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Fitnesstracker machen endlich, was sie sollen

Robbie Gonzalez 28.12.2017

Dienste wie Facebook, Instagram und Netflix machen süchtig. Gadgets wie Fitnesstracker bislang nicht. Das könnte sich mit den neuen Modellen ändern.

Personalisierte Dienste und Geräte haben einen schlechten Ruf. Man wird süchtig. Push-Benachrichtigungen verhindern das Weglegen des Smartphones und die automatische Wiedergabe von Serien sorgt für einen Netflix-Exzess. Social-Media-Funktionen - wie die „gesehen von“- Liste der Instagram Stories - verleiten zu obsessivem, selbstdarstellendem Nutzungsverhalten. Geräte, Apps und Social-Media-Plattformen, so warnen Experten immer häufiger, wurden entwickelt, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erregen und Gewohnheiten abzuspeichern, die eigentlich nicht unserem Verhalten entsprechen.

Eine Ausnahme sind Fitnesstracker. Viele Jahre hatten Tracker wie die von Fitbit, Garmin und Apple kein ausreichendes Suchtpotenzial. Etwa ein Drittel der Personen, die Fitnesstracker kaufen, hören innerhalb von sechs Monaten auf, sie zu nutzen.

Unklar ist bislang außerdem, ob eine Person, die einen Fitnesstracker nutzt, wirklich fitter wird. Die meisten Studien über die Effektivität von Fitnesstrackern haben keine stichhaltigen Beweise dafür geliefert.

Die erste Studie, eine stichprobenartig ausgewählte mit 800 Testpersonen, wurde zwischen Juni 2013 und August 2014 durchgeführt. Die Ergebnisse, die im letzten Jahr in The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlicht wurden, zeigen, dass ein Clip-on-Activitiy-Tracker nach einjähriger Anwendung keinen Einfluss auf die allgemeine Gesundheit oder Fitness der Testpersonen hatte - selbst wenn es mit einem finanziellen Anreiz kombiniert wurde (Freiwilligen, deren finanzieller Anreiz nach sechs Monaten gestrichen wurde, ging es langfristig schlechter, als denen, die nie einen geboten bekommen haben). Die zweite Studie von der University of Pittsburgh, die zwischen Oktober 2010 und Oktober 2012 durchgeführt wurde, untersuchte, ob die Kombination eines Gewichtsverlustprogramms mit einem Fitnesstracker, der am Oberarm getragen wird, den Testpersonen helfen würde, Gewicht zu verlieren oder ihre allgemeine Gesundheit zu verbessern. Die im letzten Jahr veröffentlichten Ergebnisse im Journal of the American Medical Association zeigen, dass Probanden ohne Fitnesstracker mehr Gewicht verloren haben als die Gadget-tragenden - eine Differenz von etwa 3,5 Kilogramm. Abgesehen davon, dass das Gewicht kein Maßstab für die Gesundheit ist, zeigten die Ergebnisse, dass die Testpersonen mit Fitnesstrackern nicht aktiver, geschweige denn fitter waren, als die Personen ohne ein solches Gerät.

Die Ergebnisse dürften ziemlich ernüchternd für Unternehmen sein, die Fitnessgeräte herstellen. Das heißt aber nicht, dass Nutzer ihre neuen Fitnesstracker loswerden sollten. Warum?

Tatsache ist, dass die meisten existierenden Studien über Fitnesstracker - einschließlich der beiden oben erwähnten - mit Geräten durchgeführt wurden, die mehrere Jahre alt sind (wie der Schrittzähler, der sich jedoch nicht problemlos mit dem Smartphone verbinden ließ). Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die neuen Gadgets endlich süchtig machen werden.

Zunächst einmal haben sich die tragbaren Fitnesstracker zu leistungsfähigen Geräten entwickelt. Es genügt nicht mehr, Schritte und aktive Minuten zu messen; Funktionen wie Sleep-Tracking und die 24/7-Herzfrequenzmessung sind ebenfalls zum Standard geworden. Es sind leistungsfähige Akkus nötig, damit Eigenschaften wie die ununterbrochene Herzfrequenzmessung effektiv genutzt werden können. Fitbits neue „motivierende Uhr“, Iconic, hat einen Akku, der vier Tage lang halten soll. Die Fenix 5, Garmins Topgerät unter deren Fitnessuhren, hält bis zu zwei Wochen.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die neuen Gadgets endlich süchtig machen werden.

„Wenn sie bequem, wasserdicht, das Display immer lesbar ist und das Gerät eine lange Akkulaufzeit hat, gibt es keinen Grund mehr, die Smartwatch abzulegen“, sagt Phil McClendon, Garmins leitender Produktmanager.

