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#FASHIONTECH / So sieht die Zukunft von Mode und Technologie aus

Sonja Peteranderl 21.01.2015

Bei der #FASHIONTECH-Konferenz in Berlin haben Designer, Tech-Experten und Kreative ihre Vision für die Mode der Zukunft entworfen. WIRED Germany stellt zehn Trends vor, die die Kleidung von Morgen prägen werden.

#1 Mode ist in Zukunft nicht mehr einfach nur schön, sondern ein Hightech-Tool für unseren Alltag
Wearables wie Fitness-Armbänder oder Datenbrillen sind nur der Anfang einer Entwicklung, die die Modeindustrie durcheinanderwirbeln wird. LED-Westen und Abendkleider werden sich bald in Screens für Twitter-Nachrichten verwandeln und Ringe verpasste Anrufe anzeigen. Designer experimentieren aber auch mit Kleidung, die die Luft filtert oder Farbe, Oberfläche oder Temperatur in Interaktion mit der Umwelt verändert.

#2 Software-Lösungen für Wearables sind das nächste große Ding
Wie verarbeitet man die von Fitness-Trackern erfassten Daten mit Software zu Informationen, die dem Nutzer tatsächlich einen Mehrwert bieten? „Am Ende kannst du 1000 tolle Sensoren an deine Kleidung heften, aber ohne ein Software-Ökosystem kann man nichts damit anfangen“, kritisiert Thomas Andrae vom Technologiekonzern 3M. „Ein Sensor ist ein Allerweltsprodukt — die Software ist das, was den Unterschied macht.“ So könnte ein Wearable in Zukunft etwa nicht nur Atemfrequenz und Ausdauer messen, sondern auch auswerten, welche Diät für den individuellen Nutzer sinnvoll wäre. Investoren sind gerade auf der Suche nach den Tech-Experten, die die Software-Lösung entwickeln, die zukünftig den Markt dominieren wird. Wer die Innovation vorantreibt? „Das Silicon Valley, dann ganz lange gar nichts, dann Boston, dann Tel Aviv“, sagt Andrae. Und Berlin könne vielleicht in ein paar Jahren zum nächsten Silicon Valley werden — weil die deutsche Hauptstadt soviel Raum und Talent versammele.

Eindrücke von der Konferenz:

#3 Technologie wird unsichtbar
Keine Riesenbatterien, kein Kabelsalat mehr: Die Technologie muss subtiler, die Wearables schöner werden, um im Mainstream anzukommen. Der Designforscher Fabian Hemmert vom Design Research Lab hofft, dass die Technologie ganz in den Hintergrund rückt — „wie ein Butler, aber ohne uns zu überwachen.“ In Zukunft könnte subtile, tragbare Technologie, die mit der Kleidung verschmilzt, sogar Smartphones überflüssig machen. Der smarte Ohrstecker The Dash des Münchner Startups Bragi kommt zum Beispiel ganz ohne Smartphone als Steuerungselement aus — und ist Fitnesstracker und MP3-Player in einem. Manche Modemacher experimentieren auch mit leitendem Garn, damit die Elektronik direkt ins Textil eingewoben werden kann.

#4 Modeindustrie und Tech-Branche werden zu Konkurrenten — und bilden neue Allianzen 
Mit Wearable Tech sind Modebranche und Technologieunternehmen plötzlich im selben Markt aktiv. „Zukünftig werden immer mehr Technologiefirmen Modelabels und Händler kaufen oder mit ihnen konkurrieren“, glaubt PREMIUM-Chefin Anita Tillmann. Nicht umsonst würden gerade mehrere Tech-Unternehmen Verkaufsplätze auf der Fifth Avenue in New York mieten, die bisher eigentlich vor allem für Mode bekannt ist. Viele Innovationen an der Schnittstelle von Mode und Technologie entstehen allerdings in Nischen wie Fab Labs, bei Hacker-Kollektiven oder in den Ateliers unabhängiger Künstler, Designer und Tech-Experten. Sie zu entdecken und Innovationen aufzugreifen, ist eine Herausforderung für die etablierte Industrie.

