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„Ich habe den Code der Mode umgeschrieben“: Warum Helmut Lang jetzt Kunst macht

Dirk Peitz 06.06.2016

Helmut Lang war der wichtigste Modedesigner der Welt, bevor er sich vor elf Jahren der Kunst widmete. Interviews gibt der gebürtige Österreicher nur selten, fotografieren lässt er sich noch seltener. Dennoch traf er sich mit WIRED und sprach mit uns über das Erschaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Juni 2016. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Frühling in East Hampton, Long Island, ein elektrisches Holztor öffnet sich und gibt den Blick frei auf ein betörend schlichtes Anwesen: Wiesen, Bäume, drei graubraune Holzhäuser, dahinter Dünen, Meer, Himmel. Aus dem mittleren Haus tritt ein Mann in Jeans, Sneakers, Bomberjacke: Helmut Lang, Besitzer des Anwesens. Obwohl er seit 2005 keine Mode mehr macht, sondern nur noch Kunst, ist sein Einfluss auf die Mode der Gegenwart ungebrochen. Denn seine einstigen Entwürfe werden bis heute von anderen Designern zitiert.

Lang war der Experimentellste unter den Minimalisten, ein Zukunftsdenker in einer Branche, die sich retro-selig zunehmend der Vergangenheit zuwandte. Heute schafft Lang vor allem Skulpturen von großer Wucht. Interviews gab und gibt er fast nie. WIRED nun schon – auf Englisch, denn der Österreicher lebt seit fast 20 Jahren in den USA. Noch bis zum 21. August sind Langs aktuelle Arbeiten in der Einzelschau Burry in der Ausstellungshalle Dallas Contemporary zu sehen.

WIRED: Herr Lang, wie beginnen Sie eigentlich ein Kunstwerk? Und wie war das früher beim Modedesign?
Helmut Lang: Lassen Sie uns über die Kunst sprechen … Oft habe ich eine Idee für den Anfangspunkt und nähere mich dieser Idee dann eher experimentell. Mitunter beginne ich diesen Prozess aber auch sehr roh und unkontrolliert, das hat auch seine Vorteile. Im Arbeitsprozess geschieht auf der intellektuellen Ebene und bei der Suche nach der Form dann Folgendes: Ich gehe ein Werk mit einer bestimmten Vorstellung an, einer Idee von einer fertigen Skulptur – welche dann verdichtet und überlagert wird, aufgebrochen und gesammelt, und dieser Prozess kann an jedem beliebigen Punkt gestoppt werden. Es entwickelt sich eine Auseinandersetzung mit dem Material um Balance und Rohheit, um die Tragweite der Form und des Inhalts. Wenn dann ein Moment des Kontrollverlusts passiert und die Skulptur stark genug ist, um zurückzuschlagen, ist das oft ein guter Augenblick, um aufzuhören. Das Endergebnis entspricht fast nie dem, was der Ausgangspunkt war. Der Anfang ist buchstäblich nur ein Anfang. Das Resultat ist das Einzige, das Bedeutung hat.

Lang gibt selten Interviews, und fotografieren lässt er sich noch seltener. Diese Aufnahme, die ihn in seinem Garten zeigt, ist die aktuellste – und doch schon älter

WIRED: Woran erkennen Sie, dass ein Kunstwerk fertig ist?
Lang: Das ist Instinkt, manchmal auch Erschöpfung. Es gibt keine Richt­linien. Meist gelingt es mir, zum richti­gen Zeitpunkt zu stoppen. Das ist nicht immer offensichtlich. Aber wenn die Arbeit, so wie sie ist, nach einer gewissen Zeit noch immer der Betrachtung standhält, dann entschließe ich mich aufzuhören.