Neben der Software hat sich auch die Benutzerfreundlichkeit verbessert. Das Sammeln von Informationen ist eine Sache. Sie so darzustellen, dass sie für den Nutzer verständlich, motivierend und umsetzbar sind, eine andere. Wie zum Beispiel die einfache Erinnerung daran, sich zu bewegen - eine weitere Funktion, die bei den neuen Fitnessuhr-Modellen Standard ist. Menschen durch ein Summen und Vibrieren zu benachrichtigen, unabhängig von ihrer aktuellen Aktivität, ist nervig. Stattdessen informieren die neuen Wearables darüber, dass sich die Nutzer bewegen sollen, wenn sie länger als eine vorgegebene Zeitspanne saßen. Laut Fitbit funktioniert das. „Personen, die im Durchschnitt sechs Erinnerungen am Tag erhalten, dass sie sich bewegen sollen, bekommen nach ein paar Monaten etwa 40 Prozent weniger solcher Nachrichten angezeigt.“, sagt Shelton Yuen, Fitbits Vice President of Research. „Das ist ein sehr detailliertes Beispiel, aber ich finde, dass es wichtig ist, weil es bedeutet, dass sich das angeborene Verhalten des Nutzers ändert.“

Das Fitbit solche Aussagen trifft, wundert nicht. Aber auch externe Experten sind sich über die Erfolge beim Fortschritt der Fitness-Technologie einig. „Es gibt zwei Dinge, in denen Apps und Geräte sich besonders verbessern“, sagt der Forscher Mitesh Patel von der University of Pennsylvania. Er untersucht, ob und wie Wearables die Verbesserung der Gesundheit ermöglichen können.

Eine erste Verbesserung ist es, wenn sich die Geräte Soziale Netzwerke zunutze machen, um den Wettbewerb untereinander anzukurbeln oder die Unterstützung zu fördern. Wissenschaftler, angeführt von der Psychologin Liza Rovniak, zeigten kürzlich, dass die Unterstützungsnetzwerke sehr effektiv bei der Steigerung der körperlichen Aktivität bei unmotivierten Erwachsenen sind. Aber sie vermutet, dass das Leaderboard-Format, eine beliebte Methode zur Förderung des Wettbewerbs durch Ranglisten für Nutzer, niemanden inspiriert, außer diejenigen, die an der Spitze der Charts stehen (und wahrscheinlich eh die geringste Motivation benötigen).

Die Zweite Verbesserung ist die Zielsetzung. „Wir wissen, dass die Menschen nach einem erreichbaren Ziel streben müssen, um ihr Verhalten zu ändern“, sagt Patel. Das Problem mit den früheren Fitnesstrackern war, dass sie alle das gleiche Ziel (Schrittzählung) nutzten und die Anforderung für alle zu hoch war (10.000 Schritte). Aber der durchschnittliche Amerikaner macht nur 5000 Schritte pro Tag. Es sei unrealistisch, diese Zahl zu verdoppeln und setze die Personen unter Druck - es sei entmutigend, sagt Patel.

Doch die heutigen Fitnesstracker passen ihr Feedback an die individuellen Gewohnheiten der Nutzer an. Anstatt zu sagen, dass 10.000 Schritte gelaufen werden sollen, ermutigt Garmins Insights-Funktion den Nutzer, wenn die Uhr merkt, dass dieser sich weniger bewegt, als er es normalerweise an einem bestimmten Wochentag tut. Fitbit erlaubt es den Nutzern nun auch, personalisierte Ziele, die mit dem Gewicht und der kardiovaskulären Fitness zusammenhängen, zu setzen und zu verfolgen.

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie Hersteller für Wearbles begonnen haben, Theorien aus der Psychologie und Verhaltenslehre zu verwenden, um die Nutzer zu motivieren - und es hat gerade erst angefangen. „Sie fügen ständig neue Funktionen hinzu“, sagt eine Psychologin der Brandeis University, Alycia Sullivan. Sie ist Wissenschaftlerin am Boston Roybal Center for Active Lifestyle Interventions und Verfasserin einer kürzlichen durchgeführten Studie über Motivationskonzepte für Fitness Tracker. Jetzt, da diese Geräte klein, leistungsfähig und mit Sensoren ausgestattet sind, erwartet sie, dass solche Funktionen softwareseitig bei diesen Gadgets umgesetzt werden. „Dort sind die Unternehmen am besten in der Lage, die Daten der Nutzung zu sammeln, mit Blick auf interaktive, personalisierte Informationen, die sie letztlich tatsächlich nutzen werden.“

Es mag eine Weile gedauert haben, bis die Fitness Tracker die Facebooks und Netflix' dieser Welt eingeholt haben, aber die Fitnesstracker sind endlich bereit, das zu werden, wofür sie eigentlich gedacht waren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf WIRED.com.