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xMinutes soll unseren Nachrichtenkonsum revolutionieren

Katharina Nickel 14.10.2016

Für jeden News-Anbieter eine eigene App haben zu müssen, kann bisweilen nerven. Der Journalist Marco Maas will Abhilfe schaffen. Seine App xMinutes soll unseren Nachrichtenkonsum mithilfe von Big Data und Algorithmen revolutionieren. Wie, das erklärt er im WIRED-Interview.

Marco Maas ist Datenjournalist und verspricht uns die richtige Nachricht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der geschäftsführende Gesellschafter der Agentur OpenDataCity hat die News-App xMinutes entwickelt, die genau das schaffen soll. Egal ob der Nutzer gerade unter der Dusche ist oder auf dem Weg zur Arbeit, die zugespielten Nachrichten orientieren sich algorithmenbasiert und sensorengesteuert ganz an seinen individuellen Interessengebieten, Bewegungsabläufen und Lesegewohnheiten.

Im WIRED-Interview spricht Maas über seine App, den Journalismus in Zeiten von Facebook, Smart Homes und die Frage, wie Datenschutz und Algorithmen miteinander auskommen können.

WIRED: In einem Kommentar auf Medium schreiben Sie, mit xMinutes würden Sie „am Grab des WWW“ schaufeln. Sie wollen also das Web beerdigen?
Marco Maas: Es geht um das Ende der Apps und des Internets an sich. Die Entwicklung wird so weit gehen, dass wir das WWW, so wie wir es kennen, nicht mehr benutzen. Chatbots werden uns Dienstleistungen zur jeweiligen Zeit am jeweiligen Ort zuspielen, an dem wir sie wirklich brauchen. Mit xMinutes entwickeln wir etwas für den Medienkonsum der Zukunft, jedenfalls so, wie wir ihn uns vorstellen. Man braucht nicht mehr eine App pro Nachrichten-Anbieter, sondern kann alle Medien über eine App konsumieren. Diese Barrierefreiheit wird eine wichtige Rolle spielen.

Es geht um das Ende der Apps und des Internets an sich

Marco Maas

WIRED: xMinutes soll den Lesern ihre Nachrichten mithilfe von Sensoren und Algorithmen liefern. Wie genau funktioniert das?
Maas: In erster Linie ist xMinutes eine App. In ihrer späteren Entwicklung könnte sie jedoch auch in Betriebssysteme eingebunden werden, die das Smart Home steuern. Dann wird es erst richtig spannend, dafür müssen wir eher eine Art Plattform konstruieren. Die App wäre quasi nur dazu da, die Möglichkeiten dieser Plattform auszuloten. Verschiedenste Sensoren liefern uns die Daten über den Nutzer, die wir benötigen, um ihm die richtigen Inhalte zuzuspielen. Ist er zu Fuß unterwegs, fährt er Fahrrad oder mit dem Auto? In welchem WLAN befinder er sich? Wie lange wurde sein Smartphone nicht benutzt? Aus diesen Daten entwickeln wir etwas, das wir als Kontext bezeichnen. Wurde ein Telefon eine Zeit lang nicht bewegt und wird dann eine Bewegung mit dem Fahrrad aufgezeichnet, können wir daraus schließen, dass der Nutzer wahrscheinlich im Badezimmer war und sich nun auf dem Weg zur Arbeit befindet. Der Kontext wäre dann der Weg zur Arbeit. So versuchen wir, typische Bewegungsabläufe und Datenfolgen zu filtern.

Marco Maas ist Datenjournalist und geschäftsführender Gesellschafter der Agentur OpenDataCity

WIRED: Journalismus hat auch mit Vertrauen zu tun. Datenschutz und Privatsphäre sind ein wichtiges Thema. Werden die Nutzer diese Form der Überwachung und den Einsatz von Algorithmen überhaupt hinnehmen?
Maas: Innerhalb der Medienszene haben wir uns bereits durch die älteren Projekte von OpenDataCity Vertrauen erarbeitet, bei denen wir uns viel mit Datenschutz, Privacy und Security beschäftigten. Die Herausforderung besteht darin, diesen Vertrauensvorschuss auch auf die Nutzer zu übertragen. Wir müssen eine glaubwürdige, transparente Strategie entwickeln, wie wir dem Nutzer vermitteln, dass er einen Teil seiner Privatsphäre aufgeben muss, dafür aber passgenaue Inhalte bekommt. Das ist der Deal. Ich sehe aber, dass gerade bei jungen Leuten die Bereitschaft dazu riesengroß ist. Man nehme nur mal WhatsApp: der Alptraum der Privacy und trotzdem eine der erfolgreichsten Apps weltweit. Die Erfahrung zeigt, dass eine Bereitschaft zur Datenfreigabe da ist, wenn es im Gegenzuzg einen Benefit gibt. Das wäre bei xMinutes dann der qualitativ hochwertige Journalismus.

