/Business

Die Taxi-App Didi Kuaidi macht Uber in China das Leben schwer

Karsten Lemm 26.11.2015

Dutzende von Megacitys, eine Nation im Aufbruch, Millionen Menschen, die ständig unterwegs sind — welches Land könnte für den Privattaxi-Pionier Uber verlockender sein als China? Mit Milliardenaufwand wollen die Amerikaner diesen Markt erobern und von Beijing bis Shanghai neue Kunden finden. Es gibt nur ein Problem: Didi Kuaidi ist schon da — und der Konkurrenz aus den USA zahlenmäßig haushoch überlegen, wie sich nun herausstellt.

Die Rivalen kennen sich gut, früher gab es mal freundliche Gespräche. Doch das ist vorbei. Seit Monaten bekämpfen sich Travis Kalanick und Cheng Wei mit allen Mitteln. Der Eine ist Gründer des Privattaxi-Pioniers Uber, der Andere Chef von Didi Kuaidi, dem Anbieter der populärsten Mobilapp für Mitfahrgelegenheiten in China. Getreu seinem Namen, der „Piep, piep, schnelles Taxi“ bedeutet, gibt Didi Kuaidi Nutzern die Möglichkeit, per Smartphone ein Taxi zu rufen. Die Firma betreibt aber auch einen Limousinen-Service und bietet Privatleuten die Chance, sich als Gelegenheits-Taxifahrer ein paar Yuan dazu zu verdienen. Genau wie Uber.

Auf ihrer Website präsentiert sich die Jungfirma als Allround-Anbieter von Taxidiensten – mit klaren Wachstumsambitionen: „Coming Soon“

„Wettbewerb ist gut“, erklärt Steven Wang, Vizepräsident und Strategiechef von Didi Kuaidi. „Gut für Nutzer und gut für uns. Wir müssen uns anstrengen und dürfen nicht nachlassen, schnell weiter zu wachsen.“ Mehr als 250 Millionen Nutzer im Monat zählt die Firma laut Wang derzeit, 30 Millionen davon täglich.

Das schließt das klassische Taxigeschäft ein, mit dem vor drei Jahren alles anfing: Im Herbst 2012 gingen zwei Startups, Didi Dache und Kuaidi Dache, mit der gleichen Idee in den Markt – eine Mobilapp, mit der Chinesen schnell und unkompliziert ein Taxi rufen können. Im Februar dieses Jahres taten sich die beiden Konkurrenten, die bis dahin erbarmungslos um Kunden gestritten hatten, zusammen und formten Didi Kuaidi. Schnell wurde aus dem digitalen Taxiruf ein Rundum-Angebot für Mobility – inklusive DIDI Hitch, einem Ridesharing-Dienst ganz nach dem Vorbild von Uber, Blablacar oder Lyft.

Offiziell sind Privattaxis verboten – doch das stört niemanden: Der Markt ist zu verlockend

Offiziell ist es zwar verboten, Taxidienste ohne Lizenz anzubieten, doch das hat weder Uber noch Didi Kuaidi davon abgehalten, sich auf einen Markt zu stürzen, der enormes Wachstum verspricht: Seit 1990 hat sich die Zahl der Chinesen, die in Städten leben, mehr als verdoppelt. Von 1,3 Milliarden Chinesen leben inzwischen über 700 Millionen in urbanen Ballungsgebieten – viele davon Megacitys wie Beijing, Shenzhen, Wuhan und Guangzhou, die jeweils mehr als zehn Millionen Einwohner zählen und gar nicht so schnell neue U-Bahnen und Straßen bauen können, wie sie wachsen. Perfekte Bedingungen also für Dienste wie Uber und Didi Kuaidi, die versprechen, das bestehende Angebot an Privatautos besser zu nutzen.

Steven Wang

„Der Markt ist gigantisch, genau wie die Wachstums-Chancen – besonders für On-demand-Angebote“, sagt Didi-Vizepräsident Wang. Dass die Behörden immer wieder Fahrer verwarnen, weil sie gegen das Privattaxi-Verbot verstoßen, nehmen alle Beteiligten hin: Was sind Strafgelder im Vergleich zu den enormen Summen, die das Geschäft mit Millionen von zahlungswilligen Passagieren verspricht? Zumal sich die Regierung neuerdings kompromissbereit zeigt. Im Oktober erhielt Didi Kuaidi in Shanghai die erste offizielle Linzenz zum Vermitteln von Privattaxis per Internet. „Die Verhandlungen gehen weiter“, sagt Steven Wang mit Blick auf Lizenzen in anderen Städten.