WIRED: Viele Kreative mühen sich immer wieder mit der Frage ab, wann etwas fertig ist. Wenn Sie das instinktiv entscheiden – lässt Ihr Instinkt Sie dann auch mal im Stich?
Lang: Über die Zeitachse jedwedes Schaffensprozesses hinweg gibt es immer wieder Momente, in denen einem etwas leicht von der Hand geht, und Momente, die einem wie ein endloser Kampf erscheinen. Da geht es dann auch um meine Neugierde und die Ambition, wie weit ich ein Kunstwerk treiben kann. Mitunter gerät man an einen Punkt des Stillstands, später nimmt man das Stück dann wieder in die Hand. Irgendwie arbeitet man sich durch all diese Phasen, jedenfalls ist das bei mir so. Außerdem zeige ich normalerweise ein Kunstwerk nicht sofort öffentlich, sondern lasse es in meinem Studio stehen, manchmal zwei, drei Jahre lang. Ich gebe mir die Wartezeit, um herauszufinden, ob ich mir immer noch sicher bin, dass ich das Resultat erzielt habe, das ich erzielen wollte. Ist das nicht der Fall, ar­beite ich so lange weiter, wie ich es für nötig halte. Dieser Weg ist ein sehr persönlicher, genauso wie die Entscheidung, dass etwas der Öffentlichkeit übergeben werden kann. Hoffentlich löst das Werk dann Neu­gierde aus, Vergnügen, Empörung oder irgendeine andere Art von Emotion oder Interaktion mit dem Betrachter – und steht nicht nur einfach im Raum. Die Reaktionen, die ein Werk provoziert, hängen jedoch nicht davon ab, ob man als Künstler Schwierigkeiten dabei hatte, es herzustellen. Wenn man auf einem kreativen Feld arbeitet, macht es für mich keinen Sinn, sich selbst im Vorfeld bereits Beschränkungen aufzuerlegen.

Niemand mag Deadlines. Doch wie wir alle wissen, können sie das, woran wir arbeiten, verbessern helfen.

Helmut Lang

WIRED: Die einzige Beschränkung, der Sie heutzutage noch unterliegen, ist der Termin einer Ausstellungs­eröffnung – ansonsten kennen Sie keine Deadlines mehr?
Lang: Es gibt selbstverständlich manchmal physische oder technische Beschränkungen bei der Kunstproduktion. Ansonsten gibt man sich selbst eigene Deadlines, wenn man an einer Werkgruppe arbeitet. Ich arbeite ununterbrochen und nicht nur dann, wenn eine Ausstellung bevorsteht. Üblicherweise arbeite ich parallel an verschiedenen Stücken aus verschiedenen Werkgruppen. Bereitet man eine Ausstellung vor, bekommt dieser Prozess aber eine andere Dynamik, denn dann betrachtet man sein Werk noch einmal genau und denkt darüber nach. Niemand mag Deadlines. Doch wie wir alle wissen, können sie das, woran man arbeitet, verbessern helfen. Der Druck zwingt einen oft, die wenigen wirklich wichtigen Entscheidungen zu treffen: sich entweder etwas anderes, Besseres einfallen zu lassen – oder eine bereits existente Arbeit zu verbessern. Für meine Ausstellung in Dallas habe ich zum Beispiel drei neue Arbeiten gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass etwas fehlte in der Ausstellung, noch etwas erzählt werden musste. Die Deadline bedeutete eine Herausforderung, die am Ende hilfreich war.

WIRED: Woher wussten Sie, dass Sie für die Ausstellung noch etwas Neues machen mussten?
Lang: Es ist eine ziemlich komplexe Sache, das zu erklären. Ich müsste erneut das Wort „Instinkt“ benutzen, es ist halt ein Gefühl, das man hat. Manchmal gibt es eine logische Erklärung für dieses Gefühl, doch meiner Erfahrung nach gibt es meis­tens keine. In dem Fall jetzt hatte ich das Gefühl, noch einige Arbeiten hinzufügen zu wollen, die mit antiker Mythologie verbunden sind. Wir hatten eine Preview mit dem Museum arrangiert, und während wir meine Arbeiten betrachteten, sagte die Ausstellungs­direktorin, es sehe so aus, als ob sie biblische Bezüge hätten. Auch andere Menschen, denen ich die Stücke davor gezeigt hatte, hatten von deren Spiritualität gesprochen. Ich hatte über diesen möglichen Aspekt nie nachgedacht, und ich sehe die Arbeiten auch nicht so. Wenn Menschen ein Kunstwerk betrachten, dann interpretieren sie es selbstverständlich, doch ich wollte diesen Prozess verunklaren – ich möch­­te nicht, dass meine Kunst leicht lesbar ist.

Blick in die Lang-Ausstellung Burry in Dallas (o.). Rechts die Arbeit Untitled (2012) aus Lackfarbe, Teer, Stahl, Schafshaut, Sperrholz

