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Zukunft der Arbeit / Trello kommt nach Deutschland und will Planung stressfrei machen

Karsten Lemm 16.06.2015

Gnadenlos ballert uns der moderne Alltag mit Informationen zu und verlangt Entscheidungen. Im Beruf, aber auch privat: Alles, was noch vor dem Urlaub zu tun ist, das Projekt für den Kindergarten, die Liste für den Umzug, die Geburtstagsparty — ständig will etwas geplant werden. Kein Spaß eigentlich. Nun kommt die Planungs-Software Trello nach Deutschland und tritt mit dem Anspruch an, aus der lästigen Pflicht ein Vergnügen zu machen. Wie soll das funktionieren?

In der US-Version hat Trello schon acht Millionen Fans gefunden, auch zwischen Kiel und Koblenz. „Deutsche sind unsere aktivsten Nutzer außerhalb der englischsprachigen Länder“, sagt Michael Pryor, Mitgründer des New Yorker Trello-Entwicklers Fog Creek Software (bekannt unter anderem durch die Programmierer-Community Stack Overflow).

Trello hilft, ein Projekt gemeinsam besser zu erfassen.

Michael Pryor, Programmierer und Mitgründer von Trello

Präsentiert mit einem Hauch von Pinterest, stehen bei Trello alle Informationen Spalier — der Name leitet sich von trellis ab: Gitter. Die Elemente lassen sich von mehreren Nutzern sortieren, ergänzen, verschieben, immer mit dem Ziel, Ordnung und Überblick zu schaffen. „Trello ist ein Tool, um visuell die Zusammenarbeit zu erleichtern“, erklärt Pryor. „Es hilft dabei, ein Projekt gemeinsam besser zu erfassen, ob zu Hause oder im Büro.“

Ursprünglich für eigene Zwecke bei Fog Creek entwickelt, beschlossen Pryor und sein Geschäftspartner Joel Spolsky, Trello als Freemium-Service anzubieten: Die Masse der Nutzer zahlt nichts — Firmen und Fans, die mehr wollen, können Premium-Angebote abonnieren. Zum Deutschland-Start sprach Pryor mit WIRED Germany über die tägliche Informationsflut, Ordnung in der Unordnung und das Gefühl der Erfüllung, wenn eine Projekt-Etappe als „fertig“ abgehakt werden kann.

Viele kleine virtuelle Zettelchen — so will Trello das Leben vereinfachen.

WIRED: Wozu brauchen wir in einer Welt voller E-Mail, Facebook und Excel noch Trello?
Michael Pryor: Unsere Erfahrung ist: Leute lieben Trello, weil es sehr anschaulich ist. Das Prinzip orientiert sich an einer Tafel mit Post-it-Zetteln. Es kommt der Art entgegen, wie Menschen sich auch im wirklichen Leben etwas merken. Schauen Sie sich um: Am Kühlschrank, am Schreibtisch, am Monitor — überall hängen Zettel, die uns an etwas erinnern sollen. Dieses Visuelle fehlt vielen anderen Anwendungen. Und das ist, glaube ich, der Grund, dass Leute sich für Trello so sehr begeistern können. Wir sehen das auf Twitter, aber auch in Blog-Einträgen, in denen Nutzer berichten, wie sie Trello für alles Mögliche nutzen, vom Projektmanagement bis zur Hochzeitsplanung oder der Wohnungssuche.

Michael Pryor

WIRED: Ein Programm für alle Fälle?
Pryor: Unser Ziel war von Anfang an, eine Software zu entwickeln, die 100 Millionen Menschen nützlich finden könnten. Sie musste also flexibel sein und so unkompliziert, dass jeder sie verstehen würde. Wir dachten allerdings vorwiegend an Anwendungen im Büro. Und dann hörten wir, dass Leute anfingen, auch zu Hause mit Trello zu planen. Heute sind wir bei acht Millionen registrierten Nutzern, und Woche für Woche kommen 100.000 neue hinzu — ganz ohne Werbung. Wir sind immer nur durch Mundpropaganda gewachsen.

