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„Porno bleibt schmutzig – aber mit VR bekommst du Respekt“

Dominik Schönleben 21.11.2016

Ela Darling übertrug die weltweit ersten Porno-Live-Shows für Virtual-Reality-Brillen und treibt als Pionierin des Genres technische Weiterentwicklung voran. VR-Live-Cams sind die Zukunft, sagt sie im Gespräch mit WIRED und erklärt, warum Avatare da nichts zu suchen haben. Und warum es um weit mehr geht als Sexuelles.

Als Ela Darling zum Dreh ihres ersten VR-Pornos erschien, platzte sie in eine Runde Dungeons & Dragons hinein. Einige Studenten saßen dort in einem schlecht beleuchteten Zimmer und wollten gerade als Krieger, Zauberer oder Schurken Heldentaten vollbringen. Dass hier im Studentenwohnheim gleich ein Porno gedreht werden sollte, war für alle eine Überraschung.

Ihren neuen Co-Produzenten und Kameramann hatte Ela Darling erst einige Stunden zuvor persönlich kennengelernt. Gefunden hatten sich die beiden über die Social-News-Website Reddit. James Ashfield schrieb dort, er wolle VR-Pornos drehen, hätte sogar schon zusammen mit einem Kumpel eine Kamera dafür gebaut, jetzt bräuchte er nur noch eine Darstellerin. Darling hatte ein ähnliches Ziel, nur fehlte ihr wiederum das technische Know-How. Ein perfekter Match also.

Wenn du zu Pornografie VR hinzufügst, bekommst du Respekt

Ela Darlin, VR-Pionierin

Bis sie am Drehort im Wohnheim ankam. Irgendwie fand Darling die Situation trotzdem sympathisch: Vielleicht, weil sie selbst in ihrer Jugend Dungeons & Dragons gespielt hatte. Die Studenten wurden aus dem Zimmer komplimentiert und zusammen mit Ashfield drehte sie ihren ersten VR-Porno: ein Masturbations-Video, das „ziemlich miserabel“ war, wie Ela Darling heute sagt.

Dieses seltsame Erlebnis legte den Grundstein für Darlings und Ashfields gemeinsames Unternehmen VRtube. Gemeinsam wollen sie die Zukunft des Virtual-Reality-Pornos gestalten. Was dabei im Zentrum steht? VR-Cam-Shows, also erotische Live-Performances in der virtuellen Realität. Denn für die sind Nutzer noch immer bereit zu bezahlen – im Gegensatz zu herkömmlichen Pornos, die es schließlich massenweise kostenlos im Netz zu sehen gibt. Erste Cam-Shows, gedreht mit dem von Ashcroft entwickelten VR-Kamera-Setup, sind bereits auf der Plattform CAM4VR auf Sendung.

„Pornografie bleibt natürlich schmutzig“, sagt Ela Darling im Gespräch mit WIRED auf der VR NOW Con 2016, „aber wenn du VR hinzufügst, bekommst du Respekt.“ Auf der Virtual-Reality-Konferenz in Potsdam sprach Darling darüber, wie sie die Pornoindustrie verändern will.

Ela Darling während ihres Vortrags auf der VR NOW Con 2016

WIRED: Die Pornoindustrie steckt in einer finanziellen Krise. Kann VR-Technologie da noch was retten?
Ela Darling: VR wird helfen. Es wird Möglichkeiten erschaffen, die es so vorher noch nicht gegeben hat. Ich sage nicht, dass es die Pornoindustrie retten wird oder die einzige Zukunft sein wird, aber es wird eine große Rolle spielen.

WIRED: Die regulären Vertriebskanäle über die App Stores bleiben VR-Pornos meist verschlossen. Man kommt mit Porno-Inhalten etwa in Google Daydream gar nicht erst hinein. Wird das nicht zum Problem?
Darling: Bisher mussten wir viele Notlösungen in Kauf nehmen. Und es ist schwierig, wenn Nutzern gesagt wird, dass der Download unsicher ist, wenn sie eine App außerhalb des App Stores laden wollen. Manche Leute laden sie deshalb gar nicht erst herunter. Es ist schwer, Menschen davon zu überzeugen, dass sie der Sicherheit unserer Apps vertrauen können.

