/3D-Druck

Noch nie war es so einfach, völlig anonym Schusswaffen herzustellen

Andy Greenberg 02.10.2017 Lesezeit 7 Min

Cody Wilson veröffentlichte 2013 die ersten Pläne für eine Pistole aus dem 3D-Drucker. Jetzt legt der extremliberale Pro-Waffenaktivist nach: Jeder soll sich mit seiner Maschine eine nicht zurückverfolgbare Pistole aus Metall fräsen können. Das könnte zum Problem werden.

Seit fünf Jahren arbeitet Cody Wilson daran, die private Produktion von Waffen zu vereinfachen. Er will alle Versuche der Regierung zur Waffenkontrolle untergraben. Wilson erfand die erste 3D-gedruckte Waffe. Eine tödliche Plastikpistole, die jeder zu Hause mit seinen Plänen und ein paar Klicks nachdrucken konnte. Danach verkaufte Wilson eine computergesteuerte Fräsmaschine, die er dafür entwickelt hatte, um das Gehäuse eines AR-15 Gewehrs aus einem Stück Aluminium zu schneiden. Durch dieses Upgrade auf Metall wurde seine Provokation noch heftiger.


Wilsons neuste Entwicklung in der privaten Fertigung führt jetzt dazu, dass die Waffenkontrolle zumindest in Amerika nahezu unmöglich geworden ist: Jeder kann damit eine kompakte, nicht zurückverfolgbare Handfeuerwaffe fräsen.

Zusammen mit der Pro-Waffenvereinigung Defense Distributed kündigte Wilson am Sonntag an, dass er eine neue Software für Ghost Gunner veröffentlicht. Mit diesem Update kann seine knapp dreißig Zentimeter breite Fräse nicht nur das Gehäuse von AR-15 Gewehren, sondern auch von M1911 Handfeuerpistolen herstellen. Zu dieser Waffenkategorie gehört beispielsweise auch der berüchtigte Colt 45. Wilson sagt, dass mit zukünftigen Updates auch Glocks und weite Handfeuerwaffen folgen sollen.

Das Ziel von Defense Distributed sei es, sagt Wilson, für kompakte Schusswaffen das zu erreichen, was bereits vor drei Jahren für die AR-15 gelang, als er seine knapp 1300 Euro teure Ghost-Gunner-Fräse veröffentlichte: Die Menschen sollen scharfe Waffen zu Hause herstellen können – ohne jegliche Regulierung. Die aktuelle Generation der Fräsen kann das Gehäuse einer Handfeuerwaffe in knapp einer Stunde fertigstellen, fast ohne menschliche Handarbeit.

Das Gehäuse einer Schusswaffe ist das einzige Bauteil, das nach amerikanischem Recht reguliert ist. Egal ob Lauf, Abzug oder Schlittenfang: Alle anderen Teile können online bestellt werden. Wer also das Gehäuse zu Hause herstellt, kann eine funktionsfähige Waffe ohne Identitätsfeststellung, ohne Hintergrundüberprüfung und ohne Wartezeit zusammenbauen. Solch eine Waffe hat außerdem keine Seriennummer mit der die Polizei sie zurückverfolgen könnte.


Die Gefahren von Geisterwaffen sind real und werden größer

Senator Kevin De Leon

Mit einem Stück Software hat Defense Distributed seinen anarchistischen Pfad zur eigenen Waffe auf eine Kategorie ausgeweitet, die leichter zu verstecken ist und häufiger für Gewaltverbrechen verwendet wird als die bisher fräsbaren Halbautomatik-Gewehre. „Die Cypherpunk-Haltung von der privaten Schusswaffe ergibt mehr Sinn in dieser kleineren Verpackung“, sagt Wilson und bezieht sich damit auf eine liberale Bewegung, die bereits seit den 1990ern dafür argumentiert die Überwachung durch die Regierung mit liberaleren Waffenrechten, Kryptografie und anderen Technologien zu bekämpfen. „Du kannst jetzt eine private 1911 oder Glock besitzen, die auf demselben technischen Level ist wie bei automatisierter Fertigung.“

Natürlich kann Wilsons Erfindung auch denjenigen in die Hände spielen, die sonst legal keine Waffe bekommen könnten: Minderjähren, Menschen mit geistiger Behinderung oder Kriminellen. Kalifornien hat bereits letzten Sommer solche Geisterwaffen verboten – also privatgefertigte ohne Registrierungsnummer. Auf nationaler Ebene gibt es dieses Gesetzt in den USA aber bisher nicht. Solange man also die zu Hause gefertigte Waffe nicht verkauft oder verschenkt, umgeht man jegliche Kontrolle.

„Die Gefahren von Geisterwaffen sind real und werden größer“, sagt Kevin De Leon. Er ist Senator in Kalifornien und war Initiator des Verbots. „Werden sie von Gangmitgliedern hergestellt? Werden sie an Menschen verkauft, die keine Feuerwaffen besitzen dürfen? Technologien, die es ermöglichen, dass jeder Waffen baut, stellen uns vor echte Herausforderungen.“


Es ist unklar, wie viele Geisterwaffen tatsächlich für Gewaltverbrechen benutzt wurden. Jedoch tötete 2013 zum Beispiel der psychisch kranke 23-Jährige John Zawahiri fünf Menschen mit solch einer Waffe in Santa Monica. Was sich jetzt ändert: Defense Distributed macht es leichter bei jenen Waffen die Kontrollen zu umgehen, die besonders häufig in Gewaltverbrechen die Tatwaffe sind. Denn obwohl halbautomatische Gewehre eher bei Amokläufen eingesetzt werden, sind sie für weniger als zehn Prozent der Schusswaffentode in Amerika verantwortlich.