WIRED: 100 Millionen Nutzer klingt sehr ehrgeizig.
Pryor: Ich weiß, wir haben uns viel vorgenommen. Aber die Zahl ist Teil unseres Geschäftsmodells. Wir haben uns überlegt: Wenn wir etwas bauen, das 100 Millionen Menschen nutzen, und ein Prozent davon ist bereit, 100 Dollar im Jahr zu zahlen, dann haben wir ein Geschäft mit 100 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Diese Zahlen sind zunächst einmal Richtwerte, sie sollen die Proportionen deutlich machen zwischen Gratisnutzern und zahlenden Kunden. Manche Firmen verlassen sich in vielen Bereichen auf Trello und haben besondere Anforderungen. Dafür sind sie bereit, dann auch zu zahlen.

Heute sind wir bei acht Millionen registrierten Nutzern, und Woche für Woche kommen 100.000 neue hinzu – ganz ohne Werbung.

Michael Pryor

WIRED: Wie genau hilft Trello, produktiver zu arbeiten?
Pryor: Wenn Sie als Manager wissen wollen, wie es um ein Projekt steht, können Sie immer wieder bei Ihren Mitarbeiter nachhaken. Das erzeugt Stress, egal wie freundlich Sie es meinen. Es ist auch viel Arbeit und nicht besonders übersichtlich. Trello macht die Arbeit an einem Projekt sichtbar und zeigt, wo es langgeht. Dazu kommt: Wir alle werden ständig mit Informationen überfrachtet, weil die meisten Software-Tools nach dem Prinzip arbeiten: „Alles, was die Leute an Informationen haben, kommt mit rein.“ Das führt dazu, dass wir uns gefangen fühlen. Wir haben Software erlaubt, uns auf etlichen Wegen zu benachrichtigen, und jetzt übernimmt sie unser ganzes Leben. Die Uhr, das Smartphone, die Inbox – überall treffen Nachrichten ein. Trello setzt ganz bewusst Grenzen: Wenn zu viele Notizen auf das virtuelle Whiteboard geklebt werden, wird es eng, und es fühlt sich ein wenig unangenehm an.

WIRED: Ist der Nutzen, den Trello bringt, messbar?
Pryor: Das wäre großartig, wenn wir sagen könnten: „Mit Trello können Sie so und so viel sparen.“ [lacht] Aber es gibt auch so einen spürbaren Nutzen, denke ich: Wir nehmen etwas, das normalerweise nicht besonders aufregend ist – Planung – und verwandeln es in eine Aufgabe, die Spaß macht. Es bereitet den Leuten Vergnügen, die virtuellen Zettel von einer Spalte in die andere zu verschieben, von „noch in Arbeit“ zu „fertig“. Wir sehen das an den Reaktionen im Netz, und dieses emotionale Echo ist unser größtes Plus. Die Leute erzählen begeistert von Trello, ohne dass wir sie darum gebeten hätten.

Es bereitet den Leuten Vergnügen, die virtuellen Zettel von einer Spalte in die andere zu verschieben.

Michael Pryor

WIRED: Welche Erfahrungen haben
Sie in Ihrer eigenen Firma gemacht?
Pryor: Wir hatten früher immer das Problem, dass wir viele Detailinformationen über unser Geschäft hatten, aber keinen genauen Überblick, wo wir als Unternehmen standen und ob wir uns in die richtige Richtung bewegen. Heute haben wir ein Trello-Board mit allen Teams und Projekten, an denen wir arbeiten. Die Übersicht wird einmal pro Woche aktualisiert. Wir nutzen das Themenbrett auch, um zu feiern, wenn wir Aufgaben abgeschlossen haben. Diese Liste mit Erfolgen bleibt sichtbar. Das ist anders als bei vielen anderen Apps, wo Dinge, die abgehakt sind, meist verschwinden. Wir lassen sie stehen. So wird alles, was man schon erreicht hat, zu einer kleinen Trophäe: Jeder Blick auf Trello zeigt, dass man Fortschritt macht.

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