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Der erste vollständig in der VR gezeichnete Animationsfilm

Oliver Franklin-Wallis 24.01.2017

Oculus hat mit dem Animationsfilm „Dear Angelica“ ein handgezeichnetes Wunder geschaffen – gänzlich in der Virtual Reality. WIRED UK hat mit dem Kreativchef des Oculus Story Studios gesprochen, der sagt: Auch Hollywood kommt künftig nicht mehr um VR herum.

Das Story Studio von Oculus hat mit seinem 12-Minuten-Film Dear Angelica ein visuelles Fest erschaffen: Erstmals kann man hier handillustrierte Zeichnungen sehen, die in der Virtual Reality selbst entstanden sind. Dafür wurden die Oculus Touch Controller und die App Quill benutzt.

Das Ergebnis ist spektakulär: Pinselstriche werden zu Farb- und Lichtexplosionen, die die anrührende Geschichte einer Tochter (Mae Whitman) erzählen, die um ihre Mutter (Geena Davis) trauert. Wie die vorherigen Filme des Story Studios, Henry und Lost, ist Dear Angelica ein fertiges Produkt und ein Experiment zugleich. Quill etwa – derzeit in der Beta-Version verfügbar – wurde während des Schaffensprozesses für den Film zwar schon genutzt, hatte aber weder einen Namen noch einen Vertriebskanal. „Es gab Quill noch nicht, als wir mit der Geschichte begannen“, sagt Saschka Unseld, Kreativdirektor von Oculus Story Studio. „Erst als wir fast fertig waren, wurde uns klar, dass wir es als Produkt herausbringen sollten.“

Zusammen mit den Apps Tiltbrush und Gravity Sketch ist Quill eines der jüngsten Kreativwerkzeuge, die VR für ihre Designs einsetzen. Nun also auch Zeichentrick. WIRED hat mit Unseld über Dear Angelica gesprochen.

WIRED: Wie sehr ist das Story Studio ein Labor, wie sehr ein produktorientierter Inhaltelieferant?
Saschka Unseld: Wir sehen uns eher als Labor, nennen uns aber nicht so, weil es uns auch sehr wichtig ist, immer mal etwas zu veröffentlichen. Jedes Projekt beginnt mit einer Experimentierphase. Und wenn wir dann etwas Faszinierendes entdecken, machen wir etwas daraus. Dear Angelica ist ein gutes Beispiel dafür.

WIRED: Erzählen Sie uns von der Idee, einen illustrierten VR-Film zu schaffen, und davon, wie Quill entstand
Unseld: Bei der ersten Oculus-Connect-Konferenz hatte ich den Gedanken: Wie würde es wohl aussehen, wenn man Illustrationen in die VR bringt? Wie würde es sich anfühlen, in eine Illustration hineingehen zu können? Das führte dann zu Dear Angelica, einem Film, der viel mit Storytelling an sich zu tun hat – mit den Geschichten, die uns unsere Eltern erzählen und unseren eigenen. Quill haben wir im Grunde dann nur entwickelt, um der Illustratorin Wesley Allsbrook die Möglichkeit zu geben, direkt in der VR zu zeichnen. Die Touch Controller haben uns da einen guten Schritt weitergebracht, weil das Virtual-Experience-Erlebnis bisher an ein Headset gebunden war. Nun aber kann man in der virtuellen Realität agieren und sieht sofort, was daraus entsteht. VR ist für uns ein riesiges Expermentierfeld. Wir probieren meistens 100 Sachen aus und finden darunter ein, zwei, die wirklich, wirklich stark sind.

WIRED: Ist jedes Einzelbild mit der Hand gezeichnet?
Unseld: Jeden Pinselstrich, den man sieht, hat Wesley mit den Touch Controllern gezogen, in der VR. Quill nimmt die Reihenfolge der Pinselstriche, die Geschwindigkeit, den Druck und alle anderen notwendigen Details auf und setzt das dann entsprechend um. Mithilfe von Houdini und Unreal haben wir das dann auch noch mit dem Musikfluss und den Geräuschen des Films abgestimmt. Die Beta-Version von Quill hat die Eigenschaft, unbelebte Zeichnungen zu zeichnen. Der nächste Schritt ist dann eine Version, die alle oben genannten Animationen mit ermöglicht. Wir arbeiten mit zahlreichen Comic-Illustratoren zusammen, die zunächst mal für sich passende Geschichten entwickeln sollen. Dazu braucht es kein ganzes Produktionsteam.

WIRED: Ist Ihr Ziel, Quill als etwas anzubieten, das jedem ermöglicht, komplette Geschichten zu gestalten?
Unseld: Genau, wir möchten, dass jeder, der als Illustrator, Maler oder Designer mit Quill arbeitet, das ohne zusätzliche Software tun kann. Die andere Einsatzmöglichkeit für Quill ist als Produktionswerkzeug: Wir haben während der Arbeit an Dear Angelica Quill zum Beispiel dafür genutzt, einen Raum zu entwerfen, in dem man den Film besonders gut erleben kann.

WIRED: Anders als bei Henry gibt es bei Dear Angelica keine Interaktion außer der Handbewegung des Zuschauers. Warum?
Unseld: Wir sehen das als Experiment das letztlich hin zu animierten VR-Erzählungen führen soll. Die Touch Controller öffnen quasi eine Tür zu Filmen, die Berührung nutzen.

WIRED: In Dear Angelica geben Geena Davis und Mae Whitman den Figuren ihre Stimme. Ist das ein Zeichen dafür, dass renommierte Sprecher, Schauspieler und Regisseure ein Interesse an VR entwickeln?
Unseld: Auf jeden Fall. Es ist dieses Jahr etwa besonders interessant, beim Sundance Filmfestival dabei zu sein, weil das vergangene Jahr gezeigt hat, wie sehr Hollywood VR zu schätzen lernt. Das wird immer mehr.

WIRED: Verwischen die bisher sehr streng gezogenen Grenzen zwischen VR und Hollywood-Produktionen? Man kann das ja zum Beispiel beim ILMxLab sehen, die für Rogue One und auch die nächsten Star-Wars-Filme VR ganz selbstverständlich in die Produktion integriert haben.
Unseld: Definitiv. Virtual Reality ist in der Filmproduktion und deren Vorphase, in der man sich alles schon mal vorstellen möchte, besonders hilfreich. Ich kenne Rob Bredow vom xLab sehr gut, und er sagte, das alles sei eine faszinierende Entwicklung. Begonnen hat sie mit James Camerons Avatar. VR-Kameras und virtuelle Sets spielten damals schon eine große Rolle. Allerdings war alles noch etwas mühsam. Heute geht es durch das direkte In-der-VR-Agieren alles deutlich besser. Filmproduktion erreicht durch VR einen ganz neuen Level.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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