Anfang des Jahres sagt Wilson während eines Telefongesprächs mit WIRED, dass ihn das Handfeuerwaffen-Update für den Ghost Gunner beunruhigen würde. Vor allem, weil die Angst vor mehr Gewalttaten zu neuen Gesetzten führen könnte, die solche Pistolen verbieten. „Es wird Bestellungen aus Chicago auf einem ganz neuen Level geben“, sagt Wilson und bezieht sich damit auf die hohe Waffen-Kriminalität der Stadt. „Sogar ich habe ein bisschen Angst.“


Sogar ich habe ein bisschen Angst

Cody Wilson

Wilsons neues Update ist nicht das erste Mal, dass Amerikaner hochwertige Handfeuerwaffen zu Hause herstellen können. Händler verkaufen bereits so genannte 80 Perfect Frames, unfertige Aluminium-Teile, denen nur ein paar Bohrlöcher und Vertiefungen fehlen – und die deshalb nicht als Gehäuse für eine Schusswaffe gelten. Die Ghost-Gunner-Fräse automatisiert die letzten Schritte und macht es selbst für Waffennarren ohne jegliches handwerkliches Fingerfertigkeit zum Kinderspiel, eine eigene Waffe zu bauen. (Wie leicht es ist ein AR-15-Gehäuse zu fräsen, demonstrierte WIRED US bereits vor knapp zwei Jahren.)

4000 Ghost Gunner hat Defense Distributed bereits verkauft. 1000 davon sind dabei vom neusten Modell, welches präzise genug ist, um sofort ein 1911er-Gehäuse zu fräsen. Man braucht nur eine spezielle Halterung, ein paar neue Bohrer und die Software, die Wilson allen seinen Kunden auf einem USB-Stick zuschickt. (Seit 2013 ist es in den USA verboten, Pläne für Waffen online zu vertreiben.)

Wilson sagt, dass es schwerer ist eine 1911-Geisterpistole zu bauen, als es bei einem AR-15-Gewehr ist. „Wenn das AR wie ein Legomodell ist, dann ist das 1911 ein Modellschiff“, sagt er. „Wenn du ein Krimineller bist, der eine 1911 zu Hause bauen möchte, dann hast du dir ein Problem gekauft, anstatt eine Lösung.“


Senator De Leon warnt davor, dass dies nur ein weiteres Zeichen für den Fortschritt der Waffenfertigung ist. Und dass es an der Zeit sei, dass die nationale Regierung ein ähnliches Gesetzt auf den Weg bringe wie er in Kalifornien. Dort müssen Do-it-yourself-Waffennarren zuerst eine Seriennummer beantragen und diese dann in den Rahmen ihrer Waffe ätzen. „Es wird immer äußerst schwer sein, den Fortschritt aufzuhalten“, sagt De Leon. „Aber es geht hier nicht um eine Technologiefrage. Das ist eine Grundsatzfrage und es obliegt den Politikern zu verstehen, was die Konsequenzen für die Menschen sind.“

Der aktuelle republikanische Präsident und der Kongress haben derzeit kein Interesse an neuen Waffengesetzen. Aber Wilsons Ziel war es nie, nur die derzeitigen Schlupflöcher im System zu finden. Als radikaler Liberaler versucht er zu demonstrieren, wie Technologie die gesamte Regierung überflüssig macht. Wilson sagte 2014 im Gespräch mit WIRED, als er den Ghost Gunner veröffentlichte: „Es geht darum, jene Mächtigen zu demütigen, die dich demütigen wollen.“


Es geht darum, jene Mächtigen zu demütigen, die dich demütigen wollen

Cody Wilson

Seitdem hat Wilson auch angefangen, auf andere Art zu provozieren: Anfang des Jahres veröffentlichte er Hatreon, eine Crowdfunding-Plattform für Rechtsextreme und anderen, die von Patreon gekickt wurden. Darunter auch Neo-Nazis wie Richard Spencer und Andrew Anglin, Gründer der rechtsradikalen Nachrichtenseite Daily Stormer. Wilson beharrt darauf, dass sein Projekt ein Trollversuch und eine Reaktion darauf war, dass Hasspredigen im Internet verboten werden sollten und er kein Mitglied der Alternativen Rechten sei. Es ginge nur um „extreme freie Meinungsäußerung“.

Wilson sagt, dass Waffenrecht und Do-it-yourself-Fertigung weiterhin die zentrale Ideologie seines Projekts bleiben soll. Und selbst wenn seine neuste Erfindung zu krimineller Gewalt beitragen sollte, will er nicht aufhören: „Natürlich ist es das Risiko wert. Ein Recht ist deshalb geschützt, weil es Missbraucht werden kann, nicht weil es keine Konsequenzen gibt“, sagt Wilson. „Es wird einen allgemeinen Zugang zu Waffen geben. Selbst wenn ich der Einzige bin, der daran arbeitet, wird es geschehen.“


Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
Das Original lest ihr hier.