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Die Rache der Küchenmaschinen

Bernd Skischally 23.03.2015 Lesezeit 7 Min

Rühren und zerkleinern: Das war einmal das Repertoire von Küchenmaschinen. Heute sind die Geräte digitale Alleskönner. Aber braucht man die wirklich?

Wie eine wohl sortierte Heimwerkstatt, in der Akkubohrer, Multischleifer und Fräsen an den Wänden hängen, ist auch die Küche zu einem Tummelplatz für technische Ausgefeiltheiten geworden. Die Königin des Schnipselreichs trägt ihren Hoheitsanspruch bereits im Namen: die Küchenmaschine. Dank technologischer Innovationen hat sie sich zu einem Boom-Gadget hochgehäckselt.

Ob und für wen sich die Investition in die neue Generation des Maschinenparks lohnt, hat Sophia Hoffmann getestet. Die 34-Jährige betreibt den Vegan-Food-Blog oh-sophia.net und veranstaltet regelmäßig Dinnerabende mit veganen Köstlichkeiten in ­Berlin, Wien und München. Außerdem ­arbeitet sie gerade an einem Kochshow-Format für YouTube.

 

WIRED: Es ist noch nicht lange her, da galt eine Küchen­maschine als so hip wie eine Trockenhaube. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?
Sophia Hoffmann: Ich glaube, dass unsere Generation sich mehr drauf besinnt, Essen selbst zuzubereiten und Tricks und Rezepte von der Oma wieder auszupacken. Ich und viele andere wollen nicht mehr alles fertig verarbeitet im Supermarkt kaufen. Liest man sich die Inhaltsangaben vieler Produkte durch, wird einem einfach schwindlig. Das führt auch zu einem Boom bei Küchenmaschinen.

WIRED: Welche stehen in Ihrer Küche?
Hoffmann: Ich habe einen Standmixer, mit dem man Gemüse und Obst zerkleinern und Muse zubereiten kann. Den benutze ich jeden Tag. Und eine Maschine zum Rühren und Kneten, die mindestens einmal in der Woche zum Einsatz kommt. Für mich ist es essenziell, gute, funktionale Küchenmaschinen zu haben.

Mit dem Kochen ist es wie beim Sport: Wenn du das richtige Equipment hast, macht es mehr Spaß, du bist motivierter — und das Ergebnis ist besser.

Sophia Hoffmann

WIRED: Küchenmaschinen können heute mehr als nur Rühren und Mixen. Mit digitaler Menüsteuerung geben die Geräte Anleitungen für exakt getimte, mehrgängige Rezepte — zum Teil mit App-Unterstützung. Nutzen Sie so etwas?
Hoffmann: Nein. Ich finde, der Mensch sollte einer Maschine nie komplett vertrauen und erwarten, dass sie allein das Abendessen kocht. Ein Gefühl für Lebensmittel und für das Kochen an sich zu entwickeln, ist etwas ganz Elementares. Das betrifft alle Bereiche, egal, ob es ums Würzen geht oder ums Anbraten. Wenn ich Kochkurse gebe, merke ich oft, dass sich die Leute ins Hemd machen und bei jedem Handgriff nachfragen: „Wie viel Salz soll ich da jetzt reingeben?“ Die trauen sich gar nicht mehr, zu experimentieren. Dabei ist Kochen Gefühlssache.

 

WIRED: Wie setzen Sie das selbst um?
Hoffmann: Ich habe immer gern gekocht, auch als ich noch Fleisch gegessen habe, und später, als ich Vegetarierin wurde. Seit gut zwei Jahren lebe ich vegan. Als ich beschlossen habe, mich rein pflanzlich zu ernähren, sah ich das in erster Linie als Herausforderung und nicht als Bürde an. Es war für mich ein ganz neues Feld, das es zu entdecken galt. Es ist auch heute noch ein tägliches Abenteuer, spannende, bunte und vor allem natürlich leckere Gerichte hinzubekommen.

WIRED: Haben Sie Tipps aus der Praxis ?
Hoffmann: Es gibt mehrere Ansätze. Heute haben wir lila Pesto auf Rotkohlbasis zubereitet. Rotkohl ist ein Produkt, das man zu jeder Jahreszeit im Supermarktregal hinten in der Ecke findet. Da war die Idee: Ich nehme etwas, das jeder kennt, aber immer nur im gleichen Kontext verwendet, und versuche, damit mal was ganz anderes zu machen. Manchmal gehe ich aber auch einfach auf den Markt und schaue mir so lange Obst und Gemüse an, bis ich irgendetwas finde, das ich noch nie eingesetzt habe. Natürlich klappt es nicht immer auf Anhieb. Trial and Error. Kochen heißt: dazulernen.

