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Von Kindern gemalte Gadgets werden Realität

Michael Rundle 01.02.2016 Lesezeit 7 Min

Ein selbstschwebendes Springseil, der Regenmantel für Marienkäfer und ein Haken, mit dem man den letzten Chip aus der Dose fischen kann: Diese phantastischen Erfindungen stammen von Kindern.

Statt von den Think Tanks der weltgrößten Technologie-Konzerne wurden diese Erfindungen ganz alleine von Kindern designt — die jüngsten von ihnen gerade einmal fünf Jahre alt. Ihre Konzepte wurden als Teil des Projekts INVENTORS! von Dominic Wilcox als echte Gadgets realisiert.

In 19 Workshops ließ Wilcox 450 Kinder aus Großbritannien Erfindungen zeichnen, die ihr Leben verbessern würden — egal ob verrückt oder nützlich. Danach sollten die Kinder darüber nachdenken, wie ihre Ideen in der Praxis umgesetzt werden könnten. Von den insgesamt 600 Vorschlägen baute Wilcox dann die besten nach. „Ich habe um die 60 Erfindungen ausgewählt, von denen ich dachte, dass sie interessant, überraschend, innovativ, nützlich oder einfach völlig brillant sind“, sagt Wilcox. „Diese Auswahl habe ich dann einer Gruppe von Makern gezeigt, die mir bei dem Projekt geholfen haben.“

Diese Lampe von Layla Amir (11) wurde von Carl Gregg vom FabLab Sunderland gebaut. „Statt eines Schalters zum Dimmen, der leicht kaputt geht, kann man Vorhänge benutzen. Wenn man am Plastikband zieht, dann drehen sich die Vorhänge. Diese Erfindung ist für jedes Alter geeignet. Die Lampe ist nicht bunt, also nicht kindisch, aber auch nicht zu erwachsen“, sagt Amir über ihre Erfindung.

„Nachdem wir ausgewählt hatten, welche Ideen umgesetzt werden, lud ich die Kinder noch mal zu uns ein, damit sie den Makern detailliert beschreiben konnten, wie ihre Idee aussieht und wie sie funktioniert“, sagt Wilcox. Einige Kinder hätten ihren Partnern wirklich wichtige Vorgaben gegeben. Darunter zum Beispiel eine Vierjährige, die zwar etwas schüchtern war, aber ihre stimmaktivierte Kamera so gut beschreiben konnte, dass ein vollwertiges Design entstand.

Wie kriegt man den letzten Chip aus der Dose? Mit einem Pringles Hook. Georgia Dinsley (11) hat ihn erfunden.

Der Haken wurde von Andy Mattocks mit einem 3D-Drucker erschaffen.

„Mehrere der älteren Kinder beschrieben mit vielen Details, wie ihre Idee funktioniert. Ein paar von ihnen besuchten sogar die Werkstatt der Maker“, sagt Wilcox. Darunter die sechsjährige Sophia, die einen Regenmantel für Marienkäfer erfunden hat. Sie kam ins National Glass Center in Sunderland, wo ein eigentlich in Rente gegangener Meisterglasbläser ihre Idee aus Glas erschuf, während sie zuschaute.

Daniel Shimmin (4) ist Erfinder einer Kamera, die man anschreit, damit sie ein Foto macht. In die Realität wurde sie von Alistair MacDonald umgesetzt.

„Ich habe ein bisschen gebraucht, um herauszufinden, was da oben auf dem Stock ist“, sagt MacDonald. „Mir wurde gesagt, es sei das Teil, mit dem die Bilder gemacht werden, und nicht der Sensor oder ein Schalter. Nach einigem Nachdenken, wurde mir klar, dass ich das offensichtlichste übersehen hatte. Es war einfach eine Kamera auf einer Stelze.“

Zu sehen, wie ihre Erfindungen gebaut werden, gebe den Kindern das Gefühl, dass ihre Vorstellungskraft real werden kann, sagt Wilcox: „Den Kindern wurde klar, dass ihre Fantasie wirklich mächtig ist und ihre Ideen zu etwas wirklich großartigem werden können.“

Kinder hätten große Stärken, wenn es um Innovation gehe, sagt Wilcox. Unternehmen sollten sich an ihnen ein Beispiel nehmen. „Sie haben weniger Informationen im Kopf als Erwachsene. Ihnen fehlt Lebenserfahrung, um zu erkennen, was möglich ist und was nicht.“ Diese Freiheit gebe ihnen die Möglichkeit, Dinge zu entwickeln, die heute eigentlich noch unmöglich sind, aber in die Zukunft real werden könnten.

