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BlackBerry Keyone im Test: Nur die Tastatur stört

David Pierce 16.05.2017

Braucht man im Jahr 2017 wirklich noch ein Smartphone mit Hardware-Tastatur? WIRED hat das neue BlackBerry Keyone für euch getestet.

Es gab eine Zeit, da gab es nichts Beeindruckenderes, als einen BlackBerry zu besitzen. Man lief die Straße entlang und die Daumen flogen nur so über die Tasten, während man unaufhörlich E-Mails beantwortete und SMS verschickte. Selbst wenn man zerrissene Jeans trug und Farbspritzer auf dem T-Shirt hatte, machte der BlackBerry einen noch zum VIP. Vielleicht war man nicht der hippste Typ im Viertel, aber immer noch der, der am ehesten eine Jacht besaß oder zumindest wusste, wie man den Namen der Schweizer Ferienregion Gstaad richtig ausspricht.

Doch was sagt ein BlackBerry heute, im Jahr 2017, noch über seinen Besitzer aus, mehr als zehn Jahre nach dieser ruhmreichen Ära? Vielleicht einfach, dass man sich schon länger kein neues Telefon mehr gekauft hat. Und noch immer eine E-Mail-Adresse von Yahoo verwendet, mit der man Mails weiterleitet, die mit den Worten enden: „Sende diese Nachricht an sieben Freunde, sonst stirbt dein Schwarm.“ 

Das wäre alles nicht weiter schlimm, wenn es um eines der älteren BlackBerry-Modelle ginge. Wer sich jedoch allen Ernstes das neue BlackBerry Keyone kauft, das heute auf den Markt kommt, muss sich mit einer traurigen Wahrheit anfreunden: Ihr habt euch für das falsche Telefon entschieden.

Zunächst einmal lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wer überhaupt der Hersteller des neuen Modells ist. Denn BlackBerry ist längst nicht mehr die einzige Firma, die Telefone unter diesem Namen produziert. Das Keyone wird vom chinesischen Unternehmen TCL gebaut, das eher für Fernseher und Waschmaschinen bekannt ist. TCL hat sich nicht nur eine Lizenz für den Namen BlackBerry gesichert, sondern verwendet auch die Original-Software. Die wiederum wurde jedoch längst auf Googles Android umgestellt. Hinzu kommen bloß ein paar altbekannte BlackBerry-Apps und zusätzliche Sicherheits-Features.

Physische Keyboards sind im Jahr 2017 einfach keine gute Idee mehr

Was das Keyone wirklich zu einem BlackBerry macht, ist sein Hardware-Keyboard. Vier Tastenreihen unter dem Bildschirm bringen das vertraute Klicken zurück, das ihr seit 2006 so schmerzlich vermisst habt. Dank 35 leicht gewölbter Tasten dürft ihr euch endlich wieder produktiv fühlen. Denn was nicht von der Hand zu weisen ist: Es ist eine wirklich gute Tastatur. Das einzige Problem: Physische Keyboards sind im Jahr 2017 einfach keine gute Idee mehr.

Was auch immer einem das von Nostalgie verblendete Hirn vorgaukeln will – mit einem Hardware-Keyboard arbeitet es sich nicht effizienter. Touchscreen-Tastaturen sind um einiges schneller, flexibler, und benutzerfreundlicher. Längst ist es möglich, ihre Größe und Form perfekt individuell einzustellen. Und das wichtigste: Die Tastatur verschwindet, wenn sie nicht gebraucht wird. Höhere Produktivität mit einem BlackBerry? Alles Lüge.

Die Smartphone-Tastatur war in der Vergangenheit außerdem wichtiger als heute. Eine Studie aus dem Jahr 2009 fand etwa heraus, dass das Tippen damals noch in vier von sieben der häufigsten sozialen Aktivitäten von Teenagern eine Rolle spielt: Instant Messaging, SMS, E-Mail und Chats in sozialen Netzwerken. (Die anderen drei, bei denen sie ohne Tastatur auskamen: Handy- und Festnetztelefonie sowie persönliche Treffen)

2015 wurden Smartphones schon für deutlich mehr als nur Tippen oder Telefonieren verwendet: Junge Menschen nutzten sie, um ihre Finanzen zu regeln, sich auf einen neuen Job zu bewerben, Sprachen zu lernen, durch die Stadt zu navigieren oder um die News bei Twitter zu checken. Und das sind nur einige Beispiele. Tatsächlich bewegt sich die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren im weiter weg vom Text, hin zu Links, Fotos, GIFs, Memes und Snaps.

Die Tastatur des BlackBerry Keyone ist eine schwere Bürde, denn sie bestimmt auch, wie der Rest des Telefons gestaltet ist (ohne guten Grund). Der 4,5-Zoll-Bildschirm ist quadratisch und klein. Dabei ist das Gerät relativ breit, um genug Platz für das Keyboard zu haben. Das Keyone ist fast genauso lang wie das Samsung Galaxy S8, hat allerdings einen sehr viel kleineren Bildschirm. Das S8 kann all den zusätzlichen Platz für eine Touchscreen Tastatur nutzen, aber eben auch für Filme, Spiele, Tweets, Bücher oder Fotos. Auf dem Keyone werden Videos hingegen mit dicken schwarzen Balken abgespielt und man kann maximal zwei Tweets gleichzeitig sehen.

