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Samsung Gear S3: Die erste sinnvolle Alltags-Smartwatch

Dominik Schönleben 30.11.2016 Lesezeit 6 Min

Die neue Smartwatch von Samsung sieht nicht nur eleganter aus als ihre Vorgänger, sie hat auch im Inneren Verbesserungen bekommen. Die Gear S3 ist ein smartes Wearable, das im Alltag tatsächlich auf praktische Weise funktioniert. 

Bevor Uhren zum Statussymbol avancierten, waren sie einmal smarte Gadgets. Lange vor teuren Lederbändern, Goldprägungen und Carbonmechaniken revolutionierten sie als einfache Zeitansager unseren Alltag. Mit den Smartwatches von heute verhält es sich umgekehrt. Eine Apple Watch ist zwar eine modische Sache, über ihren Nutzen streiten Käufer bis heute: Die schlaue Uhr betonte schon immer mehr den Early-Adoper-Status ihres Trägers, als das sie Nutzen im Alltag brachte. 

Aber das ändert sich gerade. Spätestens seit dem Flop der 18-Karat-Gold-Version der Apple Watch für knapp 4000 Euro scheinen die Hersteller begriffen zu haben: Viele User wollen kein Prestige, sie wollen Funktion und Nutzen. Workout und Sport treten deshalb bei neueren Uhren mehr und mehr in den Vordergrund. Auch dieser Markt ist allerdings schwieriges Terrain: Es gibt bereits Fitness-Uhren und Fitnessarmbänder. Smartwatches hatten in der Vergangenheit Probleme, an die Fähigkeiten dieser Konkurrenz heranzukommen. So auch die Gear-Reihe von Samsung – bisher zumindest. Mit der Gear S3 hat das Unternehmen eine Smartwatch geschaffen, die mehr ist als hübscher Ballast am Handgelenk.

Die Lünette der Samsung Gear S3 fühlt sich erfrischend analog an

Durch ihre Lünette – den drehbaren Ring am Rand der Uhr – lässt sich die S3 intuitiv und angenehm navigieren. Wischen zur Navigation ist zwar weiterhin möglich, die Lünette aber ist schneller und präziser. Sie rastet nach jeder Drehbewegung mit einem befriedigenden Klicken ein und schafft so das haptische Gefühl einer analogen Uhr.

Die Apps der Samsung Gear S3 sind jetzt direkt auf der Uhr installiert. Dadurch läuft sie stabiler, schneller und das Gerät funktioniert autonomer vom Smartphone. Diese neu gewonnene Unabhängigkeit macht die Uhr ungemein nützlicher.

Die meisten Funktionen der Gear S3 funktionieren auch ohne Telefon

Egal ob mit oder ohne Telefon, die S3 kann jetzt problemlos Workouts tracken– inklusive GPS-Position. Praktisch sind dabei die integrierten Trainingsprogramme, die das Training per Sprachausgabe begleiten. Die via GPS aufgezeichnete Strecke kann man sich live auf dem Telefon anzeigen lassen, eine Aufzeichnung lässt sich später in der App allerdings leider nicht finden.

Workouts werden entweder vom Nutzer selbst oder automatisch durch die App gestartet – wenn man sich schnell bewegt oder lange Strecken zurücklegt,  erkennt die Uhr das automatisch als Trainingseinheit. Das funktionierte im Test sehr gut. Die Gear S3 kann während des Trainings live den Puls messen; lange Zeit schafften das nur spezielle Sportuhren (etwa der Marke Garmin). Auch Schwimmen ist eine der verfügbaren Workout-Optionen in der zugehörigen App S Health – weil die Gear S3 nur 30 Minuten lang wasserdicht ist, sollten User sich das trotzdem noch einmal überlegen.

Die Gear S3 fühlt sich wie ihre Vorgänger wuchtig und schwer an.

Auch Musik kann ähnlich wie bei der neuen Apple Watch Series 2 direkt auf die Uhr geladen und mit Bluetooth-Kopfhörern von dort abgespielt werden. Die Übertragung ist zwar etwas in der Smartphone-App versteckt, funktioniert aber problemlos, solange es sich um Mp3-Dateien auf dem Smartphone handelt – eine Integration mit Spotify oder ähnlichen Musikdiensten gibt es bisher nicht.  Die Gear S3 hat übrigens eine außergewöhnlich lange Akkulaufzeit von fast vier Tagen – man kann also ziemlich viel Musik hören, bevor das Gerät den Geist aufgibt.

