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Das wichtigste Gadget der CES ist ein Fernseher

David Pierce 11.01.2018 Lesezeit 8 Min

Weil viele Gadgets heute einen Bildschirm haben, der auch TV-Inhalte abspielen kann, müssen sich Hersteller von Fernsehgeräten etwas einfallen lassen. Auf der CES 2018 in Las Vegas zeigen die Firmen, wie die Zukunft des Fernsehers aussehen könnte: rahmenlos, einrollbar und wandfüllend.

Die CES ist immer noch eine Fernsehmesse. Auch wenn die Elektronik-Branche inzwischen mit Augmented Reality, autonomen Autos und vernetzten Hausgeräten experimentiert, am Ende dreht sich in Las Vegas weiterhin alles um den großen Bildschirm.

Der 2018er Jahrgang der TV-Geräte folgt im Wesentlichen den bekannten Trends: Alles ist ein wenig opulenter und schärfer, und wo immer man auch hinschaut, finden sich neue, unergründliche Abkürzungen für Funktionen, die Menschen dazu bringen sollen, sich endlich einen neuen Fernseher zu kaufen.

Aber egal, ob man der Mattscheibe im Wohnzimmer nun tatsächlich ein Upgrade verpassen will oder nicht: Die neuen TV-Geräte, die dieses Jahr auf der CES präsentiert werden, vermitteln einen guten Eindruck davon, wohin sich die Technologie-Branche insgesamt entwickelt.

Denn Fernseher sind längst nicht mehr nur zum Fernsehen da: Sie dienen als zentrale Schnittstelle für das Smart Home und virtuelle Assistenten. Sie sind Spielekonsolen und leistungsfähige Rechner. Und während der Fernseher dazu übergeht, die Funktionen anderer Geräte zu übernehmen, machen die genau das Gleiche.

Da jedes Gerät im Haushalt nun genug Leistung für die Arbeit, für Gaming oder Entertainment besitzt, verschwimmen die Unterscheidungsmerkmale zwischen den Kategorien bis zur Bedeutungslosigkeit: Im Grunde sind alle Gadgets zu Bildschirmen geworden – Fernseher in allen Größen und Formen.

Es gibt wohl kein besseres Beispiel dafür als den neuen Prototypen eines flexiblen, wandfüllenden Displays, den LG auf der CES vorgestellt hat. Der Bildschirm misst 65 Zoll (gut 1,65 Meter) in der Diagonale und steht im Raum, zumindest bis der Fernsehabend zu Ende ist – dann lässt er sich auf Knopfdruck einrollen wie eine Diawand und zieht sich in sein Gehäuse zurück.

Je nach Bedarf kann das Display komplett in dem weißen Kasten verschwinden, sei es zur Aufbewahrung oder zum leichten Transport – oder man lässt ein wenig überstehen, damit ein Teil des Bildschirms weiterhin zu sehen ist. So wird daraus ein schmaler Balken mit Widgets, die den Wetterbericht, Sportergebnisse und andere Informationen zeigen.

Der Fernseher, der wie ein Tablet funktioniert

Streng genommen hat dieser Neuling von LG mit herkömmlichen TV-Geräten so gut wie nichts mehr gemein – außer bei der Bildschirmgröße. Von den Funktionen her ähnelt der aufrollbare Fernseher eher einem enormen Tablet. Was also ist das für ein Ding?

Auf der gesamten CES zeigen Firmen Fernseher, deren Leistungsfähigkeit weit über viele, viele Pixel hinausgeht. Samsung sieht in seinen TV-Geräten mittlerweile ein Smart-Home-Objekt unter vielen. Entsprechend kann man den Fernseher über die SmartThings-App steuern, genau wie Thermostate oder die Zimmerbeleuchtung.

Andere Hersteller setzen beim Smart-TV auf Android, was bedeutet, dass sich die Geräte über den Google Assistant mit Sprachkommandos steuern lassen – wenn man sie nicht gerade zum Minecraft-Spielen benutzt. Sony und mehrere Konkurrenten bieten derweil neuartige Projektoren an, die den Fernseher ersetzen, indem sie das Bild in verschiedenen Größen auf jede beliebige Fläche werfen können, komplett mit Touch-Bedienelementen.

Die Hersteller lassen sich sogar Wege einfallen, mehr aus dem Fernseher herauszuholen, wenn er ausgeschaltet in der Ecke steht. Samsung, LG und andere haben die Geräte als moderne Bilderrahmen entdeckt, die im Nu von Always Sunny In Philadelphia auf van Goghs Sternennacht umschalten, wenn gewünscht. Und wer die neue Soundbar von TCL kauft, kann demnächst den Entertainment-Assistenten von Roku benutzen, um Musik oder Nachrichten zu hören. Ohne dass dafür der Fernseher eingeschaltet werden muss.

Die Hersteller haben erkannt, dass der Fernseher immer noch eine zentrale Rolle im Haushalt spielt, obwohl Menschen heute Inhalte anders konsumieren als früher. Der Bildschirm ist groß, fast immer eingeschaltet, und jeder weiß ihn zu bedienen – viel mehr kann man von einem Regisseur fürs Smart Home eigentlich nicht verlangen.

Dunstabzugshaube mit Touchscreen

Während Fernseherhersteller versuchen, die Fähigkeiten ihrer Geräte auszubauen, fangen auch andere Gadget-Produzenten an, mit großen Bildschirmen zu experimentieren. Bei General Electric kann man auf dem CES-Stand eine Dunstabzugshaube bewundern, wie sie sich in vielen Hipster-Haushalten finden lässt – nur, dass diese einen 27-Zoll-Touchscreen und zwei Kameras besitzt. Passend dazu präsentieren LG und Samsung smarte Kühlschränke, deren Vorderseite von riesigen Displays dominiert wird, damit Käufer auch in der Küche jederzeit ihren Kalender im Blick haben und Einkaufslisten zusammenstellen können.