WIRED: Es ist nicht zu erwarten, dass die Plattformen ihre Anti-Porno-Haltung bald ändern werden.
Darling: Nein, das erwarte ich auch nicht. Aber es gibt Apps im App Store, über die du heute schon Pornos schauen kannst. Es gibt Browser, die du downloaden kannst – und die dich nicht daran hindern, Pornoseiten zu besuchen. Wir müssen eine allgemeine App mit vielen Features bauen – von denen eines eben Pornos ist. Das ist eine der großen Aufgaben und ich arbeite selbst bereits an einer Lösung.

WIRED: Die Qualität von VR-Pornografie ist derzeit noch ziemlich dürftig. Die Proportionen der Darsteller sind oft nicht lebensecht oder die Auflösung viel zu gering.
Darling: Darüber mache ich mir große Sorgen. Viele Produzenten von VR-Pornos kennen sich mit VR nicht aus. Es fehlt ihnen an Erfahrung und so sehen sie nicht, dass das Ergebnis schlecht ist. Ich bin ernsthaft besorgt darüber, dass Menschen schlechte Porno-Konzepte für VR umsetzen. Aber es gibt auch gutes Zeug. Wir haben sehr hart an unseren Inhalten gearbeitet.

WIRED: Was macht ihr anders als die Konkurrenz?
Darling: Ich habe einen sehr kritischen Business-Partner. Was auch immer wir veröffentlichen, er achtet auf die Qualität. Mein erstes VR-Video war richtig schlecht, aber ich habe viel gelernt.

WIRED: Wie funktioniert euer Geschäftsmodell?
Darling: Wir haben unsere eigene Kamera gebaut. Die geben wir Live-Cam-Darstellern (Anm.: Porno-Darstellerinnen und -Darstellern, die live vor der Kamera agieren). Und wir haben eine Software entwickelt, die automatisch aus mehreren Aufnahmen ein 360-Grad-Video zusammenfügt. Die Darsteller müssen sich darum keine Sorgen mehr machen, weil wir uns um die technischen Herausforderungen kümmern. Unser Ziel ist, in den nächsten Monaten eine Online-Plattform für Live-Shows zu bauen. Die Darsteller können mit unseren Kameras dort einfach auf einen Knopf drücken und aufnehmen und sich darauf konzentrieren, beeindruckende Inhalte zu erschaffen.

WIRED: Live-Cams sind also die Zukunft von VR-Porno?
Darling: Ich denke, dass „Camming“ noch erfolgreicher in VR sein wird, als es in traditioneller 2D-Pornografie ist. Die große Stärke von VR-Porno ist die Intimität und das Gegenwärtliche. VR-Live-Cams machen sich diese besten Eigenschaften des Mediums zu eigen – und zudem passiert es noch live, das ist sehr beeindruckend. Wenn du dich fühlst, als ob du direkt da wärst, willst du mit deinem Gegenüber interagieren. Ich denke, dass Social VR der am schnellsten wachsende und erfolgreichste Teil von VR ist. Und Webcamming vereint Social VR und Porno. Das sind zwei sehr große Interessensgebiete.

VR-Pionierin Ela Darling drehte die weltweit ersten Live-Shows in der virtuellen Realität

WIRED: Wird Pornografie die soziale Interaktion in der VR vorantreiben?
Darling: Viele Menschen sprechen gerne darüber, wie Pornografie Technologie beeinflusst hat. Porno ist der Grund dafür, dass sich damals VHS duchgesetzt hat und Blu-Ray ein Thema war. Porno hat das gemacht, weil es mal Kaufkraft hatte. Menschen haben für Porno bezahlt. Wann hast du das letzte Mal Geld für Porno ausgegeben?

WIRED: Noch nie.
Darling: Exakt. Den meisten Menschen geht es so.

WIRED: Vielleicht, weil man sie nicht einfach über den Google Play Store bezahlen konnte.
Darling: Ich glaube, da hast du Recht. Menschen sind nicht mehr daran gewöhnt, für Pornos zu zahlen. Wir müssen ihnen einen Grund dafür geben und es für sie zugänglich machen.