WIRED: Wir leben im Zeitalter der Meinungen, alle können im Netz alles kommentieren und tun das auch. Wie gehen Sie damit um?
Lang: Man liest so wenige Kommentare, wie es eben geht. Oder am besten gar keine. Obwohl ich es gut finde, dass so viele Menschen heutzutage an diesem unendlich umfassenden Gespräch im Netz teilnehmen können, möchte ich die Meinungen anderer nicht zum Maßstab für mich nehmen. Ich möchte selbst entscheiden, was ich als Nächstes tue und wie ich das tue. Ich höre mir die Meinungen derjenigen an, die mir nahe sind, das ist eine Art internes Feedback. Wenn es mir nützlich erscheint, löst es möglicherweise eine Reaktion bei mir aus. Doch im Allgemeinen verlasse ich mich allein auf meine eigene Wahrnehmung dabei, in welche Richtung ich meine Kunst fortentwickeln sollte. Obwohl es auch Zeiten gibt, in denen ich mir unsicher bin, glaube ich doch: Man muss sich schon selbst darum kümmern, was man tut, ja regelrecht eine Obsession dafür entwickeln. Nur dann findet man, wonach man sucht. Jedweder kreative Prozess, dessen bin ich mir sicher, muss seinen Ursprung im
Bewusstsein der Person haben, die etwas schafft. Die Arbeit, die so entsteht, wird ihr Publikum finden.

WIRED: Dennoch wird von jedem Kreativen erwartet, dass er sich der Debatte im Netz stellt. Auch wenn er der Ansicht ist, seinem Werk nichts hinzuzufügen zu haben.
Lang: Welcome to my world! Als ich mich im Jahr 2005 entschieden habe, mich fortan nur noch der Kunst zu widmen, war ich davon ausgegangen, dass die Kunstwelt weniger öffentliche Präsenz von einem verlangt als die Modewelt. Da habe ich mich getäuscht.

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WIRED: Und dennoch lassen Sie sich nicht beirren?
Lang: Ich habe mich vor langer Zeit bereits entschlossen, mein Leben mit der Geschwindigkeit zu führen, die mir selbst möglich ist – selbst wenn es um den Preis geschieht, dass ich innerhalb eines Systems nicht so schnell vorankomme, wie es möglich wäre. Ich bin mit dieser Ein­stellung in der Vergangenheit gut gefahren, und ich werde sie nicht ändern. Kunst sollte etwas Zeitloses sein und keine Saisonware.

WIRED: Bedeutet das Herzeigen Ihrer Arbeiten für Sie zugleich, sie loslassen zu können?
Lang: Wenn sie fertig sind, verspürt man einen starken Drang, sie öffentlich zu zeigen. Man will sie nicht für sich behalten, also ja: Man muss sie loslassen. Ich will, dass meine Arbeiten da draußen sind in der Welt. Zumindest für mich selbst kann ich sagen: Etwas zu kreieren, zu schaffen, ist mein Weg zu kommunizieren – auf die beste Art und Weise, die mir möglich ist. Über diese Arbeiten zu sprechen, ist für mich nur Kommunikation am Rande. Ich hoffe stets, dass meine Sachen für sich und für mich sprechen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass jeder Betrachter eine etwas andere Meinung über sie entwickelt. Das ist nur normal. Ein Stück, das mir sehr viel bedeutet, mag der Person neben mir absolut nichts sagen. Loslassen heißt für mich in diesem Sinne, etwas der öffentlichen Be­urteilung zu übergeben.

„Natürlich ahnte niemand, wie dramatisch das Internet-Zeitalter die Modekultur verändern sollte.“

Helmut Lang

WIRED: Folgen Sie eigentlich überhaupt sozialen Medien?
Lang: Das tue ich. Hauptsächlich, um mich zu informieren und eine Ahnung davon zu haben, wohin die Welt sich entwickelt – aber nur im allgemeinen Sinne. Ich habe auf keiner sozialmedialen Plattform ein Profil.

WIRED: Social Media bildet heute einen wichtigen Teil des öffentlichen Diskurses ab, doch der ist nun in unzählige Filter-Bubbles auf­geteilt. Das bedeutet auch für die Kunstwelt: Die traditionellen Türsteher, die einst den Zugang kontrollierten und über Erfolg und Misserfolg ganzer Künstlerkar­rieren mitentschieden, Kritiker, Galeristen, Kuratoren, PR-Leute, haben viel ihrer einstigen Macht verloren, weil sie diesen Diskurs kaum mehr steuern können.
Lang: Richtig. Der Nachteil ist, dass mitunter Mittelmäßiges zu etwas Bedeutendem erhoben wird. Denn Manipulation findet ja weiterhin statt, nur auf andere Weise. Es gibt weiterhin gatekeepers, die die Richtung des Diskurses beeinflussen können, und deren Motive mögen nicht immer dem entsprechen, was man ethisch nennen würde. Und es gibt ja auch gute gatekeepers. Das sind die Menschen, die nicht vom System vereinnahmt wurden. Von jenem System, das die meistverbreiteten Meinungen fördert und sich vor den abweichenden fürchtet und sie dementsprechend herausfiltert. Wie das funktioniert, kann man sehr gut am Journalismus sehen, wo ein größerer Herdentrieb zu herrschen scheint als früher. Weil der öffentliche Diskurs heute auch von sozialen Medien geformt wird, gibt es aber eben auch eine größere Vielfalt an unterschiedlichen Reaktionen. Und viel mehr Menschen haben die Möglichkeit, Kunst zu sehen oder gar ihre eigene zu zeigen.