Dieser Familien-Roller wurde von Wendy Ridley (9) designt und von Roger O'Brian umgesetzt.

„Meine Erfindung ist ein Familien-Roller. Er funktioniert, wenn die ganze Familie anschiebt. Dann fährt er. Er wäre perfekt für eine große Familie“, sagt Wendy Ridley (9).

„Als Erwachsene beschränken wir unser Denken auf das, was möglich ist. Und so limitieren wir das Potential für unsere Ideen“, sagt Wilcox. Nicht alle Ideen, die er ausgewählt hatte, konnten praktisch umgesetzt werden. Das sei aber noch kein Grund, nicht an ihnen zu arbeiten.

Der War Avoider von Charlotte Scott (11) ist eine etwas melancholische Erfindung, die an gefährliche Zeiten denken lässt.

„Wenn du weg willst vom Krieg, dann bring dein Haus und deinen Garten auf die Plattform. Setz dich auf den Sitz, um auf die Plattform zu kommen. Schon bald sitzt du dort und fährst aus dem Kriegsgebiet und in Sicherheit“, sagt Scott über ihre Erfindung.

Ein elfjähriges Mädchen namens Charlotte hatte die Idee für den War Avoider. Ein Gerät, das im Falle eines Kriegs das Haus einer Familie in die Luft hebt, damit es aus dem Krisengebiet und in Sicherheit gebracht werden kann. Erin Dickson vom Fablab Sunderland erschuf aus dieser Idee ein Modell — inklusive einer unsichtbaren Schutzhülle aus Glas. „Den Kindern wurden keine praktischen Einschränkungen auferlegt. Wenn es eine gute Idee war, suchten wir nach einem Weg, sie in 3D darzustellen“, sagt Wilcox.

Chloe Main (6) erfand dieses fliegende Springseil. Entwickelt wurde es von Andy Mattocks.

„Das Flying Rope ist ein fliegendes Springseil. Wie ein normales Springseil, aber mit Propellern und Lichtern. Man kann springen, man kann fliegen oder man kann springen während man fliegt. Die Propeller sind batteriebetrieben. Achte darauf, zu landen, bevor die Batterien leer sind. Kinder können sie benutzten, um in andere Länder zu springen. Und Piloten, die Spaß haben wollen, können sie auch benutzen“, sagt Main.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten für Kinder, ihre Ideen selbst zu erschaffen. Egal ob mit Spielen wie „Minecraft“ und „Disney Infinity“ — oder mit günstiger Computerhardware wie dem Raspberry Pi. Aber auch traditionelles Spielzeug von LEGO bis Meccano ist immer noch ideal für Kinder, die bereits die Geisteshaltung von Makern besitzen.

Nicht von einem Kind, sondern vom Lokalpolitiker Alan Kerr wurden diese Kopfhörer designt, mit denen man sich selbst hören kann. Gebaut wurden sie von Alistair MacDonald.

„Die Kopfhörer sind für Politiker, die sich gerne selbst reden hören“, sagt MacDonald.

„Den Kindern wird heute auf Monitoren extrem aufwendige Unterhaltung geboten. Sie brauchen eigentlich nicht mehr ihre Vorstellungskraft benutzen, weil ihnen alles abgenommen wird“, sagt Wilcox. Die größte Inspirationsquelle von Kindern und auch Erwachsene sei hingegen Langeweile.

Wilcox war überrascht, wie viele Kinder nicht daran gewöhnt sind, etwas mit ihren eigenen Händen zu bauen: „Als Designer glaube ich, dass schnelle Prototypen wichtig sind, damit man eine Idee visualisieren und verbessern kann.“ Wenn man einem Kind eine Box voll Materialien gibt und ihm einige Basics zeigt, dann werde es schnell selbst zum Designer.