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Twitter soll noch diesen Monat über einen Verkauf entscheiden

06.10.2016

Twitter gilt als Problemkind unter den Social-Media-Plattformen und soll in Verhandlungen mit potenziellen Käufern stehen, die bald abgeschlossen sein könnten.

UPDATE 6. Oktober 2016: Wie Reuters berichtet, soll noch diesen Monat entschieden werden, ob und an wen Twitter verkauft wird. Pünktlich zum Quartalsbericht am 27. Oktober will das Unternehmen „laut mit der Sache vertrauten Personen“ die Verhandlungen mit potenziellen Käufern abgeschlossen haben. Google, Disney und Apple seien mittlerweile aus dem Rennen, womit von den ursprünglich genannten Interessenten nur noch Salesforce übrig bliebe. Twitter CEO Jack Dorsey soll gegen einen Verkauf sein, während Mitgründer Evan Williams sich dafür ausspricht.

UPDATE 27. September 2016: Bloomberg berichtet, dass „laut mit der Sache vertrauten Personen“ auch Disney darüber nachdenkt, Twitter zu kaufen. Der Medienkonzern arbeitet demnach zusammen mit einem Finanzberater an der Evaluation einer möglichen Übernahme der Social-Media-Plattform. Bei dem Deal soll es um Video-Distribution und Streaming gehen, Twitter biete Disney eine Plattform, um Zuschauer auf der ganzen Welt zu erreichen, sagte ein Analyst gegenüber Bloomberg. Keines der beiden Unternehmen wollte den Bericht kommentieren. Twitter-CEO Jack Dorsey ist Vorstandsmitglied bei Disney.

Ursprünglicher Artikel vom 26. September 2016:
Das Jubiläumsjahr sollte für das 2006 gegründete Twitter eigentlich das Jahr des Aufschwungs werden. Doch jetzt sieht es so aus, als würde das börsennotierte Unternehmen bald einen neuen Eigentümer finden. Gerüchte über einen Verkauf gibt es schon seit dem Börsengang im November 2013, als Twitter die Wall Street immer wieder mit stagnierenden Nutzerzahlen enttäuschte.

Der damalige CEO Dick Costolo geriet deshalb so stark unter Druck, dass sogar einer der frühen Investoren, Chris Sacca, indirekt seinen Rücktritt forderte. Soweit kam es auch vor einem Jahr, als Twitter-Mitgründer Jack Dorsey den CEO-Posten übernahm, die Hoffnungen waren groß.

Steigender Druck der Wall Street
Doch der neue Geschäftsführer konnte die Unternehmensentwicklung nicht nachhaltig beeinflussen. Mit 313 Millionen monatlich aktiven Nutzern ist Twitter weit entfernt von Mitbewerbern wie Instagram mit 500 Millionen und Facebook mit 1,7 Milliarden Usern im Monat. Der Umsatz lag im zweiten Quartal 2016 mit 602 Millionen Dollar unter den Erwartungen der Aktionäre, weshalb jetzt auch Dorsey den gleichen Druck wie sein Vorgänger zu spüren bekommt. Sogar sein Gründerkollege Evan Williams meinte im August, dass Twitter sämtliche Optionen in Betracht ziehen müsse. Die Hinweise auf einen Exit trieben die Aktie kurzfristig in die Höhe.

Nicht einmal einen Monat später scheinen die Gespräche mit Kaufinteressenten konkret zu werden, die ersten Angebote würden demnächst eintreffen, berichtete CNBC am Freitag. Als potenzielle Käufer werden Salesforce und Google genannt. Doch auch Microsoft und Verizon haben laut TechCrunch Interesse an Twitter bekundet.

Salesforce will Social Media
Noch hat keines der Unternehmen die Verhandlungen bestätigt. Der Chief Evangelist von Salesforce, Vala Afshar, nannte nach Veröffentlichung der ersten Berichte am Freitag die Gründe für einen möglichen Kauf: Die Plattform sei ein toller Platz zum Vermarkten, ein persönliches Netzwerk zum Lernen, führe zu einer Demokratisierung des Wissens und liefere die besten Echtzeit-Nachrichten.

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Neben den anderen angeblichen Bietern scheint Salesforce als neuer Twitter-Eigentümer unerwartet, der Software-Anbieter hat jedoch auch schon bei LinkedIn mitgeboten. Das Karriereportal ging schließlich für 26 Milliarden Dollar an Microsoft, aber Salesforce hat damit offen Interesse an einem Social-Media-Dienst mit Consumer-Ausrichtung bekundet. Twitter wäre die nächste Chance auf ein Social Network für den CRM-Riesen.

Twitter als Teil der Medienoffensive von Google
Was Twitter von seinen starken Social-Media-Konkurrenten unterscheidet, ist der Fokus auf Berichterstattung und Nachrichten in Echtzeit. Das Tool ist beliebt bei Journalisten und Aktivisten, die auf der Plattform über politische Ereignisse hautnah berichten. Mit Moments hat Twitter ein eigenes Format für einen raschen Nachrichtenüberblick geschaffen. Hier hat das zehn Jahre alte Portal eindeutig Facebook abgehängt, das sich selbst nicht als Medienunternehmen sieht und mit seinen Trending Topics in Verruf geraten ist. Twitter investiert auch in Medieninhalte und überträgt NFL-Spiele und die TV-Duelle der US-Präsidentschaftskandidaten live.

Das könnte für Google attraktiv sein. Die Alphabet-Tochter hat mit Google News zwar einen Nachrichtenaggregator und vergangenes Jahr die Digital News Initiative ins Leben gerufen, eigene journalistische Angebote fehlen dem Suchmaschinenkonzern jedoch noch. Zwischen den beiden Unternehmen besteht seit Jahren ein enges Verhältnis: Twitter ist in den Suchergebnissen mit offiziellen Profilen und Tweets prominent platziert, denn Google bekommt Zugriff auf das Datenmaterial der Plattform. Auch Microsoft hat mit der Suchmaschine Bing eine Verbindung zu Twitter, und beide Technologieriesen hatten bislang mit eigenen Social-Media-Diensten keinen Erfolg.

Hohe Forderungen
Als unwahrscheinlichster Käufer gilt Verizon. Der Telekommunikationskonzern kauft zwar gern in der Branche ein – zuletzt etwa AOL –, ist derzeit aber mit der Übernahme von Yahoo beschäftigt. Dieser Deal könnte allerdings platzen, nachdem Yahoo seinem Käufer einen großen Datendiebstahl verheimlicht haben soll.

An Interessenten mangelt es offenbar nicht, die Frage ist nur, wie viel diese für Twitter hinlegen würden. Das Unternehmen strebt einen Deal in Höhe von 30 Milliarden Dollar an, sagen Insider. Verglichen mit dem LinkedIn-Verkauf wäre Twitter eher 18 Milliarden Dollar wert, schätzt das Tech-Portal Recode. Einen solchen Preis könnte am ehesten Alphabet zahlen. Die Börse reagierte auf die Übernahmegerüchte am Freitag jedenfalls so positiv, dass auch Jack Dorsey klar sein wird: Ein Exit ist der einzige Ausweg aus der Krise für Twitter. Der kritische Investor Sacca ließ die Berichte der vergangenen Tage übrigens unkommentiert.