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Der perfekte Bürostuhl für notorische Beinwackler

WIRED Editorial 02.03.2016 Lesezeit 2 Min

Ok, ich gebe es zu: Ich wackele. Sobald ich irgendwo sitze, fange ich an. Manchmal drehe ich einen Stift zwischen den Fingern (mein Englischlehrer bot mir damals Geld, damit ich aufhöre). Hin und wieder nicke ich mit dem Kopf zu schneller Krachmusik, meistens aber wippe ich einfach nur schnell mit dem Fuß auf und ab. Zu viel Kaffee, vielleicht latente Nervosität oder Energieüberfluss. Egal: Verständnis gibt es selten — die Kollegen im Büro sind schnell genervt. Das könnte sich bald ändern, ich habe ein neues HighTech-Ass im Ärmel.

Um es mit einer klassischen Feature-Brücke zu sagen, wie mir geht es vielen. Das Restless-Leg-Syndrom ist weit verbreitet. Über die Ursachen scheint wenig bekannt, genetische Veranlagung könnte eine Rolle spielen oder Eisenmangel. Aber wo viele genervt von ihren wackelnden Mitmenschen sind, sehen andere Potential. „Dabei verbrennst du wenigstens einen Haufen Kalorien, deshalb bist du auch so dünn“, sagte mir einmal ein Freund. Die Künstlerin Nathalie Teugels führt diesen Gedanken noch weiter: Sie erzeugt Strom mit dem Wackeldrang.

Über die Armlehnen wird der Strom vom Sitzbereich transportiert.

Ihr Kunstprojekt „Moov“ ist in meinen Augen genial. Es handelt sich um einen Stuhl, der das Prinzip der Piezoelektrizität ausnutzt. Dieses gibt bestimmten Materialen die Möglichkeit, elektrische Ladung entstehen zu lassen wenn sie unter physischen Druck gesetzt werden. Richtig: Vibration. Wenn ich mit dem Bein wackele, erzeuge ich viel davon.

Wenn ich mich auf Teugels' Stuhl setze, merken das die darauf platzierten Sensoren. Sobald das Gewicht darauf sich verändert, verändert sich auch der Druck auf sie. Es entsteht Piezoelektrizität, die in Moov gespeichert und dann über einen USB-Anschluss wieder abgerufen werden kann. Ich nerve meine Kollegen? Keineswegs, ich werde zum menschlichen Hamster im Strom-Rad.

Strom direkt am Schreibtisch.

Der Künstlerin ging es übrigens ähnlich. „Die Idee entstand aus einer persönlichen Geschichte heraus, eine die mit Hyperaktivität und ADHS zu tun hat“, sagte sie zu Designboom. In ihrer Jugend habe man ihr immer wieder befohlen: „Mädchen, setz dich endlich hin!“ Weil sie aber eben nie richtig still sitzen konnte, und das auch gar nicht will, kreierte sie einen Stuhl, der besser zu ihr passte. Zu all uns Wacklern. Vielen Dank für den Strom Nathalie Teugels — und für die gute Ausrede.