WIRED: Wenn man hier in Ihrem wunderschönen, aber etwas abgelegenen Anwesen in Long Island sitzt, könnte man den Eindruck haben, Sie hätten sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Lang: In gewisser Weise stimmt das, ja. Doch eines der größten Missverständnisse meine Person betreffend ist, ich würde isoliert leben. Dies hier ist meine Arbeitsstätte, doch ich habe außerdem noch ein Apartment in New York City, die Stadt ist nur zwei Stunden Fahrt entfernt. Doch hier bin ich nicht den Einschränkungen unterworfen, die ein Atelier in der Stadt mit sich brächte. Ich kann arbeiten, wann ich will, draußen wie drinnen. Überhaupt ist es so, dass Künstler heutzutage an jedem Ort der Welt arbeiten können. Es ist nur noch eine Frage der Möglichkeiten und der Logistik, für welchen Ort man sich entscheidet. Meine Erfahrung deckt sich mit denen vieler meiner Künstlerfreunde: Abseits des Trubels kann man viel produktiver sein, man wird nicht abgelenkt. Um die Arbeiten dann zu zeigen, kehrt man in die Zentren zurück.

WIRED: Welche Rolle spielen dann die Orte noch, an denen man arbeitet, für das eigene Schaffen?
Lang: Nun, ich habe mich stets mit den Orten in meiner Arbeit auseinandergesetzt, das reicht zurück bis in meine Wiener Zeit. Die Stadt wird immer noch sehr stark mit der K.-u.-k.-Zeit verbunden, sie hat etwas Konservatives an sich, und das brachte mich dazu, eine extrem moderne Sprache in der Mode zu entwickeln. Es fühlte sich so an, als ob ich die Vergangenheit bekämpfen musste in Wien. Ich musste dagegenhalten. So funktioniere ich. Mein Autopilot ist immer auf die Gegenwart eingestellt, aufs Zeit­genössische und darüber hinaus.

WIRED: Muss man dafür zeitgenössische Mittel und Materialien benutzen?
Lang: Nicht unbedingt. Ich verwende manch traditionelle Materialien, Künstlerpigment etwa oder Leinwand, aber auch Sprayfarbe, Teer, Gummi oder Silikon. Bei einigen Skulpturen habe ich zuletzt modernen memory foam benutzt und sie hinterher mit altmodischem Schellack überzogen. Manchmal ist es sogar hilfreich, wenn während des Schaffensprozesses dann etwas schiefläuft. Man muss nur offen sein für die Möglichkeiten, die sich ergeben. Das gilt heute auf allen kreativen Feldern: Sie sind gegenüber anderen Methoden viel aufgeschlossener als früher.

Für Helmut Lang zählt einzig die Gegenwart. Für seine Kunst verwendet er aber auch traditionelle Materialien.

WIRED: Früher, das war zum Beispiel im Jahr 1998: Da waren die Modekritiker fassungslos bis erbost, als Sie als erster Designer überhaupt eine Kollektion im Netz statt auf einem Laufsteg präsentierten.
Lang: In dem speziellen Fall mussten wir zusätzlich noch Videokassetten und gedruckte Lookbooks verschicken, weil noch nicht alle Leute einen Internetanschluss besaßen. Oder zumindest nicht wussten, wie man ihn benutzt. Ich aber hatte das Gefühl, dass das ein wichtiger, notwendiger Schritt war. Das war in dem Jahr, als ich von Europa nach New York umgezogen bin und ein gewaltiger Hype um meine erste Schau dort entstand. Das sprengte alle vernünftigen Dimensionen. Natürlich fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt, aber auch unwohl damit. Die Zeit damals war für mich persönlich voller Veränderungen, und das hat mich vermutlich darin bestärkt, mich mit dem Aufstieg des Internets und überhaupt der Digitalisierung sehr direkt zu beschäftigen. Es stellte sich heraus, dass es zu einem Wendepunkt der Mode­industrie wurde.

WIRED: War es nicht auch einfach praktisch, Mode im Netz zu zeigen?
Lang: So habe ich das damals auch gesehen. Weil wir eben über die Gatekeepers der Kunstwelt sprachen: Das Internet gab mir damals die Möglichkeit, an den Türstehern der Modewelt vorbei meine Arbeiten ungefiltert und in Gänze zeigen zu können, die gesamte Kollektion. Plötzlich konnte Mode überall auf der Welt und von jedem betrachtet werden, das war ein enormer Schritt nach vorne hin zur Demokratisierung der Mode. Selbstverständlich ahnte da noch niemand, wie dramatisch das Internet-Zeitalter die Modekultur verändern sollte, zunächst durch Blogs, später durch Instagram – und in welchem Ausmaß Mode heute im Netz diskutiert, kommentiert und verkauft werden würde.

WIRED: Bis heute wird Ihr früheres Schaffen wieder und wieder in aktuellen Kollektionen von anderen Designern zitiert – und ebenso von Modekritikern bei jeder Gelegenheit an Sie erinnert. Nervt das nicht?
Lang: Es stimmt, es scheint fast so, als bekäme ich jede Modesaison noch genauso viel Presse wie zu Zeiten, als ich als Designer tätig war. Die New York Times schrieb zuletzt etwas in der Richtung: Ich sei noch immer der universelle Blutspender für die Blutgruppe 0 in der Mode. Schön zu lesen. In der Rückschau könnte man sagen: Ich habe den Code der Mode umgeschrieben. Sie hat sich nicht sonderlich verändert, seit ich mich vor elf Jahren verabschiedet habe.

„Etwas zu kreieren, zu schaffen, ist mein Weg zu kommunizieren – auf die beste Art, die mir möglich ist.“

Helmut Lang

WIRED: Aber ist es nicht komisch, dass immer noch eine Modemarke mit Ihrem Namen existiert, obwohl Sie damit nichts mehr zu tun haben?
Lang: Ich wusste genau, was ich damals tat – ich verließ die Mode für alle Zeiten. Sonst hätte ich das Trademark für die Modemarke nicht verkauft. Mir macht es nichts aus, dass es den Namen weiterhin gibt. Es ist heutzutage normal, dass die meis­ten Modehäuser nicht mehr von ihren Gründern geführt werden. Das System arbeitet nun mit angestellten Designern.

WIRED: Sie sind gerade 60 geworden. Hat das Alter Sie verändert?
Lang: Nein, hat es nicht. Man wird vom Jungen zum jungen Mann und zum Mann, und auf dem Weg sammelt man Lebenserfahrung. Hat das etwas an meiner Neugierde verändert? Nein. Mein Bewusstsein ist immer das gleiche geblieben.

WIRED: Sie haben die Mode ohne Reue hinter sich gelassen und sich der Kunst zugewandt. Sind Sie der glücklichste Mensch auf Erden?
Lang: Das ist eine großartige Vorstellung, und wir alle streben danach: Glück. Das ist aber tatsächlich kontra­produktiv, vor allem für Kreative. Wenn man die ganze Zeit Glück empfindet, kommt man nicht weit. Selbstverständlich kenne ich Mühen. Und alle anderen Zustände, die zur menschlichen Existenz dazugehören. Das ist essenziell fürs Leben, und die Summe des Lebens ist das, was man in seine kreative Arbeit steckt. Ich glaube auch gar nicht, dass ein konstanter Zustand von Glück existiert. Das ist kein nachhaltiger Bewusstseinszustand. Ich finde es wichtig, das Leben in seiner Gänze zu akzeptieren und damit zu arbeiten, so gut es geht. Erst gestern ist mir ein Zitat begegnet, ausgerechnet auf dem Insta­gram-Profil eines Freundes … Das Zitat stammt von George Bernard Shaw: „Ein Leben mit Fehlern ist nicht nur ehrbarer, sondern auch nützlicher als ein Leben, in dem nichts verrichtet wurde.“ Anders gesagt: As long as you show up for life, it’s already worth it.

WIRED: Die Unabhängigkeitserklärung der USA hat das Streben nach Glück zum Menschenrecht erklärt.
Lang:  Hat man ein Recht darauf? Ja. Ist es deswegen Realität? Nein. Tatsächlich pusht es einen mehr, wenn man auch härtere Zeiten erlebt.

WIRED: An welchem Punkt in Ihrem Leben befinden Sie sich heute?
Lang: In der Mitte, schätze ich. Und es ändert sich weiter dauernd. Das Leben ist wie das Wetter: Du kannst es nicht wirklich beeinflussen.

Im August war Helmut Langs Kollektion Burry im Kunstmuseum Dallas Contemporary zu sehen.

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