Einen Teil der Privatsphäre aufgeben und dafür passgenaue Inhalte bekommen, das ist der Deal

Marco Maas

WIRED: Welche Daten müssen die Nutzer abzugeben bereit sein?
Maas: Ihren Standort und die Bezeichnung des WLANs, damit wir abgleichen können, ob ein Nutzer zu Hause oder bei der Arbeit ist. Dann natürlich Bewegungsabläufe und das Leseverhalten, um daraus Empfehlungen passgenauer gestalten zu können. Ich persönlich finde das Differential-Privacy-Modell von Apple sehr geeignet. Dabei werden die Ergebnisse der Datenbank, bevor sie an die Plattform weitergeleitet werden, noch einmal anonymisiert. Immerhin kann das Unternehmen dadurch von der Datenbank aus keine Rückschlüsse auf den einzelnen Nutzer ziehen. Das ist allerdings ein extrem aufwendiger Prozess, der sich nur lohnt, wenn man auch eine bestimmte Anzahl von Nutzern hat.

WIRED: Wieso sollten an News interessierte Leser xMinutes nutzen, wenn sie die gleichen Inhalte auch im Facebook-Newsfeed finden können?
Maas: Unser Versprechen ist guter Journalismus und der Ansatz, die journalistischen Beiträge nicht mit privaten Inhalten, etwa vom Mittagessen der besten Freundin, zu vermischen. Facebook empfiehlt im Grunde genommen nur Beiträge von Freunden, der journalistische Inhalt ist da nur unausgewogenes Beiwerk. Das führt zu einer Filterblase. Wir dagegen versuchen pluralistisch zu informieren. Im Prinzip wollen wir so eine Funktion übernehmen, die die Tagesschau früher hatte: das abbilden, was eine Gesellschaft gerade bewegt. In der Summe soll jeder besser wissen, was in der Welt gerade passiert.

WIRED: Was ist der Vorteil, den die Medienhäuser aus der Zusammenarbeit mit Ihnen ziehen?
Maas: Die Medienhäuser wissen bisher zwar schon viel über ihre eigenen Nutzer, aber quasi nichts darüber, was die Menschen sonst bewegt und was sie lesen. An Leserwanderungen haben die Unternehmen verstärkt Interesse. Für strategische Entscheidungsgrundlagen sind wir also ein sehr guter Ratgeber, als kleine Marktforschungsstudie sozusagen.

WIRED: xMinutes arbeitet bisher noch ausschließlich algorithmenbasiert. Einer Studie zufolge werden jedoch bis 2018 sechs Milliarden verbundene Geräte aktive Unterstützung von Künstlicher Intelligenz benötigen, zum Beispiel in Form von Chatbots. Müssen deswegen auch Sie diesem Trend künftig folgen?
Maas: Ich halte diese Entwicklung für unausweichlich. Sie wird sich in Zukunft radikal durchsetzen. In unserem kleinen Team von zehn Leuten wollen wir uns die Chatbot-Technologie aber zunächst nicht aufbürden. Es ist sicher sinnvoll, das Wettbewerbsumfeld auch in diesem Punkt zu beobachten. Sicherlich müssen auch wir das Thema irgendwann angehen, jedoch mit der Erkenntnis, besser zu wissen, wohin wir wollen.

WIRED: Und bis dahin?
Maas: Stehen erst einmal die Testnutzer im Fokus, unsere ‚tapferen Tausend‘, die sich zunächst voll überwachen lassen. Dann wollen wir die Datenerhebung aber auf das sinnvollste Minimum reduzieren. In weiteren Schritten wollen wir dann mehr Nutzer zulassen.

WIRED: Wann dürfen wir mit den Erkenntnissen aus diesem Test und vielleicht sogar einer marktreifen App rechnen?
Maas: Eine erste Android-Version in der Betaphase planen wir für Dezember, im Frühjahr 2017 rechnen wir dann mit einer iOS-Version. Realistisch gesehen werden die ersten Forschungsergebnisse, die auch Vergleiche zwischen den Betriebssystemen zulassen, im März nächsten Jahres vorliegen. Ende 2017 wird dann hoffentlich klar sein, ob xMinutes zur Marktreife taugt. Ob in Form einer App, auf dem Badezimmerspiegel oder im Auto, das muss sich zeigen.

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