Selbst wer sich eine physische Tastatur wünscht, dürfte mit der des Keyone nicht ganz zufrieden sein, ihre Umsetzung fühlt sich unfertig an. Bei unserem Testgerät aktivierte sich beim Tippen ständig das digitale Onscreen-Keyboard, sodass wir zwei Tastaturen auf einmal bekamen. Was hingegen recht praktisch ist: Die Leertaste ist gleichzeitig ein Fingerabdrucksensor und kann außerdem die Kamera auslösen. Was noch besser wäre: wenn sie einfach wie jeder andere Android-Home-Button funktionieren würde. Jede Taste des Keyone kann mit einem Shortcut belegt werden, um etwa eine bestimmte App zu öffnen. Durchs Wischen über das Keyboard scrollt man.

BlackBerry hat einen Fehler gemacht, indem es „das Keyboard-Telefon“ zu seinem Markenzeichen werden ließ. Es hätte „das Arbeits-Telefon“ sein müssen. BlackBerry hat für das Keyone robuste E-Mail-, Kalender und To-Do-Listen-Apps gebaut und sie in einem „Productivity Hub“ gebündelt. Um diesen zu erreichen, muss man einfach nur vom Rand des Displays nach innen wischen. Ähnlich wurde auch eine große Zahl von Messaging-Apps in einer einzigen Inbox zusammengeführt. Funktionen wie diese sorgen für einen cleanen Look, machen es aber gleichzeitig möglich, viele Informationen auf einmal anzuzeigen.

Die Hardware-Tastatur war dem Touchscreen nie überlegen

Außerdem legt BlackBerry einen Fokus auf Sicherheit, die hauseigene DTEK-Software kann einiges. Das Keyone kommt mit einem eingebauten Passwort-Manager. Die meisten Sicherheitsfeatures laufen im Hintergrund und informieren den User nur dann, wenn etwas schief geht.

Tatsächlich ist alles, was nicht mit der Tastatur zu tun hat, wirklich gut am Keyone – manchmal sogar außerordentlich gut. Die sanfte Oberfläche der Rückseite hat einen guten Grip und die kraftvolle Metall- und Gummi-Ästhetik bietet eine willkommene Abwechslung zu anderen Smartphones. Der Bildschirm (1620x1080) ist hell und hochauflösend, seine Qualität ist jedoch weit von anderen Highend-Modellen entfernt. Die 12-Megapixel-Kamera macht vernünftige Bilder, aber sie ist nicht so gut wie die des iPhone 7 oder Galaxy S8. Der Snapdragon-625-Prozessor ist schnell, aber kann nicht mit neueren Chips anderer Telefone mithalten. Die Akkulaufzeit ist eines der besten Features des Keyone. Erst nach knapp eineinhalb Tagen kommt das Gerät an seine Grenzen, auch wenn es im Dauergebrauch war.

Das Keyone kein schlechtes Smartphone. Wenn man ein Gerät mit Hardware-Tastatur sucht, ist es sogar das beste Model seit Jahren. Die Messlatte hängt hier allerdings sehr niedrig. Das neue BlackBerry scheitert an einer simplen Wahrheit: Niemand braucht heute mehr ein Telefon mit einer physischen Tastatur.

Smartphones sind längst zu Virtual- und Augmented-Reality-Werkzeugen geworden. Man nutzt sie, um Fotos zu machen und zu teilen. Dazu kommen Video-Telefonie, Games und noch vieles mehr. Selbst innerhalb von Textfenstern verwenden wir längst mehr als nur Buchstaben: Emojis, Sticker, GIFs und Tausende andere Dinge, die nicht auf einer QWERTZ-Tastatur untergebracht werden können. Ein Hardware-Keyboard war dem Touchscreen nie überlegen. Es hilft nicht, schneller zu tippen, es macht nicht produktiver – und mittlerweile lässt es einen auch nicht mehr cool oder professionell aussehen.

BlackBerry-Nostalgie ist deswegen genauso fehlgeleitet wie das Gefühl, dass man MS-DOS vermisst, oder die Überlegung, sich unbedingt einen klassischen Sony-Walkman kaufen zu müssen. Wir hatten eine gute Zeit in den 90ern, gar keine Frage! Aber die Zeiten ändern sich. Und es ist an der Zeit, dass wir die physische Tastatur endgültig hinter uns lassen.

WIRED: BlackBerry-Software ermöglicht super-effizientes Arbeiten. Großartige Sicherheits-Features. Tolle Ästhetik.
TIRED: Hardware-Tastaturen sind eine überholte Idee, die niemand mehr braucht. Das Keyboard-zentrierte Design ruiniert alles und überschattet die guten Seiten des Geräts.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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