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Savedroid-CEO Yassin Hankir: Wir haben durch unseren Fake-ICO-Scam keine Nutzer verloren

Klemens Kilic 14.05.2018 Lesezeit 6 Min

Mitte April inszenierte das Startup Savedroid einen PR-Stunt. Sein Gründer Yassin Hankir gab vor, sich mit dem per ICO eingesammelten Geld nach Ägypten abgesetzt zu haben. Die Reaktionen der Investoren waren Unverständnis und Wut. Im Gespräch mit WIRED gibt sich Hankir jetzt versönlich und bereut seine PR-Aktion – er will so das Vertrauen der Community zurückgewinnen.

WIRED: Hat euer PR-Stunt dem Ruf von Savedroid nachhaltig geschadet? Wird euer Token deshalb rasch an Wert verlieren, wenn er endlich gelistet wird?
Yassin Hankir:
Zuallererst möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich noch einmal aufrichtig bei allen Mitgliedern der Community zu entschuldigen, denen wir durch unsere drastische Kampagne Bauchschmerzen bereitet haben. Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich bin der festen Auffassung, dass sich die Community auf die Qualität unseres Produktes fokussieren wird. Der Token-Preis wird in letzter Instanz vom Arbeitsergebnis bestimmt, was wir abliefern. Daher bin ich optimistisch, dass unsere Kampagne langfristig keinen schlechten Einfluss auf den Preis haben wird.

WIRED: Ein gelungenes Produkt ist entscheidend für den Token-Preis. Aber das Vertrauen der Community ins Team ist ebenfalls wichtig. Welche Maßnahmen willst du ergreifen, um das Vertrauen der Investoren zu festigen?
Hankir:
Ich glaube, dass ein gelungenes Produkt und ein guter Draht zu der Community Hand in Hand gehen. Denn gerade bei Savedroid ist die Community ein integraler Bestandteil des Projekts und deren Partizipation ermöglicht erst ein erfolgreiches Produkt. Daher sind Community-Events wie ein Barbecue eine erste Maßnahme. Das zweite Mittel ist, das wir uns alle paar Wochen den Fragen der Community stellen und diese sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch beantworten. Ein drittes Element ist, dass wir die Community bei wichtigen Fragen proaktiv durch ein Votum mit einbeziehen wollen.

WIRED: Bei welchen Fragen zum Beispiel?
Hankir:
Wir lassen die Community über den Zeitpunkt der Listung des Savedroid-Token (SVD) abstimmen. Es gibt hier zwei Möglichkeiten: Entweder, wird der Token in naher Zukunft auf vier Börsen gelistet – HitBTC, Bancor Network, Tidex und IDEX – und etwa einen Monat später folgt dann die Listung auf einer weiteren sehr renommierten Börse aus der Top 5, die ich jetzt allerdings noch nicht bekannt geben kann. Oder die Community entscheidet, dass die Listung des Token auf allen fünf Börsen gleichzeitig erfolgen soll. Das wäre dann allerdings erst in frühstens einem Monat möglich.

WIRED: Hättest du früher bekanntgeben sollen, dass du nicht mit dem Geld der Investoren durchgebrannt bist, um eine Eskalation zu vermeiden?
Hankir:
Das Savedroid-Team hat im Nachhinein sehr viel über die Kampagne reflektiert. Rückblickend hätten wir die Aktion am besten gar nicht erst durchgeführt.

Zu keinem Zeitpunkt haben wir Kritik am Fintech-Markt üben wollen.

Yassin Hankir, Savedroid CEO

WIRED: Du hast mit deiner Aktion das Vertrauen in den Technologiestandort Deutschland beschädigt. Hat die Aktion also nicht eher das Gegenteil von dem erreicht, was dein Ziel war?
Hankir:
Unser Gedanke war es, dem Kryptomarkt den Spiegel vorzuhalten. Wir wollten mit der Kampagne auf die Gefahren des unregulierten ICO-Marktes hinweisen. Zu keinem Zeitpunkt haben wir Kritik am Fintech-Markt üben wollen. Wir bedauern, dass die Fintech-Industrie dachte, unsere Kritik richte sich an sie und sich daraufhin genötigt gefühlt hat, sich in einem offenen Brief an uns zu wenden.

WIRED: Die Savedroid-App wurde laut letztem Stand etwa 200.000 Mal heruntergeladen. Gab es hier einen Einbruch bei den Downloads oder hat das PR-Debakel euch sogar neue Nutzer beschert?
Hankir:
Im Bezug auf aktive Nutzer haben wir keine Veränderung verzeichnet. Es hat ein paar Kündigungen gegeben, aber gleichzeitig sind auch ein paar Neuanmeldungen eingegangen. Die absoluten Downloadzahlen sind nach der Kampagne sogar leicht angestiegen.

