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Die App Antiface berechnet das Gegenteil von Gesichtern

Juliane Liebert 25.02.2015

Adelheid Mers und Robert Woodley arbeiten an der kostenlosen App Antiface, die mithilfe von Algorithmen das genaue Gegenteil von Gesichtern berechnet. Die Ergebnisse liegen irgendwo zwischen schön und verstörend. Wir haben mit den beiden Entwicklern gesprochen, um die Details der Software zu verstehen.

WIRED: Wie genau funktioniert eure App?
Robert Woodley: Der Gesichtserkennungs-Algorithmus, den wir benutzt haben, ist der erste, mit dem je gearbeitet wurde. Er wurde 1996 in Harvard entwickelt. Der Algorithmus zerlegt das Gesicht in 60 Dimensionen, sogenannte Eigenvektoren. Also könnte dein Gesicht zum Beispiel durch 60 bestimmte Vektoren dargestellt werden, von denen jeder einen Wert hätte. Und wenn man bei denen das Vorzeichen ändert, entsteht das Gegenteil deines Gesichtes. Es macht Spaß, damit zu spielen.

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WIRED: Wie muss man sich diese Vektoren vorstellen?
Woodley: Der erste Eigenvektor konzentriert sich auf den Bildabschnitt, in dem die Lippen liegen, der zweite auf die Stirn, der dritte auf die Wangenknochen. Die Werte beziehen sich auf physische Merkmale. Wir haben zum Beispiel eine Person genommen, die keine Wimpern hatte, und ihr Anti-Gesicht hatte Wimpern.
Adelheid Mers: Das war Angela Merkel.

Wir haben die App gemacht, um an Gesichter zu kommen.

WIRED: Habt ihr das Ganze mit berühmten Gesichtern ausprobiert? Gibt es einen Anti-Obama und einen Anti-Kanye West?
Woodley: Auf unserer Webseite sind zwar auch berühmte Leute, aber die meisten Gesichter wurden mit unserer App aufgenommen.
Mers: Wir haben die App gemacht, um an Gesichter zu kommen. Das war ein Geschenk an die Leute: Sie bekommen ihr Anti-Gesicht und wir bekommen eine Datenbank von Gesichtern. Am Anfang haben wir Research-Datenbanken verwendet, aber die Bilder daraus kann man nicht veröffentlichen, weil Copyright drauf ist. Also haben wir Bilder aus dem öffentlichen Raum genommen, wir sind ins Museum gegangen und haben die Skulpturen fotografiert. Wir sammeln und wir freuen uns, wenn Menschen daran Teil haben wollen.

WIRED: Wieso habt ihr nicht mehr als 60 Vektoren verwendet?
Mers: Das war eine ästhetische Entscheidung.
Woodley: Innerhalb der 60 Dimensionen, findest du immer etwas, das wie ein Gesicht aussieht. Wenn du dagegen 300 Dimensionen verwendest, gibt es Ergebnisse, die nicht mehr wie Gesichter aussehen. Wir haben Gesichter zufällig aus dem Raum gezogen, und wir haben ein paar sehr ausdrucksstarke Anti-Gesichter erhalten. Wir haben sie ausgedruckt und aufgehängt, es sind vollständig synthetische Gesichter, sie haben nichts mehr mit realen Menschen zu tun. Sie besitzen trotzdem große Intensität und Emotionalität.

Wir hätten auch Anti-Fahrräder verwenden können, aber alle interessieren sich eben für Gesichter.

WIRED: Was glaubt ihr, wohin sich die Gesichtserkennung in Zukunft entwickeln wird?
Woodley: Ich habe den einfachsten Algorithmus verwendet, den es gibt. Ich bin mir sicher, dass die NSA und Facebook viel bessere Algorithmen haben. Ihre Erfolgsrate liegt bei über 90 Prozent. Es ist eine sehr mächtige Technologie, ihr Potential kann genutzt oder missbraucht werden.
Mers: Es geht nicht um Gesichtserkennung, es geht um Bilderkennung, und die kann für alles verwendet werden. Das ist der Punkt, wo es faszinierend wird. Wir hätten also auch Anti-Fahrräder verwenden können, aber alle interessieren sich eben für Gesichter. Die politische Komponente interessiert mich dabei nicht so sehr wie die ästhetische.

WIRED: Man liest oft, dass Menschen dazu tendieren, in allem Gesichter zu sehen. Dass der Verstand Gesichter erschafft, weswegen wir zum Beispiel auch Gesichter in Wolken sehen.
Woodley: Es gibt einen koreanischen Künstler, der verwendet eine Gesichtserkennungssoftware und richtet sie auf Wolken. Und immer, wenn der Algorithmus dort ein Gesicht erkennt, macht er ein Foto. Er hat eine Galerie von diesen Gesichtern zusammengestellt.

WIRED: Habt ihr je Alpträume, in denen die Anti-Gesichter kommen und euch verfolgen?
Woodley: Einige von ihnen sind ziemlich angsteinflößend, ich weiß nicht warum, vielleicht wegen der Verzerrung.
Mers: Ich finde sie nicht angsteinflößend, manchmal etwas gespenstisch, wie frühe Fotografien. Du hast das Gefühl, sie wirklich anzusehen, ihre Gesichter sind weit offen. Für mich ist das neu und roh und schön, aber nicht beängstigend.

Die Anti-Gesichter gibt es hier zu sehen. Die Antiface-App (iOS) kann man hier herunterladen. 

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