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Dieser Streaming-Dienst will Musiker endlich fair bezahlen

Benedikt Plass-Fleßenkämper 21.03.2017

Filme, Serien oder Musik konsumieren viele heute fast nur noch im Stream. Wie viel Geld dabei tatsächlich bei den Urhebern ankommt, hinterfragen allerdings nur die wenigsten. Das Startup Voltra will nun dafür sorgen, dass zumindest beim Musik-Streaming die Künstler fairer entlohnt werden.

Streaming hat unser Bewusstsein für Musik verändert. Allein auf dem Smartphone tragen wir jederzeit problemlos Tausende Songs mit uns herum. Für den Abschluss eines Abos bei Amazon Prime bekommen wir in bester Fischmarkt-Mentalität zu kostenlosem Premium-Versand, Cloud-Speicher und weiteren Spezialangeboten auch noch Zugriff auf eine Musikbibliothek mit zwei Millionen Liedern – beim Upgrade auf Amazon Music Unlimited (9,99 Euro im Monat) gibt es sogar mehr als 40 Millionen Songs. Ob wir die tatsächlich anhören, ist egal. Was man hat, das hat man.

Doch auch wenn Streaming der Musikindustrie in den vergangenen Jahren einen Aufschwung beschert hat, kommt bei den Musikern immer noch vergleichsweise wenig davon an. Das auf Künstlerrechte spezialisierte Blog The Trichordist hat ausgerechnet, dass die Margen bei Spotify von 2014 bis 2016 um 16 Prozent gefallen sind. Das bedeutet: Ein Musiker erhält pro Stream eines Songs mittlerweile lediglich 0,00437 US-Dollar. Bei Apples iTunes gibt es 68 Prozent mehr, also 0,00735 Dollar. Wer nur einen Dollar – umgerechnet etwa 93 Euro-Cent ­– verdienen will, dessen Songs müssen Nutzer bei Apple rund 140 Mal und bei Spotify sogar 230 Mal streamen. Für bekannte Bands und Künstler kein Problem, doch Newcomer und kleinere Acts aber bringt dieses System in arge Bedrängnis.

Das erstmalige Streamen eines Songs ist bei Voltra kostenlos, bei jedem weiteren Mal wird eine geringe Gebühr fällig. Nach dem zehnten Aufruf gilt der Titel als gekauft und bezahlt

Deshalb sehnt sich die Industrie nach anderen Vertriebsmodellen: weg von Musik als kostenlosem Allgemeingut, wieder hin zu traditionellen Besitzverhältnissen. Aus dieser Idee heraus haben Paolo Fragomeni und Aprile Elcich ihren Streaming-Dienst Voltra entwickelt. Künstler, die sich bei der neuen Musikplattform anmelden, erhalten 100 Prozent der mit ihren Werken erzielten Einnahmen. Das beinhaltet sowohl Streams als auch den Verkauf der Songs. Die App befindet sich zwar noch in der Beta-Phase, der Voltra Player ist für Desktop-PCs und Mobilgeräte aber schon kostenlos verfügbar.

Hört man sich einen Song mehr als zehn Mal an, gehört er einem automatisch

Voltra setzt auf das sogenannte Stream-to-own-Konzept: User wählen aus, ob sie einen Song direkt kaufen oder zunächst nur streamen möchten. Beim ersten Stream fallen keinerlei Kosten an, danach wird mit jedem weiteren Mal eine kleine Gebühr fällig – wie hoch diese ist, hat Voltra bislang noch nicht verraten. Hört man sich einen Song mehr als zehn Mal an, gehört er einem jedoch automatisch.

Fragomeni ist selbst Musiker und mag die 30-Sekunden-Vorschaufunktion anderer Anbieter nicht. „Vielleicht kommt das beste Gitarrensolo erst nach einer Minute und ich werde es nie erleben, weil ich nur 30 Sekunden des Liedes hören durfte“, erklärte er gegenüber The Verge.

Voltra bietet auch ein Premium-Abo für zehn Dollar pro Monat an. Nutzer zahlen dann weiterhin für einzelne Tracks, erhalten aber Zugriff auf ein zusätzliches Archiv, das schon angehörte Tracks auf einem Amazon-Cloud-Speicher sichert – vergleichbar mit der heimischen Plattensammlung, in der man seine Lieblingssongs archiviert. Das System schlägt dann neue Lieder auf Basis der eigenen Kaufentscheidungen vor.

Aber wie verdient Voltra damit Geld? Künstler melden sich zwar kostenlos an und erhalten 100 Prozent der erzielten Einnahmen, doch von Vertrieben oder Labels verlangt die Plattform zehn Prozent Provision. Als zusätzliche Einnahmequelle bietet das Startup Pro-Funktionen an, beispielsweise zusätzliche Statistiken oder umfangreiche Künstlerseiten. Deren Aktivierung kostet zwischen fünf und zehn Dollar.

Bei Voltra gehen 100 Prozent der Einnahmen an die Künstler

Fragomeni und Elcich zielen eindeutig auf Newcomer, Indie-Bands oder Solokünstler ab und hoffen, dass Musikkenner den Service wertschätzen und unterstützen werden. Aktuell nehmen 5000 Nutzer am Beta-Test teil, im Store befinden sich zurzeit etwa drei Millionen Tracks. Als offiziellen Starttermin für Voltra peilen die Macher den Mai dieses Jahres an – und wollen dann schon bei zehn Millionen Songs angelangt sein.

Ein ähnliches System wie Voltra verfolgt auch die Streaming-Community Resonate. Hier bezahlen Musikliebhaber nicht pauschal für alles, sondern lediglich für die Songs, die sie häufig hören. Diese gehen dann ebenfalls irgendwann in den Besitz über. Resonate beruht zudem auf einem Genossenschaftsmodell: Für fünf Euro erhalten Mitglieder einen Geschäftsanteil und dürfen dafür an Abstimmungen teilnehmen. 

Vielleicht bedarf es genau solcher Projekte, um Spotify, iTunes, Tidal und Co. zum Umdenken zu bewegen.

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