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SXSW / Dieser Schal schirmt euch von Überwachungskameras ab

Thorsten Schröder 16.03.2015 Lesezeit 5 Min

Das SXSW-Festival in Austin, Texas ist eines der wichtigsten Treffen für digitale kreative Köpfe der Welt. In mehr als 1000 Vorträgen sprechen Referenten über Themen wie Marketing, Web-Entwicklung, Social Media und Interface-Design. Die türkischstämmige Künstlerin Ceren Paydas ist eine von ihnen, sie warnt vor der Macht der Algorithmen und liefert Ideen, wie wir uns wehren können. Zum Beispiel mit Strickwaren.

Ceren Paydas fühlte sich schuldig. Die Fotografin aus Istanbul hatte bei ihrer Arbeit zunehmend das Gefühl, ihre Models aus einer stärkeren Position heraus zu überwachen: Sie war in sicherer Entfernung hinter der Kamera, die Models bewegten sich davor und waren ihrer Willkür ausgeliefert. Das ungleiche Kräfteverhältnis machte ihr zu schaffen. Also wechselte sie die Fronten und begann, sich mehr und mehr mit der ständigen Überwachung unseres Lebens zu beschäftigen.

Die 18 Infrarot-LEDs am Schal sind für Menschen nicht sichtbar — für Kameras dafür umso mehr.

Auf dem SXSW in Austin will sie nun zeigen, wie wir uns gegen die Macht der Algorithmen im Netz und die Überwachung durch Geheimdienste wehren können. „World War A: Humans vs. Algorithms“ heißt ihr Vortrag. Und mit ihren Ideen will Paydas diesen Kampf gewinnen. Eine davon: Der QT Scarf, ein Schal, der mit 18 Infrarot-LEDs ausgestattet ist, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind — für Überwachungskameras dafür aber umso mehr.

 

In einem Video zeigt Paydas, die derzeit am Dynamic Media Institute at Massachusetts College of Art and Design in Boston arbeitet, den Feldversuch auf dem Campus. Weil sich dort zahlreiche medizinische Institute befänden, sei die Masse an Kameras „völlig irre“, sagt die gebürtige Türkin. Doch dank ihres Schals bleibt das Gesicht des Trägers für die Kameras unsichtbar: Zu sehen ist nur ein menschlicher Torso, ein leuchtender Kranz verdeckt den Kopf wie bei einem überbelichteten Foto. Für den Massenmarkt ist ihr Schal derzeit nicht gedacht, dafür seien die Produktionskosten schlicht zu hoch, sagt Paydas. Das Ganze sei deshalb vor allem ein Statement gegen die ständige Überwachung und dafür, dass wir ihr nicht unbedingt wehrlos ausgeliefert sind.

 

Im Vergleich zum SXSW 2014, als alle über die Keynote von Edward Snowden redeten und das Festival einen ernsteren Ton anschlug, scheint in diesem Jahr der Spaß wieder im Vordergrund zu stehen. Nur wenige Veranstaltungen beschäftigen sich in diesen Tagen mit Überwachung und Privatsphäre — in Austin geht es um neue Ideen, Networking und die Parties am Abend.

Nach der Snowden-Keynote im letzten Jahr scheint diesmal wieder der Spaß im Vordergrund zu stehen.

Doch für jene, die Überwachungssorgen als Hysterie von Menschen abtun, die entweder kriminell oder paranoid sind, hat Paydas wenig Verständnis. „Habt ihr denn keine Vorhänge zu Hause, und habt ihr wirklich kein Problem damit, mir eure Kreditkartenabrechnung des letzten Jahres zu zeigen?“, fragt sie. Der „gläserne Verbraucher“ macht Paydas Sorgen. Algorithmen würden unsere Online-Bewegungen aufzeichnen, verfälschten dabei aber nicht selten das Profil, sagt sie. Nur weil jemand zum Beispiel Bücher über Crystal Meth bestelle, heiße das noch lange nicht, dass er es selbst herstellen wolle. „Vielleicht schreibt er auch nur an einer Doktorarbeit.“

 

Vorfälle wie der von Uber, als der Taxi-Dienst gezielt kritische Journalisten überwachen ließ, oder der der schwangeren Teenagerin, die von Target mit Werbung für Babykleidung geoutet wurde, würden zeigen, wie schnell sich die Daten, die wir produzieren und ununterbrochen bereitwillig herausgeben, gegen uns wenden können. Gleichzeitig mache aber die zunehmende Beliebtheit von Verschlüsselungsprogrammen wie TOR oder sozialen Netzwerken wie Ello, die die Tatsache, den Nutzer nicht zum Produkt zu erklären, zum Alleinstellungsmerkmal macht deutlich, dass es ein Bedürfnis nach mehr Kontrolle gebe.

Paydas selbst will die sprichwörtlichen Vorhänge so fest zuziehen wie eben möglich. Dafür hat die Künstlerin den „Algorithm Survival Guide“ erstellt, eine Art Anti-Überwachungs-Lexikon, mit dem die Künstlerin unter anderem ihre E-Mails für die NSA uninteressant machen will. Schreibt sie zum Beispiel das Wort „Agriculture“, ersetzt die zugehörige Browser-Erweiterung es durch „Farming“. Der eine Begriff weckt die Aufmerksamkeit der Geheimdienste, der andere fliegt unterhalb des Radars. Das dritte Produkt, für das Paydas sogar einen Apple-würdigen Werbefilm im Gepäck hat, ist dagegen weniger massentauglich. Der “Luminous” filtert die Daten für Videogespräche und spuckt auf der anderen Seite eine grobgepixelte Version des Gesichts aus. Die meisten Leute, gibt Paydas zu, seien aber offenbar noch nicht bereit, ihre hochauflösenden Facetime-Identitäten aufzugeben.

Wie schwer die Abschirmung ist, zeigt der Selbstversuch von Janet Vertesi. Die Amerikanerin versuchte, die Tatsache ihrer Schwangerschaft aus dem Internet fernzuhalten und vor den Großkonzernen zu verstecken. Kaufte sie Babyzubehör, zahlte sie mit Bitcoin, bei Amazon legte sie ein neues Nutzerkonto an, in Läden zahlte sie mit Prepaid-Kreditkarten, um keine Spuren zu hinterlassen, durchs Netz surfte sie mit TOR. Irgendwann wurde es den Unternehmen zu bunt: Die Drogeriekette RiteAid informierte Vertesi, dass sie die Zahl der zulässigen Prepaid-Karten leider überschritten habe. Denn ohne unsere Daten seien wir für die Konzerne wertlos, meint Paydas.

Am Ende bleibt deshalb auch bei der Künstlerin vor allem Ernüchterung. Selbst, wenn es ihr Schal eines Tages in den Massenmarkt schaffen sollte, die Lösung des Problems sei das nicht, sagt die Aktivistin. „Dann werden sie halt einen Filter entwickeln, mit dem sie uns trotzdem erkennen.“