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Ein Luxus-Hochhaus, das mit 23.000 Bäumen den Smog bekämpft

Lina Hansen 11.01.2017

Hier wäre das geflügelte Wort vom Großstadtdschungel wohl mal angebracht: Als Antwort auf den berüchtigten Smog von Taipeh eröffnet dort im September ein Turm, der neben 40 Luxusappartements auch tausende Bäume beheimaten soll. Ein zwiespältiges Projekt zwischen Gentrifizierung und Klimaschutz.

Begrünte Städte, in denen zahllose Pflanzen die Natur zurück in die Betonwüste bringen und das Problem der Luftverschmutzung ein für alle Mal lösen, oder Architekturprojekte, die den Klimawandel stoppen sollen: Eine Idee, die in unterschiedlichsten Formen immer wieder aufkommt. Dieses Jahr wird in Taipeh eines dieser Projekte vollendet: Im September 2017 wird der Tao-Zhu-Yin-Yuan-Turm, auch Agora Gardens genannt, im Herzen der Stadt eröffnet. Der Turm erinnert äußerlich an eine DNA-Doppelhelix. Die verdrehte Form hat zur Folge, dass die Architekten größere Terrassen anlegen und sie unter den darüber liegenden Stockwerken hervorholen können.

„Die Stadt ist wie ein Ökosystem, das Zentrum ist wie ein Wald und der Turm ist wie ein Baum darin“, so beschreiben die Macher von Vincent Callebaut Architectures ihrProjekt. Die 23.000 Bäume auf dem Turm (fast so viele, wie im New Yorker Central Park stehen) sollen 130 Tonnen CO2 pro Jahr aufnehmen.

Der Tao-Zhu-Yin-Yuan – aktuell und in Zukunft

Die Pflanzen auf den Balkonen bieten auch Sichtschutz

Laut Vincent Callebaut, dem verantwortlichen Architekten, der sich selbst „Archibiotect“ nennt, ist der Turm eine direkte Antwort auf vier Ziele der Ökologiepolitik: Verringerung der Erderwärmung, Schutz von Natur und Artenvielfalt, Umweltschutz und Lebensqualität sowie Ressourcenmanagement. Auch innerhalb des Turms sind Pflanzen das vorherrschende Stilelement: Die Wände sind begrünt und die Bewohner der 40 Luxuswohnungen – jeweils zwei pro Stockwerk – haben die Möglichkeit, in ihren eigenen Gärten Blumen, Obst, Gemüse und Kräuter anzupflanzen.

Innenansicht einer der Luxuswohnungen

Subtropische Gärten und der Blick auf die Skyline von Taipeh

Doch so visionär das Projekt in Sachen Umweltschutz auch ist: Die Ankündigung, dass es 40 Luxuswohnungen beinhalten soll, steht in krassem Kontrast zu Taipehs Wohnraumproblem. In Taiwan ist es Usus, erst dann eine Familie zu gründen, wenn man eine eigene Wohnung gefunden hat. Das wird immer schwerer, der Wohnraum ist nicht nur in der Hauptstadt knapp und überteuert. Das hat Auswirkungen auf die Demografie des Landes: Taiwan hat mittlerweile eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Selbst Mietwohnungen sind mittlerweile so schwer zu finden, dass Menschen in Taipeh sogar schon illegale Wohnungen auf Dächern errichten.

Der Turm im Herzen von Taipeh

Andererseits bringt Agora Gardens durch seine vertikale Ausrichtung so viele Bäume unter, wie es in Parks auf dieser Fläche nicht möglich wäre. Vielleicht kann das Projekt irgendwann einmal als Vorbild für Gebäude dienen, in denen sehr viel mehr Menschen Platz finden und damit auch etwas gegen den Wohnraummangel tun. Ein modulares Projekt für sehr viel weniger luxuriösen Wohnraum mit ökologischer Komponente hat bereits ein chinesisches Architekturbüro vorgestellt.

Der belgische Architekt Vincent Callebaut ist auch der Erfinder der schwimmenden Stadt Floating Ecopolis/Lilypad, die Zuflucht für bis zu 50.000 Klimaflüchtlinge bieten, vollkommen ohne CO2-Ausstoß auskommen und nur mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll.

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