Investoren konnten darin ein Signal sehen: Keine Sorge, das Geld ist gut angelegt. Gut vier Milliarden Dollar hat Didi Kuaidi eingesammelt, um aus dem Versprechen auf eine glorreiche Zukunft dann auch wirklich ein Milliardengeschäft zu machen. Zu den Geldgebern gehören die Internetriesen Alibaba und Tencent ebenso wie große Banken. Uber wiederum hat von seinen 8,2 Milliarden Dollar an Startkapital 1,2 Milliarden allein für China beiseite gelegt: Eine gigantische Chance verlangt vollen Einsatz – besonders, wenn die Bedingungen so rau sind wie im Land der Morgenröte.

Seit Monaten rangeln Uber und Didi nicht nur um Fahrgäste, sondern auch um Fahrer. Sie übernehmen die Strafgelder, wenn Fahrer von Behörden abgemahnt werden, und zahlen Prämien an alle, die besonders viele Passagiere finden. Uber – mit einem geschätzten Wert von über 50 Milliarden Dollar das derzeit teuerste Startup – spielt dabei ausnahmsweise die Rolle des Underdogs. Während Didi Kuaidi in fast 200 Städten unterwegs ist, zählt Uber bisher gerade mal 20. Auch wenn die Amerikaner schnell in 100 Städten präsent sein wollen – beim Marktanteil dominiert derzeit noch entsprechend deutlich das chinesische Unternehmen mit 83 Prozent, schätzt der Marktforscher Analysys International. Uber erreicht 16 Prozent.

Mit allen Tricks versuchen Fahrer, sich Bonuszahlungen zu erschwindeln

Dazu kommen politische und kulturelle Herausforderungen. Als einheimisches Unternehmen könnte Didi Kuaidi sich leichter tun, der Regierung Zugeständnisse abzuringen, vermuten manche Beobachter, und verweisen auf die Lizenz in Shanghai, die vorerst nur für Didi-Fahrer gilt. Die Aussicht auf Bonuszahlungen wiederum bringt viele Privattaxi-Chauffeure in Versuchung, die spendablen Unternehmen auszutricksen. Manche Fahrer, so berichtet das Wall Street Journal, täuschen Aufträge vor, bei denen sie selbst der einzige Fahrgast sind. Andere nutzen spezielle Software, die sich im Internet kaufen lässt, um den Didi- und Uber-Systemen vorzugaukeln, sie würden fleißig Kilometer sammeln, während sie in Wahrheit zu Hause sitzen.

„Wir wissen davon“, bestätigt Steven Wang. „Und wir haben Wege, uns davor zu schützen.“ Der Didi-Manager sieht darin sogar einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinem US-Rivalen: „Viele ausländische Unternehmen kommen nach China, ohne den Markt und solche Betrügereien wirklich zu kennen. Wir wissen besser, wie man so etwas von vornherein verhindern kann.“

Mehr als China: Didi Kuaidi zieht es bereits ins Ausland

So groß der Markt vor der eigenen Haustür auch sein mag – Didi Kuaidi hat bereits begonnen, auch im Ausland aktiv zu werden. In den USA beteiligte sich das chinesische Startup am größten Uber-Konkurrenten Lyft, in Indien am Taxi-Rufdienst Ola. In Singapur investierte das Unternehmen in Grab Taxi. „Wir arbeiten immer mit Partnern“, erklärt Wang. Als Zielgruppe habe Didi bei der Expansion nicht zuletzt die schnell wachsende chinesische Mittelklasse im Sinn: „Leute brauchen Dienste wie unsere, wenn sie auf Reisen gehen“, sagt Wang.

Bei der Ankunft am Flughafen stehen die Kunden dann wieder vor der Wahl: Didi oder Uber? Denn auch die US-Konkurrenten sind bereits in Indien und Singapur unterwegs. Das Rennen hat gerade erst begonnen.

UPDATE 12.01.2016: Allein im vergangenen Jahr hat Didi Kuaidi nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Fahrten vermittelt, 200 Millionen davon allein im Dezember 2015. Zum Vergleich: Rivale Uber knackte die Ein-Milliarden-Marke an Weihnachten — allerdings erst nach fünf Jahren aggressiver internationaler Expansion.

Steven Wang sprach am 26.11.2015 auf der WIRED Mobility-Konferenz zum Thema „Internet & Transport in China – Opportunities & Challenges“.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden