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Open-Source-Evangelisten und DIY-Bastler tun sich zusammen, um die Welt zu retten

Max Biederbeck 04.08.2015

Im September werden sich 100 Menschen über einen Monat lang in einem Schloss bei Paris einsperren. Ingenieure sind dabei, Programmierer und Designer. Ihr Ziel: Neue Open-Source-Produkte, umwelt- und nutzerfreundlich — aber vor allem auch wettbewerbsfähig. Der Plan soll die geekigen Erfindungen von DIY-Bastlern endgültig in den Mainstream tragen und zeigen: Die Märkte der Zukunft könnten anders funktionieren.

Es ist ein heißer Tag und Berlin köchelt in der Abendsonne. Simon Kiepe sitzt gerade mit Freunden am Maybachufer zwischen Neukölln und Kreuzberg, als ein mobiles Freiluft-Kino auf einem Boot vor ihm anlegt. Regelmäßig zeigt der Verein Bootschaft am Rand des Grasufers damit Kurzfilme. Aber heute kleben Kiepes Augen nicht auf der Leinwand, sondern bleiben an einem klobigen Anhänger dahinter hängen. Von dessen Seiten stehen vier große Klappen wie Hubschrauber-Rotoren in die Höhe. Als er genauer hinschaut, erkennt der 34-Jährige Designer in dem merkwürdigen Holzkasten einen selbstgebauten Fotovoltaik-Generator und ihm wird klar: Dieses hässliche Teil versorgt das schwimmende Kino mit Strom aus Sonnenenergie.

Nicht gerade schön, aber super praktisch: Die mobile Sonnenstrom-Versorgung von Bootschaft

Das war vor einem Jahr. „Ich war begeistert“, erinnert sich Kiepe heute. Sofort habe er angefangen, nach den Machern des Kastens zu suchen und fand heraus: Die Bastler waren die Organisatoren von Bootschaft selbst — eine Gruppe von Ingenieuren der TU Berlin. Die Studenten hatten den Generator zum Spaß in ihrer Freizeit zusammengezimmert. „Wir konnten für das Kino keinen Dieselmotor benutzen, er stank und war viel zu laut für die Vorstellungen. Wir wollten uns deshalb mit dem Anhänger selbst aushelfen“, sagt Laurin Vierrath, einer der Erfinder.

Kiepe allerdings sah mehr als nur ein schnell zusammengeschraubtes Provisorium. Er ist Mitgründer von Open State. Seine Organisation will nichts geringeres, als mit Open Source und Do It Yourself (DIY) unseren Planeten retten. Das soll funktionieren, indem Open State Bereiche zusammenführt, die bisher getrennt voneinander existierten: Startup-Welt, DIY-Szene und Umweltschutz. Die TU-Studenten lädt Kiepe deshalb kurzum zu einem Design-Workshop ein. Sie kommen so überhaupt erstmals mit der Maker- und Open-Source-Szene in Kontakt. Aus dem Photovoltaik-Anhänger entwickelt sich im Laufe des folgenden Jahres ein neuer Prototyp. Der einkaufswagengroße SunZilla-Generator. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Der SunZilla-Prototyp zum Ausfahren

Im Rahmen ihrer Aktion POC21 werden Open State im September Projekte wie SunZilla auf das Château de Millemont bei Paris einladen. Über einen Monat werden Erfinder dort in einem Mashup aus überdimensionalem Hackathon und Accelerator zu Produktentwicklern weitergebildet. Die Projekte könnten dabei kaum unterschiedlicher sein: Eine Windturbine für 30 Dollar ist dabei. Eine Dusche, die den Energieaufwand für die Erhitzung von Wasser minimiert. Und ein Mikro-Filter aus dem 3D-Drucker, der in jede Plastikflasche eingesetzt werden kann und Bakterien aus Getränken heraushält.

Insgesamt gab es 200 Bewerbungen für POC 21, zwölf davon dürfen mit aufs Schloss. „Wir wollten alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdecken. Dazu gehören Wohnen, Energie, Ernährung, Mobilität und die Kommunikation mit Sensorik und dem Internet of Things“, erklärt Dominik Wind, der bei Open State für die Auswahl der Projekte zuständig ist.

Wir können das Klima selbst retten und brauchen keine Konferenz von irgendwelchen Politikern.

Dominik Wind, Open State

Auf zwei bis vier Erfinder pro Gruppe kommen insgesamt 200 Trainer, Marketing-Fachleute, Produktentwickler, Designer und Programmierer. In die alten Schlossgemäuer schleppt Open State zusammen mit seiner französischen Partnerorganisation OuiShare außerdem modernste Fräsen, 3D-Drucker und Computernetzwerke. Alles mit einem Ziel: neue DIY- und Open-Source-Produkte, die die Mitte der Gesellschaft erobern können, einen Markt für nachhaltiges Wirtschaften schaffen und „zeigen, dass wir das Klima selbst retten können und keine Klimakonferenz von irgendwelchen Politikern brauchen“, wie Wind sagt. Damit meint er den im Dezember in Paris stattfindenden Klimagipfel (COP21), der den Organisatoren von POC21 als Antagonist dient. „Die reden, wir machen“, sagt Wind.

