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„Mehr Mitgefühl durch Virtual Reality“: Diese Filmemacher versetzen euch in den syrischen Bürgerkrieg

Oliver Klatt 28.09.2015

Es könnte sein, dass nicht nur actiongeladene Videospiele der Virtuellen Realität zum Durchbruch verhelfen, sondern auch ruhigere Dokumentarfilme mit ernstem Anliegen. 360-Grad-Videos in stereoskopischem 3D, eingefangen von bis zu 16 Kameras geichzeitig, werden den Zuschauer an entlegene Orte und zu fremden Menschen transportieren — Orte und Menschen, die einem auf einmal ganz nahe sind. Wir haben mit zwei Pionieren des Genres gesprochen.

Anfang des Jahres machte ein Video der Firma Immersiv.ly von den Demokratieprotesten in Hongkong die Runde. Der Virtual-Reality-Film ließ einen als Zuschauer die Anspannung und die Aufbruchstimmung auf den besetzen Straßen der Handelsmetropole im Herbst 2014 spüren. Auch der US-Sender ABC berichtet seit Neuestem in 360 Grad aus Krisenregionen. In Zusammenarbeit mit den Spezialisten von Jaunt VR entstand eine Reportage über die vom Bürgerkrieg bedrohte syrische Hauptstadt Damaskus.

Der Kurzfilm „Clouds over Sidra“ berichtet über ein jordanisches Flüchtlingslager.

Pioniere auf dem Gebiet der VR-Dokumentation sind die Filmemacher Gabo Arora und Chris Milk. Arora ist Senior Advisor bei den Vereinten Nationen und war schon für mehrere erfolgreiche Öffentlichkeitskampagnen der UN verantwortlich. Milk wiederum drehte Musikvideos für Kanye West, Arcade Fire und U2, bevor er sich mit dem Startup Vrse.works der Virtual Reality zuwandte. Mit ihren für die UN produzierten Kurzfilmen „Clouds over Sidra“ über das jordanische Flüchtlingslager Zaatari und „Waves of Grace“ aus dem von Ebola gezeichneten Liberia haben die beiden gezeigt, wie wirkungsvoll VR-Dokumentationen sein können. WIRED Germany hat die beiden zum Gespräch getroffen.

WIRED: Bevor Sie stereoskopische 360-Grad-Videos produziert haben, waren Sie als Filmemacher in herkömmlichen Formaten wie Musikclip und Viral Video erfolgreich. Wie sind Sie auf Virtual Reality aufmerksam geworden?
Gabo Arora: Seit ich für die UN arbeite, besteht meine Aufgabe darin, normale Menschen dazu zu bringen, an den Problemen Anteil zu nehmen, mit denen wir uns beschäftigen. Gewöhnlich bedeutet das: Artikel schreiben und Prominente anrufen, um sie zu motivieren, sich für gewisse Belange einzusetzen. Dieser traditionelle Ansatz zeigt jedoch immer weniger Wirkung. Ich habe mich daher in den vergangenen Jahren verstärkt neueren Medien zugewandt. Die Zusammenarbeit mit dem Blog „Humans of New York“, der mit der UN auf Welttour gegangen ist, und auch die Online-Kampagne „Keep the Oil in the Ground“ waren beide ein großer Erfolg. Also dachte ich mir: Warum sollten wie es nicht auch mit Virtual Reality probieren?
Chris Milk: Ich habe mit Beck für sein Projekt „Sound and Vision“ zusammengearbeitet. Eine Neuerfindung des klassisches Live-Konzerts, bei der das Publikum und die Musiker in Kreisen angeordnet waren, während Beck selbst in der Mitte stand. Das haben wir mit Virtual-Reality-Kameras eingefangen und daraus den ersten Live-Action-VR-Film gestrickt. Die Menschen bei Oculus und andere Technikgenies hatten ja diese interessante Art erfunden, 360-Grad-Videos in Virtual Reality umzusetzen. Was dem ganzen aber noch fehlte, war eine kreative Ausrichtung — jemand, der Technologie, Kunst und das Erzählen von Geschichten zusammenbringt. Genau das versuchen wir mit Vrse.works zu erreichen.

