeitig robuster. Das Glaspanel war eine technische Notwendigkeit, wurde aber zu einem Element mit Wiedererkennungswert. Ich liebe es, wenn ich jemanden mit dem Telefon in der Hand sehe, und ich sofort erkennen kann, dass dieses Telefon von Google ist.

WIRED: Es geht beim Smartphone-Design also vor allem um den Wiedererkennungswert?
Villarreal: Es ist nicht so, dass wir unser Design darauf ausrichten. Aber wenn wir ein neues Google-Produkt entwickeln, suchen wir natürlich nach einem besonderen Look. Es gibt technische Merkmale – wie etwa die Kamera – die es zu etwas Besonderem macht. Aber ein weiterer Aspekt ist, dass es als Industriedesignobjekt erkannt wird. Wir wollen unser Smartphone zugänglicher und freundlicher als die Konkurrenz wirken lassen. Deshalb gibt es das Telefon in Reinweiß und Reinschwarz, aber es gibt eben auch Optionen für extrovertiertere Nutzer wie mich. Ich liebe, dass viele Menschen das Schwarz-Weiß-Modell Panda nennen. Wenn Menschen einem Telefon einen Namen geben, dann bekommt es eine eigene Identität.

WIRED: Kam das für dich überraschend?
Villarreal: Ich habe es mir nicht als Panda vorgestellt. Ich habe es den Domino genannt. Aber mein Ziel war es, ein mutiges und ikonisches Telefon zu bauen.

WIRED: Wir sprechen bisher nur über die Rückseite. Aber auf der Vorderseite sehen alle Telefone gleich aus. Haben wir hier das Endstadium für das Smartphone-Design erreicht?
Villarreal: Bereits seit dem Nexus 5 arbeite ich daran, dass die Nutzer sich auf den Bildschirm konzentrieren können. Wir wollen alles entfernen, das ablenkt. Keine Firmenlogos, keine Knöpfe. Sogar die Stereo-Lautsprecher sind ein Element, das wir möglichst diskret behandeln.

WIRED: Die sollten also lieber auch weg?
Villarreal: Vermutlich. Wenn ich davon träume, wie das perfekte Telefon aussieht, dann würde ich wohl keine zwei Löcher in die Vorderseite bohren.

WIRED: Der schwarze Monolith, einfach nur ein Bildschirm, ist also der ideale Formfaktor des Telefons. Es geht also nur noch darum, den Rahmen zu verkleinern?
Villarreal: Da der Medienkonsum der wichtigste Teil des Nutzererlebnisses geworden ist, geht es darum, die Größe des Bildschirms zu maximieren. Alles was nicht der Bildschirm ist, wird deshalb aber auch besonders wichtig. Denn dort passiert dann ein Großteil des Designs.

Alberto Villarreal auf dem Dach des Berliner Hotel de Rome

WIRED: Hast du ein Beispiel dafür?
Villarreal: Wir haben angefangen, Stoff als Teil unserer Designsprache zu verwenden – für Smartphone-Hüllen, aber auch für andere Produkte. Weil es sich einfach angenehm anfühlt. Wir wollen, dass unsere Produkte nahbar sind. Technologie kann manchmal überfordern. Wir verkaufen Geräte, die im Inneren unglaublich komplex sind. Der farbige Knopf wie etwa beim Pixel 2 ist nur ein kleines Detail, aber er zaubert dir ein Lächeln ins Gesicht. Es gibt viele Tech-Produkte mit blinkenden LEDs, die aussehen wie Roboter.

WIRED: Und das ist schlecht?
Villarreal: Das kann einschüchternd sein und die Geräte passen nicht zu anderen Gegenständen, die du bei dir trägst. Sie passen nicht zu deiner Kleidung oder deinem Zuhause. Wenn ich hingegen etwas aus Stoff in meine Jackentasche stecke, dann fühlt sich das warm und organisch an.

Villarreals Fokus für die Smartphone-Hüllen des Pixel 2: helle Pastelltöne und weiches Material

WIRED: Werden Smartphone-Hersteller also zu Modemarken?
Villareal: Absolut. Ich komme gerade von der Berlin Fashion Week. Beim Pixel 2 haben wir uns von Mode beeinflussen lassen - die weichen Pastelltöne und dass alle Farben Ton in Ton sind. Das gesamte Telefon hat denselben Blauton, aber weil es aus verschiedenen Materialien besteht, wirken die Farben leicht unterschiedlich. Alles wirkt ruhig, aber mit einem Hauch von Farbe. Das orientiert sich an aktuellen Kleidungstrends. Die Nachrichten und die Welt sind oftmals negativ. Deshalb versuchen Menschen, durch ihre Kleidung mehr Ruhe, Positivität und Optimismus auszustrahlen. Diesen Trend übertragen wir in unsere Produkte.

WIRED: Gutes Design soll zu 99 Prozent unsichtbar sein. Gibt es ein Feature beim Pixel 2, auf das das zutrifft, ein Element, auf das du besonders stolz bist, aber das niemand bemerkt?
Villareal: Der Fingerabdrucksensor. Er funktioniert einfach. Die Nutzer bemerken gar nicht, dass er genau an der richtigen Stelle sitzt. Wir haben viele Abstände und Handgrößen getestet, bis wir diesen Punkt gefunden haben. Der Fingerabdrucksensor ist genau so etwas, das du nicht wahrnimmst, weil es einfach funktioniert.