Simon Kiepe (l.) und Dominik Wind von Open State

Open Source und DIY sind Begriffe, die oft missverstanden werden. Der Szene geht es vor allem darum, dass Soft- und Hardware wirklich für jeden offen stehen. Programmiercode und Baupläne, Bilder und Beschreibungen, alles kann frei benutzt und verändert werden, auch kommerziell. Patente gibt es in dieser Welt nicht. Bei Software gibt es das öfter, erfolgreiche Open-Source-Systeme heißen Linux, Firefox oder GIMP.

Im Hardware-Bereich sieht die Industrie in der Offenlegung von Bauplänen aber noch immer eine Gefahr für das eigene Geschäftsmodell. Wer mein Produkt kopieren kann“, so die Devise „könnte damit meinen Marktvorteil zerstören. Die Folge: Firmen-Geheimnisse werden gehütet, Produkte immer komplizierter. DIY auf der anderen Seite wird den Ruf des albernen und unpraktischen Bastel-Krams nicht los. 3D-Drucker verbinden viele noch immer mit kleinen bunten Spielfiguren und Maker mit geekigen Bastlern, die zwar interessante, aber meist kaum nutzbare Produkte herstellen. Doch beide Thesen lassen sich so nicht mehr halten.

„Wir erleben bei DIY und Open Source eine enorme Beschleunigung. Die Technologie entwickelt sich immer schneller. Die Szene wird immer größer“, argumentiert Alex Shure. Er bezeichnet sich als „Open Source Evangelist“ und ist seit Jahren in der deutschen Maker-Szene unterwegs. „Die Chance von Projekten wie POC21 besteht darin, dass sie DIY und Open Source zusammenbringen und in fähige Produkte verwandeln“, sagt er. Es sei wichtig, Leute zu erreichen, die normalerweise Apple und Windows gewohnt seien — und sie davon überzeugen, dass es auch anders geht. „Wenn die Menschen verstehen, dass ein Fairphone genauso gut ist wie ein iPhone“, beschreibt Shure diesen Moment. Unternehmen auf der anderen Seite müsse klar sein, dass es mittlerweile effektiver ist, seine Produkte offen und nachhaltig zu entwickeln, anstatt sich abzuschotten.

Alex Shure ist seit Jahren in der deutschen Maker- und Open-Source-Szene aktiv.

„Die Welt von heute ist so stark vernetzt, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, alles zu verheimlichen. Gemeinsam entwickelte Produkte können viel stärker sein“, sagt auch Simon Kiepe. Und tatsächlich: Mehr und mehr Unternehmen springen auf. Autodesk etwa hat mit seinem Projekt Spark eine Open-Source-Plattform für 3D-Druck-Technologie entwickelt. Unternehmensnahe Stiftungen wie die von BMW investieren in POC21.

Egal, wen man in der Maker-Szene fragt, alle sind überzeugt: Offene Produkte sind die Zukunft. Solche, die man selbst bauen, verbessern und reparieren kann. Warum nicht also mit umweltfreundlicher und nachhaltiger Technologie direkt von Anfang an dabei sein? „Die Ideen sind da und es geht uns nicht um Hippie-Dörfer! Wir wollen helfen, einen neuen Markt für Social Entrepreneurship zu schaffen, der neben dem klassischen bestehen kann“, sagt auch Andrea Bauer, Mentorin und Unterstützerin von POC21. Die Menschen müssten nur durch gute Produkte begreifen, dass der Schutz des Klimas einfach von Zuhause aus funktionieren kann.

Die Welt von heute ist so stark vernetzt, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, alles zu verheimlichen.

Simon Kiepe, Open State

Laurin Vierrath von SunZilla sieht es ähnlich. „Ich habe schon jetzt andere Projekte im Auge, die mit uns aufs Schloss gehen“, sagt er. „Ich weiß nicht genau, was dabei herauskommt, aber wir wollen unseren Generator noch weiter verbessern, mit anderen Ansätzen bündeln und einfacher machen.“ Das alles sei keine Zauberei und funktioniere vor allem durch Zusammenarbeit mit anderen Tüftlern.

Vierrath und sein Team haben mittlerweile ein Unternehmen für SunZilla entwickelt. Geld wollen sie nicht nur mit dem Produkt, sondern auch mit Services darum herum verdienen. „Zielgruppe in Deutschland sind Camper und Festivals. Es geht aber auch um Hilfe für Gegenden, in denen es keinen Strom gibt“, erklärt er. In Pakistan etwa, wo rund 75.000 Dörfer ohne Stromanschluss auskommen müssen. Mit dem Know-How von SunZilla könnten sie sich schon bald selbst Öko-Strom-Generatoren bauen. 

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