#5 Tech-Experten und Designer müssen in Zukunft eine gemeinsame Sprache finden
Die Ressourcen sind vorhanden, das Knowhow für Wearables auch. Doch Maker- und Modeszene tüfteln bisher noch zu oft mit unterschiedlichen Zielen. „Die Technik-Nerds kümmern sich nicht so sehr darum, ob sie marktfähige Produkte entwickeln“, sagt die Wearables-Expertin Lisa Lang. Auch Google Glass sei von Tech-Nerds entwickelt worden: „Ein Brillendesigner hätte einen völlig anderen Ansatz gewählt“, sagt Lang. Modedesignern wiederum fehle oft das technische Verständnis. Hier sind neue Vermittler und Plattformen wie die #FASHIONTECH-Konferenz wichtig, die beide Welten zusammenbringen.

#6 Das Textil der Zukunft entsteht im Labor — manchmal lebt es sogar
Tragbare Bakterien, Schmuck aus Zellen: Biotechnologie inspiriert Designer wie Amy Congdon bei ihrer Suche nach innovativen Materialien. Zusammen mit Wissenschaftlern züchtete sie zum Beispiel Hautzellen, um sie als Fashion-Elemente einzusetzen. Essi Johanna Glomb und Rasa Weber vom Berliner Designstudio Blond & Bieber tragen hingegen mit Algen Farbakzente auf Kleidung auf — sie verändern ihre Farbe mit der Zeit.

#7 Die Digitalisierung macht das Design unabhängig vom Herstellungsort
Designer können heute an jedem Ort der Welt entwerfen — und digital zusammen mit Kollegen an Projekten arbeiten. Mit Augmented Reality-Projektionen baut sich der Entwurf dann als 3D-Modell in Echtzeit vor ihnen auf, egal ob sie in Berlin arbeiten oder in Tokio. Wenn sie Farben oder Details variieren, verschiedene Möglichkeiten durchspielen, fallen so keine Mehrkosten mehr an.

#8 Durch 3D-Drucker kann jeder zu seinem eigenen Label werden
3D-Drucker vereinfachen den Design- und Herstellungsprozess und senken die Kosten: „Du kannst eine Idee haben, und eine Woche später hast du das fertige Produkt“, sagt Julian Leitloff, CEO der Designplattform Stilnest, die Schmuck aus dem 3D-Drucker vertreibt. Und die Designerin Phoebe Heess glaubt: „Bald wird man seine Kleidung, analog zum Copyshop, an jeder Ecke ausdrucken können — und irgendwann auch zu Hause.“

#9 Startups und unabhängige Designer stellen die Vorherrschaft der etablierten Unternehmen in Frage
Die großen Schauen bestimmen in Zukunft nicht mehr allein, wie neue Modetrends gesetzt werden. In sozialen Netzwerken wie Instagram können junge Modemacher sich selbst präsentieren, mit 3D-Druck werden sie unabhängiger vom klassischen Vertrieb.

#10 Die Crowd wird Teil des Erfolgs
Crowdfunding kann Startups helfen, ihre Projekte zu realisieren — nicht nur finanziell. „Das Ziel ist, dass du das Projekt am Ende besser machst — es geht nicht notwendigerweise nur um Geld“, sagt Anita Heiberg, Gründerin der Plattform 13Dresses.com. Auch das Wearable-Startup Bragi hat eine Kickstarter-Kampagne gestartet, weil es wissen wollte, ob der Markt reif für seine smarten Minicomputer fürs Ohr ist — mit Erfolg.

WIRED war Medienpartner der #FASHIONTECH 2015. Zur Konferenz haben wir ein Interview mit Designforscher Fabian Hemmert geführt, der gerade ein lebendiges Handy entwickelt hat. PREMIUM-Chefin Anita Tillmann erklärt, wo sie die Schnittstelle zwischen Mode und Technologie sieht. Stilnest-CEO Julian Leitloff verrät, wie sein Startup mit 3D-Druckern das Schmuckdesign hacken will. Und Modemacherin Phoebe Hess behauptet: „Farben sind etwas für Leute, die nicht designen können.“ 

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