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Wie würde die Kindheit eines „Robotic Native“ aussehen?

Michael Förtsch 10.03.2016

Roboter dringen immer mehr in unseren Alltag vor. In wenigen Jahren werden sie wohl immer und überall präsent sein. Wie wird die Kindheit von jenen aussehen, die dann ganz selbstverständlich mit ihnen aufwachsen? Drei Studenten wollen diese Frage mit ihrem Kunstprojekt beantworten.

Weltweit arbeiten Unternehmen und Wissenschaftler daran, Roboter zu einem Teil unseres Lebens zu machen. Schon lange fertigen die mechanischen Gehilfen Bauteile und staubsaugen unsere Wohnungen. Doch bald sollen sie uns auch im Alter pflegen, auf den Straßen für Ordnung sorgen und Bastlern zu Hause zur Hand gehen. Aber nicht in Form von Sci-Fi-Androiden, sondern vielfach als rollende Blechkisten und profane Robo-Arme.

Für jetzige Generationen ist diese Veränderung ein laufender Prozess. Doch in wenigen Jahren werden die ersten Kinder ganz selbstverständlich mit Robotern aufwachsen. Wie das aussehen könnte, zeigt das Kunstprojekt „Raising Robotic Natives“. Darin präsentieren die Studenten Philipp Schmitt, Stephan Bogner und Jonas Voigt von der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd kleine Artefakte und Bilder aus einer möglichen Zukunftswelt.

Der Roboter, den die Studenten für ihre Aufnahmen nutzten, ist ein Industrieroboter vom Typ FANUC-LRMate-200IC/5h.

„Gestartet sind wir mit dem Arbeitstitel ‚Robotik im Alltag‘. Wir haben ein Szenario für die nahe Zukunft aufgestellt und darin verschiedene Konzepte entwickelt“, sagt Philipp Schmitt, der schon für seiner Camera Restricta bekannt ist. „Wir fanden besonders die Anwendungsfälle interessant, in denen der Roboter Dinge tut, die wir heute als seltsam erachten.“

Denn den Studenten fiel eine starke Parallele zu einem aktuellen Generationskonflikt auf: Was junge Erwachsene und Teenager – die sogenannten Digital Natives – heute ganz selbstverständlich mit dem Smartphone und Social-Networks tun, das stößt bei Älteren oft auf Unverständnis. „Heute ist das Smartphone am Familien-Esstisch die Norm“, sagt Schmitt. „In meiner Kindheit war das noch undenkbar.“

Das Drachenkostüm haben die Studenten selbst geschneidert – mit der Hilfe einer „schwäbischen Oma“, wie sie sagen.

Die Bilder und die Objekte von „Raising Robotic Natives“ repräsentieren die Fragen danach, was es bedeuten würde, wenn „wir heute einfach zu alt, zu vorgeprägt sind für die Robotik der Zukunft“. Denn Kinder, die ab 2020 oder 2025 geboren werden, könnten ohne Vorurteile gegenüber Robotern aufwachsen – und diese ganz natürlich als Helfer, Spielpartner oder Freund ansehen. Etwa wenn sie, wie ein Bild zeigt, von diesen bereits im Babyalter gefüttert werden.

„Das Bild ist bewusst provokant inszeniert“, sagt Schmitt. „Füttern ist zwischenmenschlich wichtig für Mutter und Kind. Nun könnte es, rein technisch gesehen, auch ein Roboter erledigen.“ Dazu könnte dieser sich etwa zum flauschigen Spieldrachen transformieren. „Entsteigt er dadurch seiner Rolle als Maschine und wird sozial?“, fragen die Studenten.

Das „My First Robot“-Lehrbüchlein und der rote Notaus-Schalter in der Steckdose sollen hingegen Bewusstsein schaffen – für die Verantwortung und Gefahr, die mit den Robotern Einzug halten könnte. „In der Werkstatt ist der Notaus-Schalter traditionell die wichtigste Sicherung für den Notfall“, erklärt Schmitt. „Ähnlich wie bei ‚Feuer, Schere, Licht‘ müsste man die Kinder dann auch zur Vorsicht gegenüber Robotern anhalten und für Sicherheitsmaßnahmen sensibilisieren.“

Das Büchlein „My First Robot“ soll Kindern verdeutlichen, wo Roboter herkommen und welche sie Gefahren bergen. Dabei bezieht es sich vor allem auf die Roboter-Regeln von Isaac Asimov.

Ein Semester lang haben die Studenten an ihrem Projekt gearbeitet. Dieses hat neben den Bildern auch eine Bauanleitung für den Babyflaschenhalter, das Drachenkostüm und ein Kinderbuch und eine umfangreiche Projektdokumentation hervorbracht. Letztere beinhaltet zahlreiche fiktive Szenarien und Kurzgeschichten, umfasst aber auch Interviews und Thesen zum Thema.

Der Notaus-Schalter, der auf Druck alle Sicherungen durchbrennen lassen würde, schaffte es nicht als Bauanleitung ins Netz. „Zu gefährlich“, fanden die Studenten.

Wie Schmitt, Bogner und Voigt erklären, wollen sie mit „Raising Robotic Natives“ keine Angst oder Sorge schüren. Sie wollen vielmehr zu Diskussionen über Roboter, deren Möglichkeiten und Implikationen für unsere Gesellschaft anregen. „Unsere Objekte kann man teilweise als Warnung verstehen, sie sollen aber auch zur Inspiration dienen“, sagt Philipp Schmitt. „Wir glauben, dass es die Bastler, Hacker, Zweckentfremder sein werden, die als erste die Roboter-Entwicklung zu Hause vorantreiben werden.“

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