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Kurzfilm Chase Me: Warum Ausdrucken manchmal besser ist als Animieren

Cindy Michel 22.07.2016

Zwei Printer, 80 Liter Harz, 6000 Stunden Druckzeit und eine Menge Geduld: Chase Me ist einer der ersten Kurzfilme, der komplett aus dem 3D-Drucker kommt. Hätte man das nicht einfach am Computer animieren können? Nein, sagt der Macher im WIRED-Interview, und erklärt, warum.

Vom ersten Frame an, wenn der Titel Chase Me über den Bildschirm flackert, erinnert der Kurzfilm von Gilles Deschaud an alte Stop-Motion-Streifen aus dem Kinderfernsehen der 80er Jahre. Gezeichnete oder modellierte Trickfiguren wurden damals von der Kamera animiert, indem sie Shot für Shot immer nur geringfügig verändert werden, um die Illusion von Bewegung entstehen zu lassen.

Der Schriftzug Chase Me, der mit Pinselstrichen nachbearbeitet zu sein scheint, zittert vor schwarzem Grund. Dann erscheint ein magischer Wald und ein Mädchen mit einer Ukulele. Die treibende Musik der französischen Band Inglenook trägt jeden Schritt der Kleinen, verleiht ihr gleichzeitig Sound und Stimme in der animierten, scheinbar so friedlichen Welt. Doch schon bald ist Schluss mit Frieden, denn ein sich ständig wandelndes Schattenwesen verfolgt das singende Mädchen. Mutig stellt es sich dem Ungeheuer und wird mit Haut, Haaren und Ukulele verschlungen.

Was auf den ersten Blick wie eine possierliche Fingerübung aussieht, ist einer der ersten Kurzfilme, der komplett aus dem 3D-Drucker kommt. Jedes einzelne bewegte Objekt eines jeden Frames wurde ausgedruckt und anschließend im Stop-Motion-Verfahren animiert. Insgesamt besteht Chase Me aus 1875 Bildern. Ziemlich aufwändig, wenn man bedenkt, dass allein der Druck für die Teile eines Frames etwa acht Stunden dauern kann. Warum Gilles Deschaud Chase Me dennoch ausgedruckt hat, statt ihn am Computer zu animieren, erklärt er im WIRED-Interview.

Insegsamt 6000 Stunden lang druckten zwei 3D-Drucker von Formlabs Figuren für Chase Me

WIRED: Du bist CGI-Experte und Digitalkünstler, dennoch basiert dein Kurzfilm Chase Me auf dem Stop-Motion-Konzept. Ganz schön viel Handarbeit für jemanden, der eigentlich Profi in Computeranimation ist.
Gilles Deschaud: Eine Animation, die im Stop-Motion-Verfahren entsteht, wird immer lebendiger und voller wirken als eine aus dem Computer. Man bekommt damit einfach mehr Textur in den Film. In Chase Me habe ich sogar absichtlich fehlerhafte Drucke benutzt, um ihn noch lebendiger zu gestalten. Stop-Motion-Filme sind ehrlicher, besitzen eine gewaltige Authentizität, wie sie nur von Menschenhand geschaffen werden kann. So etwas kann kein Computer.

Das Mädchen mit der Ukulele in verschiedenen Größen für unterschiedliche Einstellungen

WIRED: Was ist der Unterschied herkömmlichen Stop-Motion-Verfahren und dem mit 3D-Druck?
Deschaud: Der Arbeitsaufwand ist beim 3D-Druck-Verfahren erheblich höher als bei anderen Stop-Motion-Techniken. Allerdings hatte ich einige Bilder vor Augen, die ich rein technisch nicht anders hätte animieren können – etwa einen fließenden Wasserfall. Der 3D-Drucker gab mir die Freiheit, allem was ich wollte, Leben einzuhauchen, so komplex die Vorstellung auch war. Natürlich war es auch ein Experiment, denn durch das Druckverfahren habe ich einen ganz neuen Stil ausprobiert. In bisher bekannten Methoden des Stop-Motion, etwa mit Knetmasse oder Puppen, wird das Objekt einfach nur verändert, um die Illusion einer Bewegung zu erzeugen. Bei Chase Me habe ich in für jeden Frame komplett alle Figuren austauschen müssen. Das hat neben dem hohen Zeitaufwand auch einige Vorteile.

Die Welt von Chase Me in gesammelten Einzelteilen

WIRED: Die da wären?
Deschaud: Ich hatte einen besseren Überblick über die Szenerie. So wusste ich etwa, dass es keine Probleme geben würde, das Ganze auf die Musik abzustimmen. Außerdem konnte ich mich auf die Beleuchtung der Sets konzentrieren, um meiner Animation noch mehr Wärme zu verleihen.

WIRED: Ist der 3D-Druck also die Zukunft der Filmindustrie?
Deschaud: Er ist eine neue Technologie, die sicher auch die Filmindustrie beeinflussen wird. Das Tolle am 3D-Druck ist, dass man ihn in jeder Phase der Produktion einsetzen kann. Schon jetzt experimentieren einige Studios damit, um Computeranimationen in Actionszenen zu reduzieren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass komplette Filme, auch wenn es nur Kurzfilme sind, in Zukunft aus dem 3D-Drucker kommen werden.

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WIRED: In deinem Making-of-Video sieht man die einzelnen ausgedruckten Objekte nebeneinander liegen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Figuren – als hättest du die vierte Dimension gemeistert. Ein seltener Anblick für einen Filmemacher, oder?
Deschaud: Ein absolut seltener und zugleich wundervoller Anblick. Meine ganze Arbeit lag direkt vor mir und mit einem Blick konnte ich den ganzen Film erfassen – und Erfassen meine ich dabei wörtlich. Als Digital Artist kann ich meine Arbeit schlecht berühren, aber bei diesem Projekt konnte ich es. Das ist ein wunderbares Gefühl.

WIRED: Wunderbar ist auch das Gefühl, dass das Ende des Filmes bei einem hinterlässt: Das Mädchen mit der Ukulele stellt sich dem dunklen Schatten und opfert sich, um eine bunte neue Welt zu erschaffen. Eine ziemlich deutliche Aussage für einen experimentellen Zweiminüter.
Deschaud: Wenn ich einen Film mache, möchte ich immer eine Message ans Publikum weitergeben. Manchmal ist sie versteckt, manchmal ziemlich deutlich, so wie bei Chase Me: Jeder hat die Kraft, das Dunkle in sich zum Guten zu wandeln.