Der gläserne Spieler

23.03.2018 Lesezeit 5 Min

Sie sind die neuen Player im Fußballgeschäft: Hochmoderne Technologien und sogenannte Wearables beeinflussen inzwischen die besten Fußballvereine der Welt. So nutzt zum Beispiel Real Madrid die Technologie, um Fitness, Tempo und Krafteinsatz der Spieler genau zu analysieren. Doch wie funktioniert das? Um dieser Frage nachzugehen, besucht WIRED den Verein beim Training.

Der Markt für Gesundheit und Fitness boomt und mit ihm die neuen Technologien. Kein Wunder also, dass Wearables sich besonders hier etablieren und große Fußballvereine diese Technik für sich entdecken. Mithilfe von Datenanalysen können sie ihre Spieler gezielt überprüfen und sich letztlich ihren Gegnern gegenüber entscheidende Vorteile verschaffen.

In einer millionenschweren Industrie mit einem schmalen Grat zwischen Gewinnen und Verlieren geben selbst kleine Unterschiede den Ausschlag. So lassen sich beispielsweise anhand von Wearable-Daten fundierte Entscheidungen darüber treffen, wer bei einem Spiel eingesetzt wird – und wer auf der Ersatzbank landet. Auch das Verletzungsrisiko kann so besser eingeschätzt werden. Mit ihrem Interesse an Wearables ist die Fußballindustrie nicht allein – auch die Faszination von Unternehmen und Privatpersonen ebbt nicht ab. So rechnet das Marktforschungsinstitut Gartner damit, dass in diesem Jahr weltweit über 310,4 Millionen solcher Geräte verkauft werden, die einen Umsatz von 30,5 Milliarden US-Dollar generieren. Eine Studie des Marktforschungsunternehmens IDC prophezeit gar eine Verdopplung des Marktes bis 2021. Während bislang vor allem Smartwatches für Endverbraucher hoch im Kurs standen, gewinnen mittlerweile viele weitere Wearable-Produkte an Fahrt.

Real Madrid setzt in puncto Wearables vor allem auf GPS-Geräte: Integriert in die Trikots, messen sie nicht nur den Puls der Spieler: „Indem wir ein GPS-Signal verwenden, können wir Datenanalysen für die komplette Strecke, die von den Spielern zurückgelegt wird, erstellen. So lassen sich beim Training oder während eines Spiels sowohl Phasen der Beschleunigung als auch der Geschwindigkeitsabnahme genau ermitteln“, erklärt Carlos Alberto Cruz, Fitnesstrainer bei den Königlichen.

Von solchen Möglichkeiten konnte Guti, wie der Trainer von Real Madrid liebevoll genannt wird, zu seinen Zeiten als aktiver Spieler nur träumen. Damals sei es wesentlich schwieriger gewesen, die Leistung eines Spielers während einer Trainingseinheit oder eines Matches einzuschätzen. „Hier hat inzwischen eine große Veränderung stattgefunden. Schon gegen Ende meiner Spielerkarriere besaßen wir genaue Datenanalysen von allen Trainingseinheiten – und das ist natürlich außerordentlich wertvoll für die Spieler“, erklärt Guti.

Die Datenanalyse ist das eine, die Schlüsse, die die Fußballklubs daraus ziehen, das andere. Denn inzwischen lassen sich mit einer speziellen Software alle gesammelten Daten analysieren und wertvolle Erkenntnisse über die Spieler erlangen: „Wir vergleichen die Datenanalysen mit den Zielen, die wir für jedes Training setzen. So können wir genau nachvollziehen, wie gut die Spieler in Form waren und ob das Training Erfolg hatte“, so Cruz. „Im Anschluss wird geprüft, inwiefern wir die Erkenntnisse für zukünftige Spiele nutzen.“

Big Data kann natürlich nicht vorhersehen, ob und wann sich ein Spieler eine Verletzung zuzieht. Doch die exakte Messung der Trainingsbelastung hilft dabei, das Verletzungsrisiko der Fußballer zu reduzieren. Keine Frage also, dass nicht nur Trainer von den Daten profitieren: Die Spieler erhalten dadurch ein besseres Verständnis für ihre Schwachstellen und wissen sofort, in welchen Bereichen sie sich verbessern müssen. So können sie sich exakte Ziele für kommende Trainingseinheiten und Spiele setzen.

Martin Calderón, Mittelfeldspieler bei Real Madrid, hofft, dass in den kommenden Jahren noch weitere Software den Markt erobert. „Momentan haben wir hauptsächlich Lauf-Messwerte, doch in Zukunft werden wir in der Lage sein, noch viele weitere Daten zu ermitteln – zum Beispiel die Sprunghöhe.“ Kombiniert mit anderen Informationen über Gegner oder vorangegangene Spiele, können Wearable-Daten einem Trainer dabei helfen, spezielle Taktiken und Spieler in bestimmten Matches gezielt einzusetzen.

Doch damit nicht genug: Die Nutzung von Daten könnte im Fußball künftig noch größere Ausmaße annehmen. So verwenden zum Beispiel Tennistrainer bereits eine Technologie, mit der sie während eines Spiels auf Echtzeitdaten zugreifen, um ihre Taktik gezielt danach auszurichten – eine Möglichkeit, die den Fußball-Coaches bislang verwehrt bleibt. Zwar tragen Spieler der englischen Premiere League bereits Wearables während eines Matches, doch die Daten dürfen noch nicht in Echtzeit analysiert und verwendet werden. Glaubt man Real-Trainer Guti, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das ändert: „Echtzeitdaten wären großartig – sowohl für die Spieler als auch für die Trainer. Momentan ist das noch kompliziert, aber die Zeit schreitet unweigerlich voran“, sagt er. „Wenn die Daten der Spieler eines Tages jederzeit abrufbar sind, sodass der Coach während des Spiels genaue Anweisungen geben kann, wird das die Welt des Fußballs komplett auf den Kopf stellen.“