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Wie Sehenswürdigkeiten die Welt sehen

Cindy Michel 01.07.2016 Lesezeit 4 Min

Bilder von Sehenswürdigkeiten braucht heutzutage kein Mensch mehr selbst zu knipsen. Denn egal ob Brandenburger Tor, Eiffelturm oder das Hollywood-Zeichen – Fotos von Monumenten gibt es heute so zahlreich im Netz wie Touristen auf dem Markusplatz im August. Der Fotograf Oliver Curtis sieht es genauso: Er dreht sich einfach um und fotografiert stattdessen, auf was die Sehenswürdigkeiten blicken würden.

Genauso langweilig wie das hundertste Bild des Big Ben sein kann, so spannend ist Oliver Curtis‘ Fotoreihe Volte-face. Der britische Künstler lichtet nämlich nicht die Bau- oder Kunstwerke selbst ab, für die Touristen die halbe Welt bereisen, sondern das, was fast niemand sieht außer den Sehenswürdigkeiten selbst: ihre Sicht der Dinge.

So gibt er den Monumenten eine Perspektive und erweckt sie zum Leben. Er verwandelt das Objekt der sehnsüchtigen Begierde in das Subjekt – und zeigt der Menschheit so, statt der monumentalen Werke, die nebensächlichen Dinge, die um sie herum geschehen und ihnen Leben einhauchen.

Ach Mona Lisa, du musst auch den ganzen Tag in die Gesichter oder auf die Hinterköpfe anderer blicken und nachts bist du allein im Museum: Oliver Curtis‘ Bild „Mona Lisa“ nimmt die Perspektive des Gemäldes ein

Gar nicht mal so friedlich wirkt der Blick, wenn man der Demilitarisierten Zone (DMZ) in Korea den Rücken zuwendet

Auf die Idee für diese skurrile Fotoserie kam Oliver Curtis, als er vor vier Jahren die Pyramiden von Gizeh besuchte. „Nachdem ich einmal um das Grabmal spaziert war, drehte ich mich um und blickte zurück in die Richtung aus der ich ursprünglich gekommen war, die Pyramide in meinem Rücken“, erinnert sich Curtis.

Die Pyramiden im Rücken, den Smog über Gizeh im Blick: Dieses Bild, „Die Cheopspyramide, Gizeh, Ägypten“, war ausschlaggebend für die Fotoserie „Volte-face“

„Die Stadt Gizeh lag unter einem Schleier aus Smog, der Sand vor mir und unter meinen Füßen war übersät mit Müll. Weiter vorne war ein halbfertig gebauter Golfplatz, das Gras so intensiv grün unter der späten Morgensonne“, erzählt Curtis. „Dieses visuelle Sandwich von kontrastierenden Farben, Texturen und Formen war faszinierend. Nicht nur für das Foto, sondern auch in Hinblick auf meine sonderbare Position: Ich stand an einem der größten Wunder dieser Erde und blickte trotzdem in die falsche Richtung.“

Kalt und gar nicht mal so bunt, abgesehen vom Kodak-Schirms, wirkt es, wenn man vom „Lenin-Mausoleum“ aus auf den Roten Platz in Moskau blickt

Was für ein Ausblick, auch wenn man den Hängen von „Rio de Janeiro“ den Rücken kehrt

Seither bereist Curtis die Sehenswürdigkeiten dieser Welt, um ihnen den Rücken zuzuwenden und so ihre Sicht auf das Gegenüber abzulichten.

Diese Leute vor dem „Mao-Mausoleum“ in Peking tun genau das, was Oliver Curtis nicht tut: Sehenswürdigkeiten abfotografieren

Mauerschau bei der „Chinesischen Mauer“

„Ich würde mit diesen Bildern gerne der Menschheit wieder die Augen für das Alltägliche, das Banale öffnen“, erklärt der Fotograf die Intention seines Projekts. Im Angesicht der faszinierenden Bauwerke und Kunstschätze vergesse man oft, dass diese Orte auch etwa Arbeitsplätze für Sicherheitsleute, Putzkräfte oder Hausmeister sein können, so Curtis.

Wie oft sich Obama wohl wünscht, so faul und sorglos im Gras zu liegen wie diese Frau gegenüber des Weißen Hauses in Washington?

Im Schatten des Taj Mahals scheint es friedlich zu sein

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Der Künstler glaubt, dass die Aura der jeweiligen Sehenswürdigkeit in den Bildern präsent bleibt, auch wenn sie selbst nicht zu sehen sind. „Die Kameralinse agiert effektiv als als Knotenpunkten und indem ich den Fotografien den Titel des nicht sichtbaren Partners gebe, wird die Dualität zur Tugend“, erklärt Curtis.

Dieses Bild sahen nur wenige Menschen, denn fast niemand war gesegnet genug, Auschwitz den Rücken zu kehren

Wer die Bilderreihe Volte-face einmal live sehen möchte, hat die Chance, sie von 19. September bis 14. Oktober in der Royal Geographical Society in London zu besichtigen.