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Robert Hovden schrumpft Raubkopien, bis sie keine mehr sind

Max Biederbeck 06.11.2014

Musik oder Filme einfach kopieren und verteilen, das ist immer noch illegal. Was aber passiert, wenn ein Wissenschaftler das perfekte Copyright-Piraten-Verbrechen begeht?

Physiker Robert Hovden

Noch hat Robert Hovden keine Post vom Anwalt bekommen. Kein Künstler wollte ihn verklagen und kein Polizist stand vor seiner Haustür. Dabei hat der Nano-Physiker mutwillig gestohlen und ist damit sozusagen ein Kunstdieb. Das Wort „sozusagen“ ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn Hovdens Tat lässt sich nur nachweisen, weil er offen darüber spricht. „Niemand kann wirklich sehen, was ich gemacht habe, das macht es so spannend“, sagt Hovden.

Was er macht, das ist eine Ausstellung. Sie läuft noch bis Ende Dezember in der Jill Stuart Gallery an der Cornell University. Hovden hat dafür Werke von fremden Künstlern kopiert – ohne sie vorher zu fragen. Vier Gemälde zeigt er seinen Besuchern so im Grunde illegal. Darunter das Bild „Laylah K.“ von Joy Garnett oder René Magrittes „The Treachery of Images“.

So sehen die Nano-Kunstwerke aus.

Hovden bleibt trotzdem unangreifbar, weil er für die Kopien einen Ionenstrahl-Schneider benutzt hat. Ein Instrument, das er eigentlich in seinem Beruf als Forscher verwendet. Es funktioniert so ähnlich wie ein Sandstrahler, schneidet aber stattdessen mit Schwerionen in eine Fläche. „Solche Systeme kommen bei der Herstellung von Mikrochips zum Einsatz“, sagt Hovden. Er habe einfach die Daten der Werke eingegeben und sie dann in Siliziumplatten eingraviert. Die Bilder, die er raubkopiert hat, sind nun mikroskopisch klein. Mit bloßem Auge kann man sie nicht sehen. Und genau das ist Hovdens Trick, deshalb kann ihm kein Verbrechen nachgewiesen werden.

„Laylah K.“ von Joy Garnett ist das einzige Bild, das Robert Hovden zum Nachweis wieder vergrößert hat. Er hatte Angst, der Vergrößerungsprozess könnte seinen filigranen Silizium-Kopien schaden.

Die Idee dazu hatte der 30-Jährige schon vor Jahren „als extremes Gedankenspiel in meinem Kopf“, wie er sagt. Vor kurzem bewarb er sich damit bei einer Kunststiftung, und siehe da, sie unterstützte die Raubkopie-Ausstellung. Die, das sollte mittlerweile klar sein, soll eine Botschaft vermitteln. Ein Tipp, sie lautet nicht: Der perfekte Raubkopierer muss einen Ionenstrahler besitzen.

Hovden will einen Beitrag zur Diskussion über Urheberrechte bei geistigem Eigentum leisten. Ab wann, so fragt er, ist eine Kopie eigentlich illegal?  Wie stark muss sie schrumpfen, damit dem ursprünglichen Künstler kein Unrecht mehr passiert? „Es ist dieselbe Frage wie bei Samples in der Musik oder bei Fan-Filmen“, sagt der Physiker. Es ginge ihm ausdrücklich nicht nur um die rechtliche Ebene, sondern auch um die moralische. Denn das Urheberrecht ist in jedem Land unterschiedlich, die Frage „Wann ist eine Kopie eine Kopie?“ sei aber überall die gleiche.

Der Ionenstrahl-Schneider

Um sie noch zu unterstreichen, hat Hovden die Bilder nie in die Mitte der Siliziumplatten eingraviert. Sie befinden sich immer an einer anderen Stelle der Scheibe. „Das Kunstwerk zu finden, ist ungefähr so, wie ein geparktes Auto in New York City zu finden“, sagt er. Der Besucher kann mit bloßem Auge nie sicher sein, ob er sich da gerade tatsächlich ein kopiertes Gemälde anschaut oder nicht.

„Wir als Wissenschaftler veröffentlichen unsere Ideen und Formeln in den meisten Fällen kostenlos in Fachartikeln“, behauptet Hovden. Als Forscher sei er aber genauso ein Kreativer, wie es ein Künstler ist. „E=MC2 lässt sich nicht urheberrechtlich schützen“, ergänzt der Physiker. Die Grenze zwischen einem Beitrag zur Allgemeinheit und geistigem Eigentum werde oft zu wenig betrachtet.

Viele Besucher seiner Ausstellung wollen über den gegenseitigen Einfluss von Wissenschaft und Kunst sprechen. Sie sind fasziniert von der Idee, Kunst zu schrumpfen. Hovden scheint also nicht nur kopiert, sondern nebenher noch einen kreativen Mehrwert geschaffen zu haben. Eines seiner Opfer hat sich mittlerweile übrigens doch noch bei ihm gemeldet. Künstlerin Joy Garnett retweetete einen Artikel über die Ausstellung und schrieb dazu nur: „Rofl“. 

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