WIRED: Wessen Idee war die Aktion und hast du im Nachgang intern Konsequenzen gezogen?
Hankir:
Tatsächlich war die Idee für die Kampagne sehr viel spontaner, als sie von außen wahrgenommen wurde. Nachdem wir unser Ziel – auf die Gefahren vor ICO-Betrügereien hinzuweisen – klar verfehlt haben, haben wir uns Experten ins Boot geholt, die sich im PR-Metier sehr gut auskennen. Das schafft uns den Rücken frei, damit wir uns im Alltag ganz auf unser Produkt fokussieren können. Es gab ansonsten aber keinerlei Personalentscheidungen.

WIRED: Die Bank Frick dient als Treuhänder für einen Teil des dir von Investoren bereitgestellten Geldes. In den Folgetagen der PR-Aktion hat die Liechtensteiner Bank Savedroid für den Vertrauensmissbrauch kritisiert. Haben die Bank Frick oder andere Partner ernst gemacht und die Geschäftsbeziehungen zu Savedroid aufgekündigt?
Hankir:
Wir haben mit jedem unserer Partner individuell ausführliche Gespräche geführt und unsere eigentlichen Beweggründe für unserer Kampagne offengelegt. Wir haben uns selbstverständlich für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigt und klar gemacht, dass uns so etwas kein zweites Mal unterlaufen wird. Die Bank Frick hat gesagt „Ok die Aktion war jetzt nichts, da sind wir uns einig“ und die Entschuldigung akzeptiert. Unsere Partner sind an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert und nicht an einer emotionalen Auseinandersetzung.

WIRED: Haben Sie Tipps für ICOs, die ernst genommen werden wollen?
Hankir:
Ich glaube, das erste und wichtigste ist, nicht nur Glaubwürdigkeit vorzuheucheln, sondern tatsächlich glaubwürdig zu sein. Authentizität ist sowohl für junge wie auch für fortgeschrittenere Unternehmen die wichtigste Eigenschaft. Ein weiterer Punkt ist Transparenz. Es ist entscheidend, dass man sich offen den kritischen Fragen der Community stellt. Weiterhin kann ein ICO seine Seriosität besonders unter Beweis stellen, indem er von möglichst viele Treuhandstrukturen Gebrauch macht, die einen Exit-Scam von vornherein unmöglich machen.

WIRED: Hat die PR-Aktion für Savedroid auch rechtliche Konsequenzen?
Hankir:
Es hat eine Strafanzeige gegeben, welcher die Staatsanwaltschaft natürlich nachgehen muss. Da sich der Verdacht auf einen Betrug von unserer Seite aber nicht erhärtet hat, rechnen wir nicht mit rechtlichen Konsequenzen.

Ich würde mir ein TÜV-Siegel für ICOs wünschen.

Yassin Hankir, Savedroid CEO

WIRED: Du hast die aktuelle Rechtslage rund um ICOs in Deutschland scharf kritisiert. Wie beurteilst du vor diesem Hintergrund den aktuellen Hype um Kryptowährungen in Deutschland?
Hankir:
Ich bleibe bei der Aussage: Da muss sich dringed etwas ändern. Nur nach Regulierungen zu schreien, ist meiner Meinung nach aber zu schwach. Erstens ist meine Devise, dass es nicht mehr Regulierungen braucht, sondern zielführende Regulierungen vonnöten sind. Zum Beispiel wäre es sinnvoll, dass verschiedene Token-Formen sich in unterschiedliche rechtliche Rahmen zu fügen haben. Zweitens würde ich mir wünschen, dass eine Art TÜV-Siegel für ICOs gibt. Investoren, die ihr Geld in einen ICO mit einem solchen Siegel stecken, können sicher sein, dass das ICO sein Geld über Treuhänder einsammelt und ein Exit-Scam daher ausgeschlossen ist. Dadurch könnten schon einmal mindestens 80 Prozent der Scams verhindert werden.

WIRED: Diese Auflagen müssten dann ja ebenso in anderen Ländern gelten.
Hankir:
Richtig, das ist die große Gefahr dabei. Auch wenn es etwas utopisch klingen mag, aber ich würde mir wünschen, dass solche Siegel auf der ganzen Welt genutzt würden. Bürdet sich Deutschland im internationalen Vergleich zu viele Regulierungen auf, läuft es Gefahr an Innovationskraft einzubüßen und Unternehmen wandern ins Ausland ab.

WIRED: Wie steht Deutschland beim Thema Blockchain im Vergleich zu anderen Industriestaaten wie den USA und Japan da?
Hankir:
Deutschland hat hier einen massiven Aufholbedarf. Dadurch, dass wir bisher kaum Regulierungen haben, die einen klaren rechtlichen Rahmen setzen, sind deutsche Banken gehemmt, hier Vorstöße zu machen. Der Deutsche ist immer ein wenig gehemmter als der Amerikaner. Daher ist ein regulatorischer Rahmen besonders wichtig. Ist dieser einmal gesetzt, sehe ich großes Potenzial – dann kann es schnell voran gehen.