WIRED: Welche Rolle werden dabei virtuelle Avatare spielen?
Darling: Wir haben keine Avatare. Jeder besitzt den selben Blickwinkel. Es ist eine stationäre Kamera im Mittelpunkt des Raumes. Du schwebst im Raum. Das kann sich komisch anfühlen. Menschen erwarten ja, auch in der VR einen Körper zu sehen. Aber wir benutzen keine Avatare, weil Zuschauer beim Heruntergucken nicht einen Körper sehen wollen, der rein gar nichts mit ihnen zu tun hat. Ein fremder Körper entfernt Zuschauer von der Erfahrung. Außerdem gibt er ihnen das Gefühl, dass das Produkt nicht für sie geschaffen wurde. Viele Menschen haben Körpertypen, die normalerweise in der Pornografie nicht vorkommen: Sie sind schwarz oder Tansgender oder klein. Ich will nicht, dass meine Kunden sich entfremdet fühlen. Meine Shows sollen jeden mit einbeziehen.

WIRED: Ein Trend in der Pornografie geht in Richtung Gonzo, also zu Pronografie, die aus der Egoperspektive gefilmt wird. Wäre diese Art des Filmens nicht naheliegend für die virtuelle Realität?
Darling: Ja, das machen viele. Der Großteil der 360-Grad-Pornos wird mit einem Darsteller gedreht, der ein Headset trägt und alle anderen interagieren mit ihm. Was wir dabei gelernt haben: Der Typ – und normalerweise ist es ein Typ – sollte keinen Ton von sich geben, kein Atmen, keine Stimme, seine Hände sollen nicht Teil der Szene sein. Er muss sich zurückhalten, während Dinge mit ihm gemacht werden.

Viele meiner Zuschauer können das Gefühl, von einer Frau nicht angefasst zu werden, bereits im echten Leben erfahren – ohne VR

Ela Darling, VR-Pionierin

WIRED: Warum ist das so wichtig?
Darling: Wenn ich in der virtuellen Realität bin und plötzlich kommen da Hände von der Seite rein, während meine woanders sind, dann fühle ich mich komisch, weil das nicht mein Körper ist, weil meine Hände etwas anderes machen.

WIRED: Ist es dann nicht bereits seltsam genug, wenn der eigene Penis anders aussieht?
Darling: Genau! Deshalb will ich es auch anders machen. Die meisten Cam-Performer sind alleine – da ist kein anderer Körper im Raum. Nur sie, wie sie vor dir masturbieren. Wenn man dann einen Avatar hat und man wird nicht berührt, ist das seltsam. Viele meiner Zuschauer können das Gefühl, von einer Frau nicht angefasst zu werden, bereits im echten Leben erfahren – ohne VR. Es ist eine voyeuristische Show, bei der man in einem direkten Gespräch mit einer anderen Person ist. Das ist ziemlich intim und therapeutisch. Es ist eine Lösung gegen die Einsamkeit: Wenn du allein bist und mit jemanden sprechen willst, dann kannst du jemanden dafür bezahlen, dass du ihm nicht egal bist. Die Cam-Performer hören dir zu und reden mit dir. Und weil es eine Transaktion gibt, brauchst du nicht zu fürchten abgelehnt zu werden. Oft geht es dabei um Sex, aber vieles in dieser Erfahrung ist nicht sexuell.

Ela Darling will durch ihr selbstentwickeltes VR-Kamera-Rig den Darstellern von Live-Cam-Shows eine neue Möglichkeit geben, Geld zu verdienen.

WIRED: Cam-Shows sind also deshalb so erfolgreich, weil es um mehr als sexuelle Befriedigung geht?
Darling: Ja. Jeder Sexarbeiter – egal ob Stripper, Escort oder Camgirl – wird dir sagen, dass ein großer Teil ihrer Arbeit Therapie ist. Selbst wenn Kunden gar nicht wissen, dass sie eine Therapie suchen, tun sie es. Ich habe Kunden, die würden niemals zu einer Sexualtherapie gehen, weil sie denken, dann wäre etwas an ihnen kaputt. Aber wem macht es keinen Spaß, sich vor hübschen Mädchen einen runterzuholen? Das ist okay und ehrlich gesagt viel billiger als Therapie. Einsamkeit kann psychologische Effekte auf Menschen haben. Beziehungen sind etwas, das viele Menschen als selbstverständlich hinnehmen, aber für viele Menschen trifft das nicht zu. Wenn du jemand bist, dem es leicht fällt, zu jeder Zeit einen Partner zu finden, dann ist es leicht, auf Menschen hinunterzublicken, denen das nicht gelingt.

Mehr über Ela Darling und ihren Weg ins VR-Porno-Business lest ihr in unserem Interview mit ihr aus dem großen Sex-Spezial unserer gedruckten Ausgabe.

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