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WIRED: Mit den Testmaschinen haben Sie Pesto und Teig für rotes Brot zubereitet. Schmeckt’s, wie es schmecken soll?
Hoffmann: Schmecken tut zum Glück alles, trotzdem muss man differenzieren. Im Einsatz waren ja zwei von diesen kompakten Alleskönnern und zwei klassische Küchenmaschinen, die vor allem auf Knet- und Rührfunktionen ausgelegt sind. Für Brot sind die Klassiker besser geeignet. Im Umkehrschluss muss man sagen: Zum Mixen und Zerkleinern, etwa für das Pesto, sind die modernen Maschinen optimal. Darin entstehen bessere Konsistenzen, und man kann mit ihnen auch erhitzen.

WIRED: Die Thermomix-Modelle werden selbst von den Konkurrenten als Innovationsvorreiter bezeichnet. Ist die Anerkennung berechtigt?
Hoffmann: Mein Eindruck ist sehr ambivalent und deckt sich mit den Erfahrungen, die mir andere berichtet haben. Es gibt Leute, die maßlos begeistert sind und das Gerät voll in ihr Alltagskochen einbinden. Andere fühlen sich von den Möglichkeiten überfordert. Nach unserem Test muss ich sagen: Ich merke, dass ich absolut kein Mensch für vorgefertigte Programme oder Rezepte bin. Ich brauche nur intuitiv abrufbare Grundfunktionen.

WIRED: Wer begeistert sich mehr für diese Gadgets, Frauen oder Männer?
Hoffmann: Mag sein, dass blinkende Displays besonders bei Männern gut ankommen. Bei meinen Dinnerabenden habe ich immer Schnippel-Boys an meiner Seite. Da gibt es diejenigen, die durften bei Mutti nie mithelfen und können mit Mitte 20 nicht mal eine Zwiebel schälen. Und dann gibt es die Totalambitionierten, die den halben Kühlschrank einvakuumieren und jedes Essen zwölf Stunden lang schongaren.

WIRED: Und wie viel Bedeutung hat Technik in der Küche der Zukunft?
Hoffmann: Ich hoffe, keine zu große. Mein Rat: Basics beherrschen und dann die richtigen Küchen-Gadgets einsetzen, die uns Stress abnehmen. Es ist wie beim Sport: Wenn du das richtige Equipment hast, macht es einfach mehr Spaß, du bist motivierter, und das Ergebnis ist besser. 

 

Zwei Rezepte aus Sophia Hoffmanns neuem Buch „Sophias vegane Welt“ exklusiv für Member:

Rotes Brot

Rotes Brot
Zubereitungszeit: 120 Min.

Zutaten (für 1 Laib)
500 g Weizenmehl Typ 1050
100 g Körner/Nüsse (Walnüsse, Haselnüsse, Sesam, Leinsamen, Mohn, Kürbiskerne etc.)
50 g getrocknete Tomaten (nicht in Öl eingelegt)
300 ml Rote-Bete-Saft
1 Würfel frische Hefe oder 1 Päckchen Trockenhefe
3 TL Salz
2 EL Obstessig (z.B. Apfelessig)

Zubereitung: Mehl, Hefe, Salz und Essig in eine große Rührschüssel geben. Den Rote-Bete-Saft dazu geben und mit den Knethaken der Küchenmaschine verkneten. Anschließend mit den Händen einige Minuten kräftig durchkneten. Mit einem frischen, feuchten Küchenhandtuch abdecken und an einem warmen, trockenen Ort eine Stunde gehen lassen. Die getrockneten Tomaten in Streifen schneiden.
Den Backofen auf 200 Grad vorheizen.
Die Tomaten und Nüsse/Körner zum Teig geben und gut einarbeiten.
Einen großen Laib formen und in einer mit Backpapier ausgelegten Kastenform etwa 40 Minuten backen, bis sich eine braun-rosa Kruste bildet und beim Stecknadel-Test nichts mehr hängen bleibt.
Das Brot etwas auskühlen lassen, aus der Form stürzen und am Besten frisch genießen!

 

Purple Pasta

Purple Pesto
Zubereitungszeit: 10 Min/ glutenfrei

Zutaten ( für ca. 500 g)
ein kleiner oder ½  Kopf Rotkraut
5 EL gutes Olivenöl
1 Knoblauchzehe
eine Handvoll Sonnenblumenkerne
eine unbehandelte Zitrone
Salz , Pfeffer
1 EL Sirup ( Agaven-, Zuckerrüben- oder Reissirup)

Zubereitung: Den Rotkohl halbieren, grob zerteilen und mit einem großen Küchenmesser klein hacken.
Die Sonnenblumenkerne in einer Pfanne ohne Fett anrösten bis sie angenehm zu duften anfangen.
Das Rotkraut, die Sonnenblumenkerne, das Olivenöl, die geschälte Knoblauchzehe, den Sirup und den Saft einer halben Zitrone in die Küchenmaschine geben.
Alles sorgfältig pürieren und anschließend mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Nach Belieben noch etwas Zitronensaft dazu geben.