Wolken über dem Flüchtlingslager Zaatari

Arora: Anfangs bin ich noch etwas zynisch an die Sache rangegangen. Ich wollte mit allen Mitteln auf das Leid der syrischen Flüchtlinge aufmerksam machen und dachte nur daran, dass diese neue Technologie bestimmt viele Schlagzeilen generieren würde: „UN benutzt Virutal Reality, um den Herrschenden das wahre Leben zu zeigen.“ Aber dann habe ich Chris auf einer Party getroffen und er hat mir sein Beck-VR-Video vorgestellt. Das hat mich komplett umgehauen! Ich habe das Headset abgesetzt und gesagt: „Das ist die Zukunft!“. Seit diesem Zeitpunkt nehme ich das Thema Virtual Reality sehr ernst.
Milk: Das war wirklich ein glücklicher Zufall, dass wir uns bei der Party über den Weg gelaufen sind. Denn wir beide hatten das selbe Anliegen: Wir wollten das menschliche Einfühlungsvermögen im Medium Virtual Reality erforschen. Gabo war durch seine Arbeit für die UN über die dringendsten Probleme im Bilde und hatte Zugang zu Krisengebieten. Und wir bei Vrse.works wollten unbedingt packende Geschichten über die Welt erzählen.

Es gibt nichts, was zwischen dem Zuschauer und der Story steht. Keine vierte Wand, keinen Filter.

Chris Milk

WIRED: Worin unterscheiden sich VR-Filme wie „Clouds over Sidra“ und „Waves of Grace“ in ihrer Wirkung von herkömmlichen Dokumentationen?
Milk: Traditionelle Doku-Formate waren bisher ein sehr starkes Mittel, um Menschen zu erreichen. Sie sind es immer noch. Aber wir haben etwas entdeckt, das tiefer geht. Wenn jemand ein Headset aufsetzt und in der Virtual Reality eine Geschichte erlebt, bleibt diese Geschichte viel länger bei ihm — auch dann noch, wenn er das Headset längst wieder abgesetzt hat.

WIRED: Woran liegt das?
Milk: Es gibt nichts, was zwischen dem Zuschauer und der Story steht. Keine vierte Wand, kein Bildschirmformat, keinen Filter. Eine Geschichte über ein zwölfjähriges Flüchtlingsmädchen aus Syrien, im traditionellen Kino erzählt, wäre eine Geschichte über ein Mädchen dort drüben. Aber dank Virtual Reality wird daraus eine Geschichte über ein Mädchen genau hier. Du stehst direkt neben ihr. Ihr beide befindet euch im selben Raum.
Arora: Man kann Menschen damit an Orte transportieren, an die sie sonst niemals kämen. Und das ist eine ganz und gar überwältigende Erfahrung.

WIRED: Filme für ein neues Medium zu produzieren, bringt aber sicherlich auch eine Reihe von Herausforderungen mit sich. Inwiefern muss man als Filmemacher da umdenken?
Milk: Man muss sein Gehirn trainieren, in 360 Grad zu denken. Die stilistischen Entscheidungen, die man trifft, wenn man für einen herkömmlichen Film einen einzelnen Bildausschnitt auswählt, unterscheiden sich grundlegend vom Arbeiten mit dieser Kugel, in der man sich um die eigene Achse drehen kann. Um die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt eines bestimmten Moments zu lenken, ist deshalb ein viel subtilerer Ansatz gefragt.
Arora: Auch sieht man während der Aufnahmen nicht, was man da vor Ort mit der Kamera einfängt. Denn eigentlich sind es ja sogar acht Kameras. Man entwickelt zwar eine gewisse Intuition dafür, aber Sicherheit hatte ich immer erst am Abend, wenn ich mir mit meinem Kameramann das Rohmaterial am Rechner ansehen konnte. Auch blieb uns nie viel Zeit für die Dreharbeiten. Die Aufnahmen für „Clouds over Sidra“ sind in zwei Tagen entstanden. Für „Waves of Grace“ hatten wir fünf Tage.

