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Ohne Computer mussten Designer sich auf diese Pappscheibe verlassen

Elizabeth Stinson 27.07.2017

Die analoge Humanscale war ein Meilenstein der Datenvisualisierung. Eine Designfirma will jetzt die inzwischen zum Sammlerstück gewordene Pappscheibe aus den 70er Jahren zurückbringen.

Als Apple das iPhone 6 vorstellte, war sofort klar, dass das Unternehmen mit einer goldenen Regel des Produktdesigns gebrochen hatte. Das gläserne Display maß 14 Zentimeter in der Diagonale – viel zu groß für Menschen mit kleinen Händen. Um das auszugleichen, führte Apple eine Funktion namens Reachability ein. Wenn man doppelt auf den Home Button tippt, rutscht der Bildschirm etwa vier Zentimeter nach unten, in Reichweite kleiner Hände.

Das Feature löste kein echtes ergonomisches Problem, sondern war vielmehr das Zugeständnis einer bedauerlichen Wahrheit: Bei einem Gadget, das für Millionen von Menschen entwickelt wird, kann es keine Einheitsgrößen geben. „Der Doppel-Tap ist eine offensichtliche Notlösung für den Faktor Mensch“, sagt Designer Luke Westra vom Design-Studio IA Collaborative.

Wenn Westra vom Faktor Mensch spricht, meint er damit den Bereich des Designs, der sich damit beschäftigt, wie der menschliche Körper mit seiner physischen Umwelt interagiert. Es geht also um Ergonomie. Alle guten Designer denken über menschliche Faktoren nach, wenn sie ein Produkt entwickeln. Damit eben am Ende keine Bürostühle entwickelt werden, von denen Angestellte Rückenschmerzen bekommen.

Steve Jobs und Jony Ive sind mithilfe von Computern und Software zur finalen Form des iPhones gelangt. Einige Jahrzehnte bevor das erste Smartphone auf den Markt kam, haben sich Designer auf ein analoges Werkzeug verlassen, um den menschlichen Körper besser zu verstehen. Dieses Tool nannte sich Humanscale und bestand aus neun rotierbaren Scheiben, auf denen über 60.000 Datenpunkte verzeichnet waren. Drehte man die Auswahlscheibe, erschienen die korrekten Maße in kleinen Anzeigefenstern.

Die Humanscale für verschiedene Anwendungsfälle

Während der 70er und 80er nutzten Produktdesigner sie als eine Art Spickzettel, um schnell an die gewünschten Größen zu kommen. Nachdem jedoch MIT Press die Produktion Mitte der 80er Jahre eingestellt hatte, wurden Humanscales zu Sammlerstücken und erzielten bei eBay Preise über 1500 Euro. Dank Westra, seinem Team bei IA Collaborative und Kickstarter soll die Humanscale nun wieder zurückkommen. Für knapp 60 Euro bekommt man einen Neudruck für drei Anwendungsfälle, für 170 Euro gibt es das komplette Set.

Die Humanscale ist eine Erfindung von Henry Dreyfuss Associates, dem Designstudio, das so ikonische Objekte wie Alexander Graham Bells Telefon, die Polaroid Kamera und den John Deere Traktor entworfen hatte. Dreyfuss war ein Pionier des ergonomischen Designs, seine Firma ging mit wissenschaftlicher Präzision an die Konstruktion von Objekten heran. Form folgte der Funktion und Funktion folgte Daten – vielen, vielen Daten.

Dreyfuss verbrachte Jahre damit, die Daten zu sammeln

Dreyfuss entwickelt kein Produkt, ohne dass er nicht eine lange Liste an körperlichen Statistiken konsultierte: Fakten wie durchschnittliche Körpergröße, Armspanne, Hüftweite im Sitzen, Blickwinkel von einem Schreibtisch. „Das Problem daran war, dass die Daten nicht unbedingt in einer netten, nutzerfreundlichen Form vorlagen“, sagt Bill Crooks, der von den frühen 70ern bis in die 2000er für HDA arbeitete.

Die Daten existierten, allerdings einzeln und unsortiert. Wer die Maße des Beines eines durchschnittlichen amerikanischen Mannes herausfinden wollte, konnte in Militärakten schauen. Für die Dezibelzahl, die für das menschliche Ohr noch als angenehm empfunden wird, mussten Designer Statistiken der Umweltschutzbehörde durchwühlen. Einer der Mitarbeiter, Niels Diffrient, setzte es sich zum Ziel, alle ergonomischen Daten in ein einziges, nutzerfreundliches Werkzeug zu verwandeln, das Designer überall hin mitnehmen konnten.

Diffrient und sein Team, zu dem auch Crookes gehörte, verbrachten Jahre damit, Daten zusammenzutragen. Sie lernten beispielsweise, dass ein Fedora im Durchschnitt zwei Zentimeter hoch ist – wichtig, wenn man Türhöhen bestimmen muss. Sie durchkämmten Aufzeichnungen über die Sitzhöhe von Rollstuhlfahrerinnen. Sie zeichneten die Griffhaltung auf, wenn ein Mensch einen Zylinder, Ball oder Stift hält und ordneten all diese Daten auf thematischen Scheiben an. „All das haben sie per Hand mit nur einem Dreieck und einem Kompass auf einem Reißbrett entworfen“, sagt Nathan Ritter, Design Researcher bei IA Collaborative.

Die Illustrationen auf der Vorder- und Rückseite der Scheiben zeigten Menschen und ihre Körperteile in verschiedenen Positionen mit kleinen Pfeilen, die auf Dutzende von Meßpunkte zeigten. Rotierte man die Scheiben, wurden die Daten nach den Durchschnittswerten für Frauen, Männner und Kinder gefiltert.

Die Daten für die Humanscale wurden in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen

Humanscale war ein Meisterstück des Informationsdesigns und wohl eine der ersten interaktiven Datenvisualisierungen. Es ist eine Antiquität, gilt aber unter Produktdesignern immer noch als Goldstandard für Statistiken zu Ergonomie. Mit der Zeit sind die Scheiben durch technologische Lösungen ersetzt worden. Heute bezahlen Designfirmen Tausende von Euros für den Zugriff auf digitale Datenbanken.

IA Collaborative will, dass die Humanscale nicht in Vergessenheit gerät: „Sie ist heute noch genauso relevant wie damals“, sagt Ritter. Die Designer planen einen Nachdruck der Original-Scheiben und -Bücher. Danach sollen die Informationen digitalisiert und mit einer interaktiven Benutzeroberfläche versehen werden. Ritter und seine Kollegen sind der Meinung, dass die meisten Designer solch ein benutzerfreundliches Tool dringend gebrauchen könnten, damit ihre Produkte wieder besser auf die Menschen zugeschnitten werden. „Man kann alles in einem Vakuum entwickeln“, sagt Westra. „Aber wenn man nicht an die Menschen denkt, die es irgendwann benutzen müssen, werden diese damit nicht glücklich werden.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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