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10 Gedanken zu Sinn und Unsinn von Amazons Einkaufknopf Dash

Leonie Czycykowski, Bernd Skischally, Chris Köver 31.08.2016

Nach dem Start in den USA bietet Amazon Prime-Kunden seit heute seine Dash-Buttons auch in Deutschland zum Verkauf an. Die Idee: Ein einziger Knopfdruck genügt, um eine Bestellung zu platzieren – und die Knöpfe lassen sich überall anbringen. Ein Knopf für Milch am Kühlschrank, einer für Waschmittel an der Waschmaschine. Wir werden Dash in den nächsten Tagen testen, fragen uns aber bereits jetzt: Kann sich dieses Prinzip wirklich durchsetzen? Und wäre das überhaupt wünschenswert? Dazu zehn Gedanken aus unserer Redaktion. 

1. Steve Jobs und die Knöpfe
Einer würde sich angesichts der geplanten Knöpfe-Flut im Grabe umdrehen: Steve Jobs. Niemand in der Tech-Welt hat so sehr dafür gekämpft, unseren Alltags-Devices das Analoge auszutreiben, wie der einstige Apple-Guru. Für ihn war jeder Knopfdruck ein unnötiger viel zu komplizierter Handgriff. Manche sagen, Jobs verachtete Knöpfe so sehr, dass er sie nicht nur aus iPhone und Magic-Maus eliminieren ließ, auch sein Outfit musste stets knopffrei bleiben. Statt Hemd und Sakko trug er deshalb: Rollkragenpulli und Jeans (mit Reißverschluss).

2. Man kann doch einfach in die App gehen, wozu braucht man einen Knopf?
Moment einmal, wozu braucht man einen analogen Knopf zum Beispiel an der Waschmaschine? Man kann doch einfach in drei Sekunden eine Amazon-App auf dem Smartphone öffnen und dort dreimal auf Waschmittel klicken? Auch wenn „die App für jedes XY“ zuletzt zur Unsitte fauler Interfacedesigner wurde: Irgendwie scheint der Mehrwert des Dash-Buttons nicht einleuchtend. Allerdings sprechen wir hier als verhältnismäßig technikaffine Internetnutzer. In einer immer älter werdenden Gesellschaft könnte es potentiell eine riesige Nutzerbasis für ein Interface geben, auf dem man mit keinerlei Bildschirm interagieren muss.

3. Könnte Dash also für ältere Menschen eine Hilfe sein?
Unsereins, die ständig am Smartphone herumdrücken, kaufen selbstverständlich im Netz ein, hinterlegen unsere Kreditkarten und Kontoinformationen und brauchen maximal eine Minute dafür, eine Bestellung bei Amazon aufzugeben. Bei den Eltern oder Großeltern sieht das manchmal anders aus. Eine postalische Lieferung hat zudem den Vorteil, dass keine Einkäufe geschleppt werden müssen. Das ist besonders im fortgeschrittenen Alter oder bei gesundheitlichen Einschränkungen äußerst hilfreich. Aber so manch einem Senior ist das Internet eben nach wie vor nicht ganz geheuer und besonders, wenn es um Geldeinsatz geht, bestehen Ängste, etwas falsch zu machen. Die Lösung: Das (Enkel-)Kind bestellt einfach über den eigenen Account und lässt liefern. Statt nun aber jedes Mal kommunizieren zu müssen, dass man doch bitte Kaffeekapseln, Druckerpatronen oder Katzenstreu nachbestellen möge, könnte in Zukunft ein Knopfdruck genügen. Das Kind bestätigt den Kauf kurz per Smartphone und schon ist die Sache erledigt. Das wäre wirklich hilfreich.

4. Muss man nur einmal einen Button kaufen und kann damit dann alle Bestellungen abwickeln?
Nein, leider sorgt Amazon dafür, dass Dash immer nur auf eine spezifische Marke programmiert ist. Ergo müsste man sich eine ganze Menge an Knöpfen in die Wohnung hängen, wenn man das Prinzip wirklich flächendeckend einsetzen möchte. Und wenn man dann doch fünf verschiedene Knöpfe drücken muss und auf einige wenige Produkte beschränkt ist, naja, siehe Punkt 2.

Zur Auswahl steht nur ein Produkt. Einfach aber begrenzt.

5. Macht Dash einen eigentlich dümmer?
Amazon hat sich diesen Button ja nicht ausgedacht, weil es einem unbedingt ein schöneres, einfacheres Leben ermöglichen will. Es geht um klare ökonomische Vorteile für das Unternehmen: Wer automatisiert bestellt, macht zum Beispiel keinen Preisvergleich mehr. Bestellt wird ja automatisch ein konkretes Produkt, ganz egal ob sich der Preis inzwischen verändert hat oder nicht.

6. Woher weiß man, ob eine Bestellung überhaupt ausgelöst wurde?
Der Dash-Button hat eine kleine Leuchte, die den jeweiligen Status durch Farbe und Blinken angibt. Es sollte also direktes Feedback zu sehen sein. Ansonsten kann man eine Bestätigungsmeldung per Smartphone standardmäßig einstellen. Was aber den Griff zur App wieder nötig macht. Also irgendwie nur wenig hilfreich, wenn es wirklich um Vereinfachung geht.

7. Und wenn die Kinder aus lauter Jux und Dollerei einfach fünfmal auf den Button drücken?
Knöpfe drücken kann ganz schön Spaß machen – Kindern, Tieren oder manchmal auch uns selbst. Eine Einstellung in der App soll aber verhindern, dass ungewollt mehrere Bestellungen platziert werden. Wie? Über die App soll eine neue Bestellung erst möglich sein, wenn die vorhergehende verarbeitet wurde. Und das kann man über eine Benachrichtigungsfunktion in der App selbst steuern.

8. Das wird der Horror – mein Schokokonsum würde explodieren, wenn man mit nur einem Knopfdruck seine spontanen Bedürfnisse umsetzen könnte.
Dash ist nichts für impulsive Menschen. Hier geht es wirklich nur um die etwas langweiligen alltäglichen Dinge, die man eben von Zeit zu Zeit nachfüllen muss. Spontan Lust auf einen Schokoriegel? Selbst wenn Amazon eine entsprechende Marke mit aufnehmen würde – die Erfüllung des gerade so dringenden Wunsches erfolgt eben doch erst in ein bis zwei Tagen. 

9. Will man wirklich ständig zur Post rennen, nur um sein Klopapier abzuholen?
Wir kennen alle die Probleme, die gelegentlich (oder auch häufig) mit Paketdienstleistern entstehen. Gar nicht erst klingeln, das Paket liegt beim  Nachbarn, Zusteller, die einfach direkt alles in die Büsche werfen. Alles schon da gewesen. Will man sich das wirklich antun, nur weil man neuerdings sein Klopapier bei Amazon ordert?

10. Denkt dabei auch mal jemand an die Ökobilanz?
Das Thema ist ja nicht neu, dass bei immer mehr Paketbestellungen auch die Ökobilanz leidet, Verpackungsmüll anfällt und der Einzelhandel schrumpft. Nun gut, jeder muss für sich selbst wissen, ob das vertretbar erscheint oder nicht oder in welchem Ausmaß man daran teilhaben will. Aber manchmal ist das Bestellen im Netz eben einfach wahnsinnig praktisch. Dennoch, die Frage sollte erlaubt sein: Muss man sich seine Rasierklingen wirklich postalisch liefern lassen?

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