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Australische Designer erdenken die perfekte Fahrradstadt

Michael Förtsch 16.10.2015

Immer mehr Menschen verzichten aufs Auto und bevorzugen stattdessen das Fahrrad. Architekten und Designer aus Australien fordern daher ein Umdenken: Sie wollen eine Stadt für Fahrräder und Menschen, nicht für Autos.

Wer sich in Großstädten aufs Fahrrad setzt, lebt nicht selten gefährlich. Schlecht ausgebaute Radwege, unübersichtliche Kreuzungen und unachtsame Autofahrer sind leider oft die Regel. So sehen es auch die Designer und Architekten von Cycle Space. Die australische Gruppe will Städte weltweit für das Zweirad umgestalten und hat Konzepte und Ideen für die ideale Fahrradstadt erdacht. „Die Stadt der Zukunft sollte nicht nur eine Infrastruktur für Radfahrer bieten“, sagt Steven Fleming, Leiter der Gruppe und Professor für Stadtgestaltung. „Sie sollte die Infrastruktur für Radfahrer sein.“

Als Beispiel für ihre Umplanungsideen, die jedoch auch weltweit umgesetzt werden könnten, ziehen die Architekten die australische Metropole Sydney heran. Hier wollen sie ein verzweigtes Netz an neuen und vor allem breiten Fahrradwegen etablieren, die in sämtliche Winkel der Stadt führen. Teils könnten auch bestehende Straßen dafür herhalten. Doch sollen diese — anders als die schmalen Spuren, die Radfahrer gewohnt sind — auch Komfort bieten. Durchgängig sollen sie mit Glas oder Beton überdacht sein, um ihre Nutzer vor Regen, Schnee und Sonnenstrahlen zu schützen. Schließlich ist die Witterung oft der Grund dafür, doch lieber den Wagen statt des Rads zu nehmen.

Ein Utopia für Radfahrer — Autos sind verboten

Auch bei der Verkehrsführung möchten die Planer von Cycle Space umdenken: Müssten Fahrräder nämlich nicht an jeder Ampel halten, kämen sie schneller zum Ziel als jedes Auto im Berufsverkehr. Rad- statt Autofahrern sollte im Verkehrsfluss der Vorrang gewährt werden — oder es müsste mit Brücken und Unterführungen dafür gesorgt werden, dass beide möglichst nicht miteinander in Konflikt geraten. Dadurch könnte auch das Risiko von Unfällen reduziert werden. Eine gewagte Idee dafür ist etwa eine Art Viadukt, in dem Radfahrer durch einen mit Ventilatoren erzeugten Rückenwind, vorangetrieben werden.

Sogar das Wohnen und Leben mit dem Fahrrad würden Fleming und seine Mitstreiter gern ändern. So schwebt ihnen ein Wohnhaus vor, in dem Radfahrer in einen Aufzug steigen und dann über lange Rampen bis vor ihre Wohnung rollen können. Geparkt wird das Zweirad nicht im Keller, sondern in Ständern direkt vor oder in einer speziellen Verstaumöglichkeit in der Wohnung. „Das Parken von Fahrrädern sollte sich zur Wohnungstür und Küche verhalten, wie der Autoparkplatz zum Haus in einem Vorort“, sagt Fleming. Will jemand seine Wohnung verlassen, nimmt er sein Rad, steigt auf und kann ohne Halt bis vor die Haustür rollen.

In einer idealen Welt für Radler parkt das Fahrrad auch im Wohnblock direkt vor der Tür.

Das Ideal für die Architekten und Designer von Cycle Space wäre aber ein Velotopia — eine ganzeStadt, gedacht, geplant und gebaut für das Fahrrad. Straßen und Parkplätze für Automobile gäbe es hier nicht. Stattdessen würden breite Fahrradstraßen gleich einem Spinnennetz die Stadt durchziehen. Fußgänger könnten hingegen sicher über Bürgersteige und Kreuzungsbrücken laufen. Abseits der Wohnhäuser wären in einem derartigen Utopia auch die Geschäfte und Läden so gestaltet, dass sie ohne große Anstrengung über Rampen zu erreichen sind und das Fahrrad zwischen den Regalen kein Problem darstellt. „Vor einem Jahrhundert wurden Städte für Maschinen gebaut“, sagt Steven Fleming. „In unserer Zeit sollten sie hingegen rund um elegante und einfache Geräte wie das Fahrrad gestaltet werden.“

Breite Rampen sollen im Fahrradhaus jedermann ohne Halt direkt bis vor die Haustür rollen lassen. 

Tatsächlich nehmen derartige Visionen langsam zumindest in Teilen Gestalt an. Städte wie Kopenhagen werden mit Brücken, einem dichten Radwegenetz und Stellplätzen zunehmen darauf ausgerichtet, vor allem Radfahrern ein schnelles Vorankommen zu garantieren. Zwischen 30 und 50 Prozent der Einwohner fahren in der dänischen Hauptstadt regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit oder in die Schule. In der bayrischen Landeshauptstadt München können hingegen als Alternative zu Auto, Bus und Bahn an 24 Standorten flexibel 1200 Fahrräder ausgeliehen werden — per App. Außerdem sind 14 Radschnellstraßen in Planung, die die Stadt aus dem Münchner Umland schnell und gefahrlos für Radler erreichbar machen sollen. Und auch Berlin plant einen solchen Fahrrad-Highway

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