Nvidias Gaming Panel mag, streng genommen, ein Monitor mit besonders hoher Bildwiederholrate sein, um ruckelfreies Spielen zu garantieren – aber auf dem Schreibtisch sieht er einem Fernseher ziemlich ähnlich. Lenovo, JBL und andere Hersteller haben sich Smart Displays einfallen lassen, die per Google Assistant Informationen und Videos anzeigen können. Und Razer demonstrierte ein Konzept namens Project Linda, bei dem ein Smartphone in ein weitgehend leeres Laptop-Gehäuse gesteckt wird, um daraus einen Computer mit Trackpad zu machen.

Alle diese Bildschirme nutzen Technologien, die ursprünglich fürs Wohnzimmer entwickelt wurden. Dells neues Serie an XPS-15-Laptops beherrscht die Wiedergabe von HDR-Videos mit besonders großem Farbraum. OLED-Displays, die leuchtende Farben und tiefe Schwarztöne bieten, tauchen nun in Geräten aller Größen auf.

Die Grenzen verschwimmen

Nichts davon lässt sich leicht in eine bekannte Kategorie stecken. Jetzt, da Smartphone-Chips von Firmen wie Qualcomm und Intel leistungsfähig genug sind, um so ziemlich jedes Gerät mit Rechenkraft zu versorgen, gibt es für viele Hersteller kaum noch einen Grund, auf sie zu verzichten. Also verschwinden die früher klar gezogenen Grenzen zwischen Gerätetypen.

Wenn Qualcomm und Microsoft sich zusammentun, um PCs zu bauen, die sich nie schlafen legen, Snapdragon-Prozessoren besitzen und mit Mobilfunkchips ausgestattet sind – handelt es sich dann um große Handys oder abgespeckte Laptops? Die Antwort lautet: In Wahrheit kommt es darauf gar nicht mehr an.

Der Trend wird sich nur noch beschleunigen, sobald superschnelle 5G-Verbindungen es allen vernetzten Geräten erlauben, rechenintensive Aufgaben in die Cloud auszulagern. Von diesem Moment an kann alles, was einen 5G-Chip und einen Bildschirm besitzt, zur Gaming-Konsole oder zum digitalen Video-Schnittplatz werden. Weil alles das Topleistung verlangt, anderswo berechnet wird.

In Ansätzen lässt sich das bereits beobachten: Die neue Omen-Game-Stream-Technologie von HP gibt Spielefans die Möglichkeit, Games in hochauflösender Videoqualität auf praktisch jeden Rechner zu streamen, der eine schnelle Internetverbindung besitzt – denn die Software selbst läuft auf einer Omen-Maschine. Wenn eines Tages ein Amazon-Server dazu dienen kann, Spiele zu streamen, weil die Verbindung so schnell ist, dass keine spürbare Verzögerung mehr auftritt, dann könnte man Overwatch genauso gut auf dem Handy spielen.

Natürlich würde wohl niemand stundenlang komplexe Shooter-Games auf dem Smartphone spielen wollen – und genau das ist der Punkt: Das wird auch niemand müssen. Denn diverse Tech-Firmen gehen davon aus, dass wir in wenigen Jahren oder Jahrzehnten Zugang zu einer Vielzahl an Bildschirmen haben werden. Einer hängt am Handgelenk für News. Ein etwas größerer steckt in der Tasche für Nachrichten, Instagram und das mobile Digitalleben allgemein. Der Rechner auf dem Schreibtisch hat wahrscheinlich eine Tastatur. Und im Wohnzimmer dann der größte, zum Abhängen am Feierabend.

Bildschirme immerzu und überall. Das mag nicht viel anders klingen als das, was wir heute bereits kennen. Es gibt jedoch einen großen Unterschied: Diese Screens werden in der Lage sein, dasselbe zu tun. Alles, was Nutzer dann machen müssen, ist, den Bildschirm zu wählen, der sich für die jeweilige Aufgabe am besten eignet.

Noch verrückter wird das Ganze, wenn einige dieser Displays nicht mehr physisch existieren, sondern nur noch als Teil einer Virtual-Reality- oder Augmented-Reality-Anwendung. Am Panasonic-Stand können Besucher eine VR-Demo ausprobieren, die zeigt, wie es im Flugzeug künftig zugehen könnte. Echte Bildschirme sind weitgehend verschwunden, stattdessen schweben sie vor den Augen der Passagiere in ihren Headsets. Die Bedienung in der VR-Umgebung sieht aus wie bei einem Tablet und funktioniert wie ein Tablet. Ein virtueller Screen wird also genauso gut werden wie einer, den man in Händen halten kann.

So zersplittert die CES einerseits, weil ständig neue Gerätegruppen entstehen, die plötzlich in die Kategorie Technik fallen – andererseits fügt sich im großen Ganzen alles zu einem stimmigen Bild zusammen. Alles passt zueinander, alle Geräte arbeiten gemeinsam. Statt lauter Gadgets zu kaufen, die eine bestimmte Aufgabe erledigen, können wir in Zukunft einfach das nutzen, was gerade zur Hand ist.

Natürlich: Noch kommt keine der CES-Neuheiten dieser Vision wirklich nahe – und fraglos liegen zwischen heute und dem Ideal von morgen viele Probleme, viele Wirren, viel Ach und Weh beim Zusammenspiel der Geräte. Aber wenn alles gutgeht, wird am Ende der Fernseher zum Gadget – und alle Gadgets werden zum Fernseher.