Das Ablesen der Uhrzeit bleibt ein Problem, ähnlich wie bei allen Smartwatches, die momentan auf dem Markt sind. Noch haben es die Hersteller nicht hinbekommen, dass sich das Display zuverlässig automatisch aktiviert, wenn man das Handgelenk entsprechend bewegt. Manchmal klappt es, manchmal eben nicht.

Die Gear S3 bietet auch bessere Funktionen für den Alltag: Die Vorgänger zeigten zwar schon Nachrichten aus dem Facebook Messenger, Twitter oder vom Kalender auf der Uhr an, Interaktion funktionierte aber kaum. Sobald es um mehr ging als eine vorgefertigte „Ja“ oder „Nein“-Antwort, musste der Nutzer normalerweise doch zum Smartphone greifen. Die Gear Fit 2 von Samsung schnitt Nachrichten nach einer gewissen Zeichenzahl sogar ab.

Die Entwickler der Gear S3 haben dieses Problem jetzt elegant mit dem persönlichen Assistenten S Voice gelöst. Neben den üblichen vorgefertigten Antworten bietet der smarte Assistent jetzt kontextabhängige Nachrichten an – was im Test überraschend gut funktionierte. Schreibt eine Kollegin etwa, sie verspäte sich, schlägt der Assistent ein „Bis dann“ als Antwort vor. Kein Meilenstein, aber weitaus netter im sozialen Umgang, als mit einem generischen „Ja“ oder dem Facebook-Daumen antworten zu müssen.

Individuelle Antworten können über den Assistenten außerdem direkt diktiert werden. Solange die Umgebungsgeräusche dabei nicht ungewöhnlich laut sind, klappt das auch. Im Test erkannte die Uhr meist richtig, was gesagt wurde. Auch ein U-Bahnhof als Kulisse war kein Problem.

Einziger Nachteil des Assistenten: Obwohl er die meisten gängigen Messenger und Apps unterstützt, kann man E-Mails nicht über die Uhr beantworten. Und auch für das Versenden eigener Nachrichten eignet sich der S-Voice-Assistent noch nicht, weil er Probleme hat, etwa Facebook per Befehl zu öffnen. Er bleibt auf reine Antworten beschränkt (wenn Facebook dann sowieso schon offen ist).

Nachrichten per Sprach-Assistent zu verschicken, ist ungewohnt aber praktisch.

Das reine Kommunizieren über die Smartwatch ist also noch immer nur eingeschränkt möglich, sie ist allerdings nicht länger nur ein Buzzer am Handgelenk. Kein Erinnerungs-Tool, mal wieder einen Blick aufs Smartphone zu werfen – die S3 hat sich zum eigenständigen Kommunikator weiterentwickelt. Sogar Anrufe sind über die Uhr möglich, auch wenn der Sound dabei nicht wirklich angenehm ist.

Kein Buzzer mehr, der einen zum Blick aufs Smartphone auffordert

Fazit: Die Gear S3 zeigt, dass Smartwatches sich langsam aber sicher doch zum nützlichen Helfer am Handgelenk entwickeln. Vor allem die immer smarter werdenden Assistenten tragen zu dieser Entwicklung bei – nicht ohne Grund hat Samsung gerade Viv Labs gekauft, ein Startup für Künstliche Intelligenz von ehemaligen Siri-Entwicklern. Nachrichten per Sprachbefehl zu verschicken, ist erst einmal ungewohnt, aber praktisch und vermutlich bald für viele Menschen selbstverständlich.

Samsungs neue Smartwatch ist vielleicht noch nicht perfekt. Aber die Gear S3 ist eine smarte Uhr, die wirklich einen Mehrwert für den Alltag bietet. Sie wird nach dem Kauf jedenfalls nicht im Schrank verstauben. Wer schon länger überlegt, sich eine Android-Smartwatch anzuschaffen, kann sicher sein, nicht enttäuscht zu werden.

Im Überblick:
+ Die Lünette zur Navigation ist praktisch und fühlt sich haptisch gut an.
+ Die meisten Funktionen funktionieren unabhängig vom Smartphone – die S3 ist super für Sportler, die ohne Telefon trainieren wollen.
+ Hohe Akkulaufzeit mit fast vier Tagen.
+/- Der Uhr eigene Nachrichten zu diktieren, funktioniert problemlos und fühlt sich gut an. Abgesehen davon ist der S-Voice-Assistent noch ziemlich nutzlos.
- Die Gear S3 ist nur 30 Minuten lang wasserdicht.

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