Die Wüste im Rundumblick

WIRED: Gibt es auch Dinge, die in VR-Videos nicht funktionieren?
Milk: Das traditionelle Kino greift gern auf eine wackelige Handkamera zurück. Macht man das in VR, kann einigen Menschen davon übel werden. Aber da findet sich schon noch eine Lösung. Bei Virtual Reality dreht sich ja derzeit alles um das Erforschen. Und es würde mich sehr wundern, wenn es eine Technik des herkömmlichen Kinos gibt, die sich in VR nicht neu erfinden lässt.
Arora: Ein Nachteil von Virtual Reality ist, dass man damit nicht dieselbe Menge an Informationen vermitteln kann wie mit herkömmlichen Dokumentarfilmen. Die VR-Erfahrung allein ist für den Zuschauer schon ergreifend genug. Da kann man ihn nicht auch noch mit Statistiken oder einem komplexen Off-Kommentar konfrontieren. Das würde ihn überfordern. Man muss VR-Filme daher recht einfach halten. Sie sind weniger gut darin, Fakten und komplexe Sachverhalte zu kommunizieren und funktionieren eher auf einer poetischen, künstlerischen Ebene. Darin unterscheiden sich „Clouds over Sidra“ und „Waves of Grace“ auch stark von anderen UN-Dokumentationen. In denen wird immer sehr viel geredet.

Für „Waves of Grace” drehten die Filmemacher im von Ebola gezeichneten Liberia.

WIRED: Worin sehen Sie als Filmemacher das größte Potential von Virtual Reality?
Milk: Im Kern ist Virtual Reality jene menschliche Erfindung, die einem Teleporter am ähnlichsten ist. Wir können sie dazu benutzen, Menschen und Ideen zusammenzubringen, die früher durch geografische Entfernung, Ideologie und Politik getrennt waren — Menschen von den gegenüberliegenden Seiten des Erdballs und den entgegengesetzten Positionen einer Debatte. Außerdem ist dieses Medium dazu in der Lage, Politiker mitten hinein zu versetzen in jene Probleme, über die sie Entscheidungen fällen.

Man lernt, die Gefühle und Gedanken der Betroffenen zu verstehen, indem man einfach nur bei ihnen ist.

Gabo Arora

Arora: Mich fasziniert an Virtual Reality vor allem die Notwendigkeit zur Beschränkung. Ich bin sehr von Filmemachern wie Abbas Kiarostami, Éric Rohmer und Terrence Malick beeinflusst. Die schaffen es in ihren Filmen, durch ganz gewöhnliche Situationen und alltägliche Gespräche im Zuschauer tief empfundene Gefühle hervorzurufen. Im Medium Virtual Reality muss ich genauso arbeiten. Denn wenn man darin zu dick aufträgt, erlebt das der Zuschauer schnell als Angriff auf die Sinne und will bloß noch weg. Ich denke, unsere VR-Filme zeigen, dass man über Themen wie Ebola oder die Flüchtlingskrise nicht in hysterischer, paranoider Weise berichten muss, um ihnen gerecht zu werden. Stattdessen lernt man, die Gefühle und Gedanken betroffener Menschen zu verstehen, indem man einfach nur bei ihnen ist. Das ist es, was diese Technologie ermöglicht: Sie weckt Mitgefühl, ohne sensationslüstern zu sein.

Die VR-Filme „Clouds over Sidra“ und „Waves of Grace“ können mir der Vrse.works-App für Android und iOS angesehen werden. Als reine 360-Grad-Filme ohne stereoskopischen Effekt laufen sie aber auch in den meisten Browsern. 

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